Todesfalle Fussgängerstreifen

Nicht nur in Städten, auch auf dem Land gibt es Zebrastreifen, auf denen immer wieder Unfälle passieren. Besonders betroffen sind Senioren. Die Unfallkarte zeigt, wo die grössten Gefahren lauern.

Zofingen, 18. Dezember 2013, kurz vor acht. Ein Skoda beschleunigt entlang der unteren Grabenstrasse, die Sonne steht noch tief über den Häusern. Plötzlich knallt es. An der Ecke zur General-Guisan-Strasse rammt der Skoda eine 86-jährige Frau von der Seite und verletzt sie schwer. Unfallort: ein Fussgängerstreifen. Biel, Kreuzplatz, morgens um 10 Uhr, ein Lastwagen biegt an der Ampel rechts ab, ohne den Überblick zu behalten. Es rumst. Unter dem Laster: eine 76-jährige Frau, schwer verletzt. Ihr Rollator liegt verbogen am Rand des Zebrastreifens. Bern, Eigerplatz. Ein Auto fährt auf dem Streifen eine Frau an, die nicht mehr ausweichen kann. Sie ist 94 Jahre alt.

Senioren machen heute mehr als die Hälfte der Opfer auf den Fussgängerstreifen aus. Im letzten Jahr ist die Zahl der Schwerverletzten und Toten bei den über 65-Jährigen nochmals markant angestiegen, von 78 im Jahr 2012 auf 94 im Jahr 2013. In den letzten 3 Jahren sind 41 Personen über 65 auf dem Fussgängerstreifen gestorben, 459 wurden verletzt, 216 davon schwer. Das älteste Opfer war ein 99-jähriger Mann im Kanton Luzern.

Grosse Gefahr auch in kleinen Dörfern

Die Auswertung der neuesten Version der Online-Unfallkarte der «SonntagsZeitung» und des «Tages-Anzeigers» zeigt erstmals, wo Fussgänger am meisten gefährdet sind. Dabei zeigt sich: Es passiert nicht nur in den Städten bei vielfrequentierten Zebrastreifen, sondern auch auf Streifen von Kantonsstrassen in kleineren Dörfern und Gemeinden.

Der Fussgängerstreifen-Experte der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) Gianantonio Scaramuzza betont, dass Streifen gefährlicher sind, je weniger Personen sie täglich überqueren. «Wenn Autofahrer das Gefühl bekommen, Fussgängerstreifen seien wenig frequentiert, halten sie kaum an.»

Doppelt so viele Tote wie in Schweden

Dallenwil, 11. Februar 2013, Montagnachmittag. Die frühere Nidwaldner Landratspräsidentin Verena Bürgi (64) ist mit einer Freundin unterwegs an die Fasnacht. Beide sind als riesige orange Ovomaltine-Büchsen kostümiert – eigentlich unübersehbar. Als sie um 15 Uhr 15 den Fussgängerstreifen beim Bahnhof überqueren, wird Bürgi von einem Auto erfasst und schwer am Kopf verletzt. Der Fahrer ist betrunken. Bürgi stirbt zwei Tage später im Spital. «Die Stelle war unübersichtlich und gefährlich», erzählt Tochter Anna Bürgi. Erst danach reagierte der Kanton und baute einen Kreisel, um die Autofahrer zur Anpassung der Geschwindigkeit zu zwingen.

Die Schweiz schneidet in Sachen Fussgängerstreifen-Sicherheit schlecht ab. Im internationalen Vergleich hat die Schweiz mehr als doppelt so viele Getötete pro Einwohner als Sicherheitsprimus Schweden. Die Problematik verschärft sich. Einerseits nimmt die Bevölkerungsgruppe der 65-jährigen zu. Andererseits ist es bei Senioren achtmal wahrscheinlicher, dass sie bei einem Unfall auf dem Fussgängerstreifen sterben.

Wenig frequentierte Zebrastreifen aufheben

Unter Federführung des Schweizerischen Verbandes der Strassen- und Verkehrsfachleute (VSS) wird in diesem Frühling eine Arbeitsgruppe zur Überarbeitung der Normen für Fussgängerstreifen gestartet. Daran werden auch das Bundesamt für Strassen (Astra) sowie Fachleute aus den Kantonen teilnehmen. Dabei soll gemäss Astra auch über eine Mindestfrequenz an Fussgängern diskutiert werden.

Falls zu wenig Menschen von gewissen Zebrastreifen Gebrauch machen, sollen diese aufgehoben werden. BfU-Experte Scaramuzza hält vor allem den Einbau von Fussgängerschutzinseln für wichtig. Diese halbieren das Unfallrisiko. Die BfU rechnet damit, dass rund die Hälfte aller Fussgängerstreifen nicht den Normen entspricht.

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