Sportunfälle führen zu immer mehr Schwerstgelähmten

Das Paraplegikerzentrum in Nottwil nimmt inzwischen mehr stark gelähmte Tetraplegiker als Paraplegiker auf. Schuld sind Sportunfälle und die Demografie.

«Immer mehr Menschen sind bereit, hohe Risiken in Kauf zu nehmen»: Extrem-Snowboarder in Verbier.

«Immer mehr Menschen sind bereit, hohe Risiken in Kauf zu nehmen»: Extrem-Snowboarder in Verbier.

David Schaffner@SchaffnerDavid

In der Schweiz gab es lange mehr Paraplegiker als Tetraplegiker: Über 60 Prozent der Querschnittgelähmten waren vor allem an der Rumpf- und Beinmuskulatur gelähmt, konnten aber ihre Arme und Hände noch bewegen und folglich ein relativ selbstständiges Leben führen (Paraplegiker). Knapp 40 Prozent waren Tetraplegiker. Diese können oft nur noch den Kopf oder die Zunge aus eigenem Vermögen bewegen und müssen teilweise künstlich beatmet werden.

Mittlerweile hat sich das Verhältnis bei den neuen Fällen geändert: Im Paraplegikerzentrum in Nottwil machen seit 2008 die Tetraplegiker mit ihren schweren Lähmungen mehr als die Hälfte aus (siehe Grafik 1). Die Gesamtzahl der Menschen, die jedes Jahr neu betroffen sind, ist dabei mit rund 200 etwa gleich hoch geblieben. Die anderen drei – deutlich kleineren – Schweizer Spezialkliniken stellen keinen klaren Trend zur Tetraplegie fest, wie eine TA-Umfrage bei der Balgrist Klinik Zürich, bei Rehab Basel sowie bei der Suva-Klinik in Sion zeigt. Entscheidend ist aber vor allem Nottwil, wo zwei Drittel aller Schweizer Fälle betreut werden.

Wie erklärt man dort den Trend hin zu schwersten Behinderungen? «Einerseits nehmen schwere Sportunfälle und krankheitsbedingte Querschnittbehinderungen zu», sagt der Nottwiler Chefarzt Michael Baumberger. «Andererseits ist die Anzahl der Autounfälle mit Paraplegie-Folgen in den letzten Jahren rückläufig, da der Sicherheitsstandard in neuen Autos deutlich besser ist.»

Wie eine Statistik der Unfallversicherung Suva zeigt, waren von 1984 bis 2009 Unfälle mit Autos oder Motorrädern in mehr als der Hälfte (51,5 Prozent) Ursache der unfallbedingten Querschnittlähmungen. Sportunfälle hingegen verursachten in dieser Periode nur 17,7 Prozent der unfallbedingten Fälle. Wie stark ihre Zahl im Verlauf der Jahre exakt gestiegen ist, lässt sich nicht zeigen, da die Suva ihre Daten nicht nach einzelnen Jahren aufschlüsselt – und die Nottwiler Statistik nicht nach Unfallart unterscheidet.

Hohe Risiken in Kauf nehmen

Die Zunahme der schweren Sportunfälle führt Baumberger auf einen allgemeinen, gesellschaftlichen Wandel zurück: «Immer mehr Menschen sind bereit, hohe Risiken in Kauf zu nehmen», sagt der Chefarzt. «Schwere Unfälle treten vor allem beim Biken, Snowboarden oder beim Kopfsprung ins Wasser auf.» Der Rennsport mit Motorrädern spiele ebenfalls eine Rolle.

Laut Baumberger sind viele, die sich einen Risikosport zutrauen, schlecht dafür vorbereitet: «Im Hockey oder American Football trainieren die Sportler ihre Halsmuskulatur, damit sie schwerere Belastungen aushalten», erklärt Baumberger. «Viele Menschen aus der breiteren Bevölkerungsschicht trainieren nicht derart spezifisch.» Da sich auch Frauen immer risikofreudiger zeigten, nehme ihr Anteil unter den Tetraplegikern zu – die Männer seien aber immer noch in der Mehrheit.

Der Pflegeaufwand steigt

Bei krankheitsbedingten Lähmungen sorgt vor allem die Alterung der Gesellschaft für eine Zunahme der schweren Fälle: Verschiedene Beschwerden führen schleichend zu einer immer stärkeren Einschränkung der Bewegungsfähigkeit. Je älter ein Mensch wird, desto ausgeprägter sind die Symptome – bis hin zur schwersten Querschnittlähmung. Unter anderem führen laut Baumberger «Krebs, Metastasen, Gefässerkrankungen, Zeckenbisse, Viren, Bakterien oder die HIV-Erkrankung zu Querschnittlähmungen» &endash allerdings nur in Einzelfällen. Der Anteil der krankheitsbedingten Fälle nahm in Nottwil in den letzten Jahren generell zu: Während 2006 erst 24 Prozent der Erstrehabilitationen auf eine Krankheit zurückgingen, waren es 2010 knapp die Hälfte (siehe Grafik).

Mit der Zunahme von schweren Fällen ist in Nottwil auch der Pflegeaufwand gestiegen: Während er pro Patient und Tag im Jahr 2006 noch 4,7 Stunden betrug, sind es im laufenden Jahr bereits 6,3 Stunden. «Tetraplegiker haben Atemschwierigkeiten, die tags und nachts zu schweren Komplikationen führen können», erklärt Baumberger. «Gewisse Patienten benötigen in der ersten Phase der Rehabilitation bis zu vier Pflegende.»Der zunehmende Pflegeaufwand ist laut Baumberger stark – aber nicht ausschliesslich – auf die Zunahme der Tetraplegiker zurückzuführen. Wie stark genau die Pflegekosten gestiegen sind, kann man in Nottwil nicht sagen, da laut Pressesprecherin Agnes Jenowein «die Pflegekosten nicht separat ausgewiesen» werden. Auf die Kosten des gesamten Gesundheitswesens hat die Entwicklung bei den Querschnittlähmungen einen geringen Einfluss, da die Anzahl neuer Fälle mit jährlich rund 200 gering ist.

Tages-Anzeiger

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