Ticketverkäufer mit fiesen Maschen

Bei ausverkauften Grossanlässen können Kunden über Wiederverkaufsportale wie Viagogo trotzdem noch ein Ticket ­ergattern. Sie müssen aber mit überrissenen Preisen oder ­ungültigen Tickets rechnen. Die Behörden haben wenig Mittel, gegen die Betrüger vorzu­gehen.

Céline Dion in Aktion: Die Popdiva tritt ­heute in Bern auf – viele Fans zahlen über­höhte Preise.

Céline Dion in Aktion: Die Popdiva tritt ­heute in Bern auf – viele Fans zahlen über­höhte Preise. Bild: Keystone

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«My heart will go on» – auch wenn ich das Doppelte für ein ­Ticket bezahle. Die kanadische Popdiva Céline Dion lockt am Samstag Tausende Fans ins Stade de ­Suisse.

Die musikalische Freude hat aber oft eine Kehrseite: Bei Grossanlässen greifen viele Fans auch auf ­Ticketbörsen wie das international operierende Onlineportal Viagogo mit Sitz in Genf zurück ­– vor allem wenn die Billette ausverkauft sind. Das Nachsehen haben dabei oft die Kunden. Sie gehen das Risiko ein, überteuerte, falsch deklarierte und teils ungültige Eintritts­karten von Dritten zu kaufen.

«Betrüger dem Staatssekre­tariat für Wirtschaft melden»

Die Wiederverkaufsplattformen und ihre Geschäftspraktiken sind Veranstaltern, offiziellen Verkaufsstellen und Konsumentenschützern ein Dorn im Auge. «Es ist eine Schweinerei, dass ­Kunden so über den Tisch ge­zogen werden», findet Simon Haldemann, Sprecher des Gur­tenfestival-Veranstalters Appalooza. «Wir können leider nicht viel machen. Es handelt sich um einen Graumarkt. Bei den Geschäftspraktiken solcher Plattformen ist es oft eine Gratwan­derung zwischen Betrug und ­Täuschung. Hier muss die Politik eingreifen», sagt Haldemann.

Stefan Epli, Sprecher der Verkaufsstelle Ticketcorner, warnt vehement vor Wiederverkaufsplattformen: «Man soll auf ­keinen Fall dort Tickets kaufen. Die Kunden bezahlen überrissene Preise.» Zudem sei nicht sicher, ob es sich um originale oder gefälschte Tickets handle und ob sie jemals zu Hause ankommen würden. Ticketcorner arbeitet eng mit den Veranstaltern zusammen und hat Massnahmen gegen den gewerblichen Wiederverkauf eingeleitet. Für das ­Ed-Sheeran-Konzert am 3. August werden ­die Tickets beispielsweise personalisiert.

«Bei den Geschäftspraktiken solcher Plattformen ist es oft eine Gratwan­derung zwischen Betrug und ­Täuschung.»Simon Haldemann

Cécile Thomi von der Stiftung für Konsumentenschutz stellt fest, mit der fortschreitenden ­Digitalisierung habe das Problem mit den überteuerten und gefälschten Tickets zugenommen. «Solche Betrüger sind gut organisiert und wollen schnell ans Geld kommen. Man ist auf verlorenem Posten, da diese schwer zu orten sind.» Umso wichtiger sei es deshalb, dass die Leute Wiederverkäufer nicht unterstützten und Vorfälle dem Staatssekretariat für Wirtschaft melden würden. Auch Thomi findet, die Politik müsse zum Schutz der Kunden tätig werden.

Viagogo ist keine offizielle Verkaufsstelle

Ticketbörsen wie Viagogo er­wecken auf den ersten Blick den Eindruck einer offiziellen Vorverkaufsstelle – professionelles Design, vor allem bei der Start­seite. Verstärkt wird dieser Eindruck durch ihre prominente Position bei der Google-Suche. Oft ist die Website einer der ­ersten Suchtreffer, wenn nach Gross­events gegoogelt wird, weil sie über bezahlte Werbung wie Google Adwords im Ranking nach oben rutscht.

Tatsächlich stammen die Tickets auf diesen Ticketbörsen aber aus zweiter Hand. Häufig sind es Angebote Privater, die mit dem Wiederverkauf ein gutes Geschäft machen wollen. Viagogo hat aber auch Partnerschaftsverträge mit Veranstaltern, für welche sie direkt Tickets verkauft.

Nicht nur für private Verkäufer lohnt sich das Geschäft. Auch die Plattformen verdienen gutes Geld am Wiederverkauf. Auf die oft schon teuren Ticketpreise schlägt Viagogo hohe Gebühren. Doch von diesen erfahren die Kunden erst am Schluss der Buchung. Bis zum Abschluss werden sie mit klassischen Marketingtricks psychologisch unter Druck gesetzt. Immer wieder erscheinen Pop-up-Fenster und Hin­weise, dass nur noch wenige ­Tickets verfügbar seien und sich zahlreiche Personen gerade dasselbe Angebot anschauen würden.

«Solche Betrüger sind gut organisiert und wollen schnell ans Geld kommen. Man ist auf verlorenem Posten, da diese schwer zu orten sind.»Cécile Thomi

Problematisch ist bei Viagogo aber vor allem das intrans­parente System: Die Verkäufer sind anonym, und die Käufer können mit ihnen nicht in Kontakt treten. Es gibt auch keine ­Bewertungsmethode, bei der unseriöse Verkäufer entlarvt, entsprechend schlecht bewertet oder gesperrt werden könnten. Zudem ist es gemäss Kundenrückmeldungen schwierig, Viagogo zu erreichen. Auf Rekla­mationen werde kaum reagiert.

Viagogo ist auch für diese Zeitung nicht erreichbar. Auf die Frage, an wen sich Kunden mit ihrer Beschwerde wenden könnten und wie sie ihr Geld zurückerhielten, antwortete Viagogo nicht. Auch nicht darauf, weshalb es kein transparentes Bewertungssystem gebe und wer hinter Viagogo stehe.

Bund kann gegen unsaubere Geschäftspraktiken vorgehen

Beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) sind heuer 83 Beschwerden gegen Viagogo ein­gegangen; davon stammen 68 aus dem Aus- und 15 aus dem Inland. Gegen ­unlautere Geschäftspraktiken kann das Seco mit Abmahnungen vorgehen. In diesen wird beispielsweise gefordert, dass die Website-Betreiber Endpreise transparent aufführen und klar angeben, dass sie eine Plattform für den Weiterverkauf von ­Tickets betreiben.

Kürzlich hat das Seco ­Viagogo ein Abmahnungsschreiben geschickt. Das mandatierte Rechtsanwaltbüro der Onlineplattform hat dazu Stellung bezogen. «Die ­einzelnen Punkte werden derzeit analysiert. In dieser Verfahrensphase können wir uns zum ­hängigen Dossier nicht weiter äussern», sagt Seco-Sprecherin Antje ­Baertschi.

Gemäss Bundesgesetz gegen den unlauteren Wettbewerb kann der Bund intervenieren, wenn Kollektivinteressen betroffen sind und eine ent­sprechende Anzahl Beschwerden vorliegt. Das Gesetz schützt den lauteren Wettbewerb im Geschäftsverkehr sowie faire Geschäftspraktiken. (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.07.2017, 11:42 Uhr

Tipps, um sich vor Betrug zu schützen

1. Immer die Website überprüfen.
Der sicherste Weg, um an ein Ticket zu kommen, führt über die offiziellen Vorverkaufsstellen. In der Schweiz sind dies in der Regel Ticketcorner und Starticket. Oft ist auf der Website des Veranstalters oder Künstlers angegeben, über welche Stelle der offizielle Verkauf der Tickets läuft. Stösst man im Internet auf eine Anbieter-Website, mit der man nicht vertraut ist, sollte man vor einem Ticketkauf googeln, wer Betreiber der Internetseite ist und ob Berichte oder gar Warnungen von Behörden existieren. Es ist ebenfalls ratsam, auf der Anbieter-Website nachzuschauen, ob man bei Problemen die Betreiber kontaktieren kann.

2. Ticket, Preis und Verkäuferprofil überprüfen.
Bei Drittverkaufsplattformen sollte man besser auf solche zurückgreifen, die über ein Bewertungs- und Kontaktsystem verfügen, wie zum Beispiel Ricardo. Es ist sinnvoll zu prüfen, ob man den Verkäufer kontaktieren kann. Sollte das Ticket mit einem Namen personalisiert sein, besteht Gefahr, keinen Einlass zu erhalten. Bevor man zugreift, am besten Preise mit anderen Anbietern vergleichen. Weicht der Preis zu stark ab vom Originalpreis, sollte man am besten die Finger davon lassen. Vorsicht ist bei Tickets geboten, die noch nicht im Vorverkauf erhältlich sind. Schwarzmarkthändler bieten auch Tickets an, die sie selbst noch gar nicht haben. Wenn man auf ein Angebot stösst, das nicht im offiziellen Vorverkauf erhältlich ist, stimmt etwas nicht.


3. Vorfälle dem Bund melden.
Beschwerden können auf der Website des Staatssekretariats für Wirtschaft unter der Rubrik Werbe- und Geschäftsmethoden“, unter „Beschwerde melden“, aufgegeben werden.

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