«Nur wenig Bauern erreichen Stundenlohn von 29 Franken»

Der Wert der Landwirtschaft werde unterschätzt, sagt Bauernverbandspräsident Markus Ritter. Und präsentiert eigene Zahlen.

Bauern würden günstiger arbeiten als «Beamte», sagt Bauernverbandspräsident Markus Ritter.

Bauern würden günstiger arbeiten als «Beamte», sagt Bauernverbandspräsident Markus Ritter.

(Bild: Keystone)

Beni Gafner@Tamedia

Der Schweizer Bauernverband sucht vermehrte Anerkennung in der Politik. Deshalb kämpft er gegen eine Marginalisierung der wirtschaftlichen Leistung der Landwirtschaft. An einer Medienkonferenz in Hergiswil wehrten sich gestern die Spitzenvertreter des Bauernverbands gegen die gängige Betrachtungsweise, die wirtschaftliche Bedeutung des Landwirtschaftssektors alleine am Anteil am Brutto­inlandprodukt zu bemessen.

«Dem effektiven Wert der einheimischen Urproduktion, der Landwirtschaft, wird diese Zahl in keiner Art und Weise gerecht», sagte Bauernverbandspräsident Markus Ritter. Die Bemessung wertschöpfungsstarker Branchen in den urbanen Zentren, wie Banken, Pharmaindustrie oder Versicherungen, überdecke den Umstand, dass es ländliche Gebiete gebe, in denen die Bauern einen wirtschaftlich bedeutenden Faktor darstellten.

An der Medienkonferenz lieferte der Bauernverband Zahlen: Demnach geben Bauernfamilien jährlich rund 6,3 Milliarden Franken aus, die praktisch vollumfänglich im lokalen Gewerbe landeten – etwa beim Tierarzt, beim Landmaschinenhändler und beim Zimmermann.

300'000 Stellen

Auf der anderen Seite produzierten die Bauern Lebensmittelrohstoffe und Lebensmittel im Wert von jährlich rund zehn Milliarden Franken. Daraus wiederum entstehe ein Gesamtmarkt in Verarbeitung und Handel von gegen 60 Milliarden Franken. Dass die Landwirtschaft vielenorts tragende Stütze lokaler Wirtschaft, örtlicher Infrastruktur und des Dorf­lebens sei, zeige sich auch am Umstand, dass die Branche mit rund 300'000 Stellen acht Prozent aller Arbeitsplätze sichere.

Nutzen für die Allgemeinheit: Ein Bauer mäht ein Strassenbord bei Athenaz im Kanton Genf. Foto: Keystone

Wert legte der Bauernverband an seiner Medienkonferenz auch auf eine bessere Anerkennung der gemeinwirtschaftlichen Leistungen der Landwirtschaft. Der Nutzen solcher Leistungen sei zwar politisch und gesellschaftlich durchaus anerkannt, deren Wert aber nicht beziffert. Als Beispiele gemeinwirtschaftlicher Leistungen nannte Bauernverbandsdirektor und FDP-Nationalrat Jacques Bourgeois gestern die Versorgungssicherheit, die Landschaftspflege oder die Belebung des ländlichen Raums. «Ohne die Bauern wäre die Schweiz ein grosses Waldgebiet», sagte Bourgeois.

Weil offizielle Zahlen fehlen, lieferte der Bauernverband eigene, und zwar für den Bereich Landschaftspflege. Für die Grünpflege entlang der Autobahnen wende der Bund gemäss offiziellen Angaben des Bundesamts für Strassen jährlich 8200 Franken pro Hektare auf. Rechne man dies für das Mähen der 1,5 Millionen Hektaren Landwirtschaftsfläche hoch, würden jährlich Kosten von rund 6,2 Milliarden Franken entstehen – bei einem halbierten Betrag, aufgrund von Skaleneffekten. «Wir haben den Betrag einmal halbiert, weil man eine derart riesige Fläche mit grossen Maschinen einfacher mähen könnte, als dies Staatsangestellte entlang der Nationalstrassen tun können», erklärt Ritter den «Skaleneffekt».

Schwächung befürchtet

Markus Ritter will damit unterstreichen, dass die Bewirtschaftung der Landwirtschaftsfläche durch «Beamte» viel teurer käme – weil die Bauern sehr günstig arbeiteten. «Nur die wenigsten Bauern erreichen den Schweizer Durchschnittsstundenlohn von 29 Franken», sagt Ritter.

Die Informationsoffensive des Bauernverbands hat Hintergründe. Dieses Jahr stehen diverse politische Entscheide an, die den Bauernstand direkt betreffen. Dazu gehören die Weiterentwicklung der Agrarpolitik, die Revision des Raumplanungsgesetzes für das Bauen ausserhalb der Bauzone, neue Freihandelsabkommen und die Volksinitiativen «Für sauberes Trinkwasser» und «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide».

Alle diese Traktanden haben laut Markus Ritter das Potenzial, die Weiterentwicklung der Bauernbetriebe und die Wirtschaftlichkeit der Lebensmittelproduktion zu schwächen.

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