Zum Hauptinhalt springen

Islamischer Zentralrat in Finanznot

Der IZRS musste eine Geberkonferenz abhalten, um einen Engpass abzuwenden. Offenbar ist der Geldstrom aus den arabischen Golfstaaten versiegt.

Nicolas Blancho, der IZRS-Präsident (r.), und Qaasim Illi, der IZRS-Medienverantwortliche, erscheinen zum Prozess vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona (2018). Foto: Keystone
Nicolas Blancho, der IZRS-Präsident (r.), und Qaasim Illi, der IZRS-Medienverantwortliche, erscheinen zum Prozess vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona (2018). Foto: Keystone

Seit mehr als zwei Jahren ist es um den Islamischen Zentralrat Schweiz (IZRS) still geworden. Das Organ der schweizerischen Salafisten schaffte es weder im In- noch im Ausland, medienwirksame Grossanlässe durchzuführen. Noch im Mai 2017 hatte der IZRS eine geplante Konferenz kurzfristig von Zürich nach Istanbul verlegt. Das Ganze endete im Fiasko, als die türkische Polizei dem Grüppchen um Vereinspräsident Nicolas Blancho und Mediensprecher Qaasim Illi einfach den Strom abstellen liess.

Inzwischen ist aber klar, dass es nicht nur der Druck von Behörden und Justiz war, der den Islamrat in die Bredouille brachte. Dem IZRS fehlen schlichtweg die Ressourcen. Geldströme, die ihren Weg einst vor allem aus Katar und Kuwait zum Islamrat nach Bern-Bümpliz fanden, sind offenbar versiegt, wie Führungsmitglieder hinter vorgehaltener Hand zugeben.

Der IZRS musste deshalb Anfang Dezember zu einer kurzfristig angekündigten «Geberkonferenz» im Hauptbahnhof Zürich einladen. Nach Zählung dieser Zeitung erschienen gerade einmal rund 30 Personen – Vereinsvorstand und Aktivmitglieder eingeschlossen.

Arabischer Bruderzwist

Dass der Geldstrom vom Golf nicht mehr wie früher sprudelt, hat auch mit den politischen Verwerfungen auf der Arabischen Halbinsel zu tun. Im Sommer 2017 verhängten Saudiarabien und andere Golfstaaten eine totale Blockade gegen Katar, weil der wichtige Erdgasproduzent angeblich den Terrorismus finanziere. Katars Emir reagierte kurz darauf mit dem Erlass eines eigenen Anti-Terrorismus-Gesetzes. Plötzlich lag dem arabischen Zwergstaat daran, alle Verbindungen zu kappen, die auch nur entfernt an al-Qaida oder den IS erinnerten.

Heikel wurde es für den Islamrat in diesem Zusammenhang, als die Bundesanwaltschaft im September 2017 drei IZRS-Vorstandsmitglieder wegen Terrorpropaganda anklagte. Im Sommer 2018 erhielt Naim Cherni, der «Kulturproduzent» des Islamrats, deshalb eine Bewährungsstrafe von 20 Monaten, während Blancho und Illi infolge von Formfehlern freigesprochen wurden.

Sämtliche Entscheide wurden seither vors Bundesgericht weitergezogen. Dessen Urteil wird in diesem Jahr erwartet. Der Verdacht, dass der IZRS Propaganda für al-Qaida verbreite, hat der Salafistenorganisation jedenfalls geschadet. In Katar, das ohnehin schon mit seinem schlechten Ruf als Terrorfinanzierer zu kämpfen hat, ging man zum Islamrat offenbar auf Distanz. Da half es auch nichts, dass sich der IZRS im Streit auf der Arabischen Halbinsel klar hinter das kleine Emirat stellte.

Schluss mit Fitness

Versiegte Einnahmequellen sind das eine, ausufernde Ausgaben das andere. Zwar arbeiten die Vorstandsmitglieder des IZRS nach eigenem Bekunden gratis, doch schlagen die angemieteten «repräsentativen Büroräumlichkeiten» in Bümpliz mit einer monatlichen Miete von rund 4000 Franken zu Buche. Hinzu kommen juristische Aufwendungen und Ausgaben für mindestens zwei vereinseigene Fahrzeuge. Seit dem Fiasko von Istanbul hat der IZRS zahlreiche kleinere Veranstaltungen in den Räumen des ehemaligen 4U-Fitnesszentrums in Zürich-Altstetten durchgeführt.

Doch das muslimische Fitnesszentrum, in dem Männer und Frauen getrennt trainierten, war ein finanzieller Flop. Die dahintersteckende Firma, die mit IZRS-Sympathisanten verbandelte Zürcher Swiss Legacy Investments AG, ging in Konkurs. Gemäss Gerichtsurteil vom Juli 2019 schuldet sie dem Besitzer des Altstetter Gebäudes, in dem das 4U-Fitnesszentrum eingemietet war, knapp 30’000 Franken.

Von der IZRS-Geberkonferenz, die in einem Seminarraum des Restaurants Au Premier im Zürcher Hauptbahnhof stattfand, erfuhr diese Zeitung von einem aufmerksamen Bargast. Dieser wunderte sich über die schwarz verschleierten Frauen und die Männer mit den langen Bärten, die plötzlich im sonst eher weltlichen Au Premier auftauchten.

Als Mediensprecher Illi mit seiner schätzungsweise vierjährigen Tochter, die ebenfalls ein schwarzes Kopftuch trug, an der Hand durchs Restaurant spazierte, begann der Gast mit seinem Smartphone Bilder aufzunehmen. Zu sehen ist darauf auch ein kurdischstämmiger Arzt, dessen Bruder eine mutmasslich hochrangige Richterfunktion beim IS in Syrien innehatte und deshalb zur Fahndung ausgeschrieben wurde. Der Arzt ist ein regelmässiger Gast bei IZRS-Veranstaltungen.

«Bedauernswerte Bilanz»

Nach der Geberkonferenz zeigte sich Qaasim Illi in einem Video erfreut über die vielen Spendenzusagen. Es seien insgesamt 150’000 Franken zusammengekommen, womit ungefähr das Jahresbudget des Islamrats gedeckt sei. Der IZRS schrieb in der Folge sogar eine Teilzeitstelle in der Administration des Vereins aus.

Allerdings bleibt unklar, wie viele der Spendenzusagen tatsächlich eingehalten wurden, denn die Zahlungsmoral ist unter den IZRS-Mitgliedern traditionell eher schwach.So schreibt Nicolas Blancho im Jahresbericht 2018 des Islamrats, dass nur gerade zwei Drittel der IZRS-Mitglieder ihren Beitrag regelmässig bezahlten. Das sei «eine bedauernswerte Bilanz». Auf die Frage dieser Zeitung, wie viel Geld denn nun wirklich eingegangen ist, blieb Illi die Antwort schuldig.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch