Wie sich die Schweiz dem Klimawandel anpassen soll

Weil sich der Klimawandel nur begrenzt bekämpfen lasse, müsse sich die Schweiz anpassen, hält das Bundesamt für Umwelt fest. Der Bund hat dabei nicht nur Bergregionen oder die Landwirtschaft im Fokus, sondern auch die Städte.

In den Städten verschaffen Grünanlagen und Bäume Kühlung. Allerdings nur lokal.

In den Städten verschaffen Grünanlagen und Bäume Kühlung. Allerdings nur lokal.

(Bild: Keystone)

Der Bergsturz in Bondo hat die Diskussion um den Klimawandel angefeuert. Auftauender Permafrost und schmelzende Gletscher rücken die Berggebiete ins Zentrum des Interesses. Marc Chardonnens, Direktor des Bundesamts für Umwelt (Bafu), ist vorsichtig mit Aussagen darüber, ­inwieweit der Klimawandel für das Unglück in Bondo ausschlag­gebend war. An der gestrigen ­Medienorientierung zum Thema Klimaerwärmung hielt er einzig fest: «Der Klimawandel ist Realität.» Die Auswirkungen spüren nicht nur Berggebiete und Landwirtschaft, sondern auch Städte, wo die Temperaturen höher sind als auf dem umliegenden Land.

Im Hitzesommer 2003 zählte man in der Schweiz tausend zusätzliche Todesfälle. Vor allem bei Temperaturen ab 32 Grad steigt die Sterblichkeit, wie Martin Röösli vom Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut (Swiss TPH) erläuterte. Einen stärkeren Einfluss als das Tagesmaximum hätten aber Tropennächte. Kühlt es nachts nicht ab, kann sich der Körper nicht erholen.

Heisse Nächte sind gefährlich

Im Stadtberner Bollwerkquartier ist es nachts 2 Grad wärmer als in der einige Kilometer weit entfernten Gemeinde Zollikofen. Inzwischen gebe es zwar auch in Zollikofen Tropennächte, hielt Jan Remund von Meteotest fest. Doch vor allem in der Stadt sei mit einer Zunahme jener Nächte zu rechnen, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad falle. Modelle würden zeigen, dass die Temperaturen in der Stadt Bern in den nächsten hundert Jahren rund 4 Grad anstiegen und die Anzahl Tropennächte auf etwa 40 pro Jahr zunehmen werde.

Auf die Hitze reagieren vor allem ältere Personen. Herz-Kreislauf-Probleme, Atemwegsprobleme oder Schwierigkeiten mit den Nieren können laut Röösli die Folgen hoher Temperaturen sein. Die Hitze schränke aber auch bei jüngeren Personen zum Beispiel die Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz ein.

Neben den Menschen reagieren unter anderem die Bäume in den Städten auf Hitze. Bei hohen Temperaturen und wenig Niederschlag zeigen sie Stresssymptome.

Strassenbäume seien stärker betroffen als Bäume in privaten Gärten, sagte gestern Oliver Gardi von der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (Hafl) in Zollikofen. Er verwies an der Medienorientierung auf die Rosskastanie, die jetzt eigentlich noch grün sein sollte, in der Stadt aber bereits Verfärbungen zeigt. Trockenstress sei einer der Gründe, aber auch die Kastanienminiermotte. Schädlinge würden von dem wärmeren Klima profitieren, sagte Gardi.

Informationen für Menschen

Im Rahmen des Klimaabkommens von Paris will der Bund die Erwärmung bekämpfen. Doch letztlich müsse man sich auch an den Klimawandel anpassen, hält das Bafu fest. Es hat dazu rund dreissig Projekte lanciert, die zeigen, wie diese Anpassung möglich ist. Das Swiss TPH in Basel hat sich mit den Auswirkungen der Hitzewellen auf die Bevölkerung befasst.

Laut Martin Röösli vom Swiss TPH zeigen kantonale Aktionspläne eine Wirkung. Das Tessin und Westschweizer Kantone haben sie nach dem Sommer 2003 entwickelt. Sie haben positive Auswirkungen auf die hitzebedingte Sterblichkeit. Die involvierten Kantone informieren die Bevölkerung, warnen Institutionen wie Pflegestationen vor steigenden Temperaturen, und einige führen Listen mit gefährdeten Personen. Diese Personen werden bei Hitzewellen gezielt von Betreuungspersonen kontaktiert und auf Schutzmassnahmen aufmerksam gemacht.

Resistente Bäume

Bäume sorgen in den Städten dank ihrem Schatten und dank der Wasserverdunstung für Kühlung. Diese sei zwar sehr lokal, sagte Oliver Gardi. Trotzdem werde sie bei steigenden Temperaturen an Bedeutung gewinnen. Stadtbäume weisen eine Lebensdauer von fünfzig bis hundert Jahre auf, entsprechend sollen sie für die Zukunft gerüstet sein. Die Berner Fachhochschule Hafl und die Stadt Bern haben sich im Rahmen ihres Projekts damit ­befasst, wie die verschiedenen Baumarten auf die Veränderungen reagieren. Sie zeigen, dass die Rosskastanie bereits geschwächt ist und zunehmend Probleme haben wird.

Hingegen erwiesen sich die Hopfenbuche oder der Französische Ahorn als klimafit. Sie werden denn auch vermehrt angepflanzt. In der Stadt Bern sei die Ausgangslage günstig, sagte Sabine Tschäppeler von Stadtgrün Bern. Die Stadt habe bereits einen grossen Baumbestand. Man werde nun auch vermehrt auf Fassaden- und Dachbegrünung achten und möglichst wenig Fläche asphaltieren. Konfliktpotenzial sieht sie jedoch beim Ziel einer verdichteten Stadtentwicklung nach innen.

Die Rosskastanie werde nicht aus dem Stadtbild verschwinden, beruhigt Tschäppeler. Man werde sie weiterhin anpflanzen, aber nicht mehr im selben Ausmass und nicht im Strassenraum. Ausserdem werde man bei neuen Baumalleen die Arten möglichst mischen und damit die Risiken für einen Bestand zu reduzieren versuchen.

Berner Zeitung

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