Radikale Energiewende mit weniger Subventionen

Die Produktion von Solarstrom massiv ausbauen und gleichzeitig die KEV-Subventionen abbauen. Mit diesem Vorschlag für eine radikale Energiewende setzt sich der Unternehmer Anton Gunzinger zwischen Stuhl und Bank.

Die Energiestrategie, über die der Ständerat ab Montag debattiert, spaltet Parteien, Verbände und das Parlament. Besonders umstritten ist die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV), welche die Produktion von Strom aus Sonne, Wind, Biomasse und Wasserkraft quersubventioniert. Der Nationalrat hat die KEV-Subventionen im vergangenen Jahr auf 2,3 Rappen pro Kilowattstunde erhöht.

Dank der KEV-Subventionen soll die Stromproduktion aus erneuerbarer Energie exklusive Wasserkraft bis ins Jahr 2035 auf 14,5 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr oder rund ein Viertel des heutigen Schweizer Stromverbrauchs anwachsen. Bis dahin ist es ein weiter Weg. Denn im Jahr 2014 lag der Anteil bei knapp 4 Prozent. Die einen zweifeln daran, dass die Ziele des Bundesrats jemals auch nur annähernd erreicht werden. Andere dagegen peilen weit höhere Werte an.

Zur Gruppe der Ökostrom-Turbos bekennt sich der Unternehmer und ETH-Professor Anton Gunzinger in seinem Buch «Kraftwerk Schweiz». Darin plädiert er für einen weit stärkeren Ausbau der Stromproduktion aus Solar- und Windkraft sowie Biomasse, als es die Strategie des Bundesrats vorsieht: Gemäss seinem bevorzugten Szenario soll die Schweiz künftig 19 Milliarden kWh Solarstrom pro Jahr erzeugen; das wären 22-mal mehr als im Jahr 2014.

Die Produktion von Wind- und Biomassestrom will er gegenüber 2014 ebenfalls vervielfachen. Diese Wende zu einer hundertprozentig erneuerbaren Stromerzeugung, die der Professor «innerhalb von zwanzig Jahren» anstrebt, freut die Umweltverbände.

Subventionen streichen...

Andererseits will Gunzinger die kostendeckende Einspeisevergütung für Strom aus erneuerbarer Energie abschaffen, was die Solarlobby entsetzt. Anstelle dieser KEV sollen neue Solarkraftwerke nur noch mit einem einmaligen Investitionsbeitrag von 30 Prozent der Anlagekosten unterstützt werden; diese Lösung haben Bundesrat und Parlament erst für Kleinanlagen bis 10 Kilowatt Leistung bereits eingeführt. Den Investitionsbeitrag will Gunzinger zudem jährlich um 2 Prozentpunkte senken, womit die Quersubventionierung von Solarstrom ab 2030 ganz auslaufen würde.

Damit fragt sich: Wie lässt sich der massive Ausbau des Solarstroms ohne KEV-Subventionen finanzieren? Anton Gunzinger geht davon aus, dass die Produktionskosten des Solarstroms weiter sinken; in seinem Szenario rechnet er mit Produktionskosten von nur noch 6,6 Rappen/kWh für Dachanlagen im Mittelland und 9,6 Rappen/kWh für alpine Solarkraftwerke; eine Kostensenkung, die Vertreter der Solarbranche als illusorisch bezeichnen.

David Stickelberger, Geschäftsführer des Verbandes Swissolar, sagt: Um kleine Fotovoltaikanlagen zu realisieren, deren Strom sich als Eigenverbrauch nutzen lässt, möge der Investitionsbeitrag von 30 Prozent genügen. Für grosse Anlagen ab 100 Kilowatt Leistung biete dieser Beitrag hingegen «keinen brauchbaren Anreiz». Grosse Anlagen wie etwa die von Gunzinger vorgesehenen alpinen Solarkraftwerke aber seien nötig, um die angestrebte Solarstromproduktion von 19 Milliarden kWh zu erreichen. Um Investoren dafür zu finden, sagt Stickelberger, brauche es die KEV weiterhin.

... dafür volle Kostenwahrheit

Anton Gunzinger hält trotz der Kritik aus der Solarbranche an seinen Ideen fest. Um diese erfolgreich umzusetzen, fordert er die «volle Kostenwahrheit» bei der Stromproduktion – also die Überwälzung der Kosten für nukleare Risiken, Umweltschäden oder Klimawandel auf die Energiepreise. Dazu müsste Strom aus Atom-, Kohle- und Gaskraftwerken mit einer Energie oder CO2-Abgabe massiv verteuert werden. Auf diese Weise werde Solarstrom auch ohne Subventionen rentabel.

Allerdings hat der politische Widerstand die Einführung von Lenkungsabgaben bisher verhindert. So gibt es In der Schweiz erst eine bescheidene CO2-Abgabe auf Brennstoffen. Die beantragte CO2-Abgabe auf fossilem Importstrom hängt politisch in der Luft, ebenso die Energielenkungsabgabe, die Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf einführen will.

Widerstand kommt auch vom Markt: Solange die Stromflut die Preise in den Keller drückt, investieren Schweizer Stromproduzenten nur noch in subventionierte Kraftwerke; dies vorwiegend im Ausland. Darauf angesprochen, räumt Anton Gunzinger ein: «Mein Wunsch nach einer autarken erneuerbaren Schweizer Stromversorgung beisst sich mit den Renditeüberlegungen der Investoren.»

Anton Gunzinger: «Kraftwerk Schweiz», Zytglogge Verlag 2015.

Berner Zeitung

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