«Kein Grund, den Chef des Nachrichtendienstes zu entlassen»

Peter Regli, ehemaliger Geheimdienstchef, verteidigt das Vorgehen von Ueli Maurer in der Affäre um den Datendiebstahl.

«Vor Maurers Haltung ziehe ich den Hut»: Ex-Geheimdienstchef Peter Regli.

«Vor Maurers Haltung ziehe ich den Hut»: Ex-Geheimdienstchef Peter Regli.

(Bild: Keystone)

Peter Regli war als Chef des Nachrichtendienstes 1991 bis 1999 in mehrere Affären verwickelt, wurde vom Bundesrat 2007 aber rehabilitiert. Im Fall des Datendiebstahls eines IT-Mitarbeiters warnt Regli vor zu schnell gezogenen Konsequenzen. Er stützt mit seiner Ansicht Bundesrat Ueli Maurer.

Hatten Sie als Geheimdienstchef auch mit Datendiebstählen zu tun?
Als ich 1990 den Nachrichtendienst übernahm, wurde die Informatik als wichtiges Hilfsmittel erst gerade aufgebaut. Die IT war noch nicht so bedeutend wie heute. Darum gab es die Gefahr solcher Diebstähle gar nicht; ich hatte nie mit einem solchen Fall zu tun.

Es gab damals nur schriftliche Unterlagen und Informationen?
Wir hatten sehr viele Unterlagen auf Papier und Fotos, die wir auswerteten und dann archivierten. Diese Form der Daten reduzierte sich mit der IT im Laufe der Neunzigerjahre massiv.

Ein Datendiebstahl war zu Ihrer Zeit also wesentlich schwieriger.
Ja, in Bezug auf die Informatik sicher.

Lässt es sich jemals verhindern, dass geheime Daten von Mitarbeitenden des Geheimdienstes gestohlen werden?
Die Mitarbeitenden eines Nachrichtendienstes nehmen jeden Tag sehr viele Informationen mit nach Hause, die sie in ihren Köpfen gespeichert haben. Die Grundlage der Arbeit in einem Geheimdienst ist das Vertrauen. Der Chef muss sich darauf verlassen können, dass seine Mitarbeitenden ihr Wissen nicht missbrauchen.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.
Es ist in diesem Fall laut Bundesanwaltschaft noch kein Schaden entstanden, das Leck wurde rechtzeitig entdeckt. Der Direktor des Nachrichtendienstes muss nun herausfinden, wo Fehler gemacht wurden, wo die Schwachstellen liegen, ob es mehr Personal braucht und so weiter. Er muss auch abklären, ob seine Mitarbeiter punkto Sicherheitsrisiko häufiger oder anders überprüft werden müssen, als es die aktuellen Vorschriften erlauben.

Der verdächtige IT-Mitarbeiter hat astronomische Mengen von Daten gestohlen. Laut Medien würde der Ausdruck 25 Millionen A4-Seiten umfassen. Woher kommt diese Riesenflut Informationen?
Als es die Informatik noch nicht gab, sammelten wir Tonnen von Papier. Heute sind es Terabites. Täglich kommen Gigabites von Daten dazu, von den eigenen Quellen, von den Partnerdiensten im Ausland, von offenen Quellen. Informationen aus der ganzen Welt, und vieles muss übersetzt werden.

Wenn es dem Datendieb gelungen wäre, diese Informationen zu verkaufen – der Käufer könnte mit dieser riesigen Menge vorerst wohl nicht viel anfangen.
Der Datendieb hätte, so wie ich das beurteile, während längerer Zeit das Material gesichtet und die Rosinen herausgepickt und einzeln verkauft.

Die Untersuchungsbehörden liessen verlauten, die Sicherheit der Schweiz hätte erheblich gefährdet werden können, wären die Daten verkauft worden. Das tönt sehr dramatisch.
Der Fall ist sehr ernst. Wäre der Verkauf gelungen, hätten wir ein echtes Problem gehabt.

Zum Beispiel, dass die ausländischen Nachrichtendienste unserem Geheimdienst nicht mehr vertraut hätten.
Das ist eine Variante. Allerdings hat jeder Dienst früher oder später ein ähnliches Problem. Wenn es auftritt, wird der Partner normalerweise sofort informiert. Meistens hat dieser Verständnis für das, was passiert ist. Aber natürlich – er fragt sich, wie zuverlässig ein Land noch ist, ob man ihm weiterhin Informationen geben kann. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Partnerdienste vor allem darauf schauen, wie sich die politischen Vorgesetzten verhalten. Ich erlebte einen politischen Chef, der mich im Fall Bellasi 1999 sofort suspendierte. Es wurde im Ausland sehr negativ registriert, dass der politische Vorgesetzte den Direktor seines Nachrichtendienstes kaltstellt, um sich selber zu schützen.

Sie meinen, es wäre problematisch, wenn Bundesrat Ueli Maurer den Chef des Nachrichtendienstes, Markus Seiler, jetzt schon öffentlich gerügt, geschweige denn suspendiert hätte?
Das hätte dem Ansehen der Schweiz sehr geschadet. Bundesrat Ueli Maurer hat jetzt noch keinen Grund, den Chef des Nachrichtendienstes zu entlassen. Er steht hin und spricht Direktor Seiler das volle Vertrauen aus. Vor dieser Haltung ziehe ich den Hut. Wenn alle Abklärungen abgeschlossen sind, wird sich Herr Maurer überlegen, ob Herr Seiler weiterhin der Richtige ist, um den Nachrichtendienst zu leiten. Aber nicht vorher.

Tages-Anzeiger

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