So stark sind die Prämien in den letzten Jahren gestiegen

Wir zahlen immer mehr für die Krankenkasse – obwohl unsere Löhne nicht Schritt halten können.

Fordern eine Obergrenze: SP-Mitglieder bei der Lancierung der Prämien-Entlastungs-Initiative im Februar 2019. Foto: Keystone

Fordern eine Obergrenze: SP-Mitglieder bei der Lancierung der Prämien-Entlastungs-Initiative im Februar 2019. Foto: Keystone

Yannick Wiget@yannickw3

Auf den ersten Blick ist es eine gute Nachricht: Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat bekanntgegeben, dass die Krankenkassenprämien im kommenden Jahr im Schnitt nur um 0,2 Prozent steigen. In zehn Kantonen werden sie sogar billiger, darunter in Basel-Stadt, Bern und Zürich.

Doch aufgepasst. Die «sehr gute Neuigkeit», die Gesundheitsminister Alain Berset verkündet hat, täuscht über die Entwicklung der letzten Jahre hinweg. Diese kannte nur eine Richtung: nach oben. Die nachfolgende Grafik ist irreführend. Sie suggeriert, dass der Trend schwankend ist oder über einen längeren Zeitraum sogar rückläufig. Tatsächlich ist aber das Gegenteil der Fall. Mit Ausnahme von 2008 haben sich die Krankenkassenprämien jedes Jahr erhöht.

Diese Zunahme betrifft jeden. Denn die Beiträge für die obligatorische Grundversicherung müssen alle Bewohnerinnen und Bewohner in der Schweiz bei einer Krankenkasse abschliessen. Und seit Inkrafttreten der obligatorischen Krankenversicherung stiegen die Prämien jährlich um durchschnittlich 3,8 Prozent.

1996 betrug die mittlere Prämie noch 128 Franken im Monat. Seither hat die durchschnittliche Belastung pro Person stark zugenommen. Im kommenden Jahr zahlen Versicherte in der Schweiz im Schnitt schon über 315 Franken monatlich an ihre Krankenkasse – zweieinhalbmal so viel.

Am stärksten ist die Zunahme bei den jungen Erwachsenen (19–25 Jahre) – und dies, obwohl in dieser Altersgruppe die Prämien 2019 erstmals seit langem gesunken sind. Im aktuellen Jahr zahlen sie noch durchschnittlich 274 Franken im Monat und damit 15 Prozent weniger als 2018. Auch im kommenden Jahr gibt es eine leichte Reduktion von 2 Prozent. Trotzdem haben sich die Prämien der jungen Erwachsenen seit der Jahrtausendwende mehr als verdoppelt.

Auch die anderen Altersgruppen zahlen heute fast doppelt so viel wie noch im Jahr 2000. Bei den Kindern (0–18 Jahre) erhöhten sich die monatlichen Beiträge von durchschnittlich 52 auf fast 100 Franken, bei den Erwachsenen (ab 26 Jahren) von 188 auf über 374 Franken.

Jetzt könnte man entgegnen, dass in den letzten Jahren auch die Löhne gestiegen sind. Das stimmt, seit 1996 haben sie im Schnitt um 31 Prozent zugenommen. Mit dem Wachstum der Prämien können sie aber nicht einmal ansatzweise Schritt halten. Die Durchschnittsprämie stieg im selben Zeitraum um ganze 143 Prozent. Die Schere zwischen dem Einkommen der meisten Schweizerinnen und Schweizer und den Beiträgen an die Krankenkasse geht also immer mehr auf.

Als Folge davon belasten die Prämien die Haushalte immer stärker, vor allem solche mit Kindern. Ein Viertel der Schweizer Bevölkerung bezieht eine individuelle Prämienverbilligung (IPV), um die Ausgaben abzufedern. Doch die Beiträge zur IPV steigen weniger rasch als die Prämien selbst, wie ein Monitoring des Bundes zeigt. Bei wirtschaftlich schwachen Haushalten macht die durchschnittliche Belastung durch die Krankenversicherung schon 14 Prozent des verfügbaren Einkommens aus.

Politisch werden deshalb Rufe nach einer Obergrenze laut. Die SP hat die sogenannte Prämien-Entlastungs-Initiative lanciert, die fordert, dass die Prämien maximal 10 Prozent des verfügbaren Haushaltsbudgets ausmachen dürfen. Der Rest soll über die IPV ausgeglichen werden, was für Bund und Kantone zu Mehrkosten von 3,6 Milliarden Franken führen würde. Aus Sicht der SP ist das notwendig. Für viele Haushalte seien die Ausgaben zu einer «unerträglichen Last» geworden, sagt die Partei. Besonders für Familien, die gerade ein wenig zu viel verdienten, um eine IPV zu erhalten.

Seit Oktober 2018 läuft zudem die Unterschriftensammlung für die Kostenbremse-Initiative der CVP. Diese verlangt, dass die Gesundheitskosten – und damit auch die Prämien – nicht stärker wachsen dürften als die Gesamtwirtschaft und die Löhne. Laut CVP lassen sich dadurch 6 Milliarden Franken sparen.

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