Um zu wissen, wer wir sind

Die SVP diffamiert wieder einmal die Geisteswissenschaften.

Jean-Martin Büttner@Jemab

Parlamentarier der SVP und des Freisinns sorgen sich um den Schweizer Werkplatz, weil zu viele Studierende das falsche Fach auswählen. Statt den Bedürfnissen der Wirtschaft entgegenzulernen, betreiben sie, was der freundliche Nidwaldner SVP-Nationalrat Peter Keller als «Selbstverwirklichungsfächer» bezeichnet. Was er meint, konkretisiert seine Partei in einem Interpellationsentwurf. Sie verlangt den Numerus clausus für «Psychologen, Ethnologen, Soziologen, Historiker, Kultur- und Kunstwissenschaftler und dergleichen».

Eine Halbierung der 45 000 Studierenden in solchen Fächern sei nötig, findet die Partei, weil ihr Einsatz in anderen Disziplinen gebraucht werde. SVP-Bildungsexperte Peter Keller ortet «einen dramatischen Mangel an Ingenieuren, Informatikern oder Naturwissenschaftlern». Keller ist Historiker und Germanist und hat sich in der «Weltwoche» unter anderem mit dem Nacherzählen von Schweizer Schlachten verwirklicht.

Margaret Thatchers Irrtum

Dass es tendenziell linke Studienfächer sind, deren Belegung halbiert werden soll, ist so offensichtlich, dass die Interpellanten es gar nicht sagen müssen. Was haben Soziologen, Ethnologen und dergleichen sonst noch gemein? Sie bemühen sich um das Erforschen der Gesellschaft – einer Grösse, von der die britische Premierministerin Margaret Thatcher sagte, dass es sie gar nicht gebe («there is no such thing as society»). Wer auf die Strasse geht, an die Urnen oder in ein anderes Land, stösst relativ bald auf den Gegenbeweis. Aber die Realität hat Frau Thatcher nie von ihren Ansichten abgehalten.

Was lehren uns die Geisteswissenschaften über die Gesellschaft? Um die Erklärung so einfach zu halten wie die Debatte, liesse sich sagen: Die Soziologie lehrt, wie sich eine Gesellschaft verhält. Die Geschichte zeigt auf, wie sie sich entwickelt. Die Ethnologie untersucht, worin Gesellschaften sich unterscheiden. Die Kulturwissenschaft interessiert, welche Bilder eine Gesellschaft von sich entwirft. Es geht in den Selbstverwirklichungsfächern also darum, zu wissen, wer wir sind.

Davon handelt auch die Psychologie, die im Text der SVP als erste Disziplin genannt wird, und das ist kein Zufall. Wer von Psychologie redet, versteht sie als Synonym für Psychotherapie. Die Psychologie ist die akademische Variante der Selbsterfahrung. Wer Psychologie studiert, so die Ferndiagnose, will nicht anderen helfen, sondern sich selber heilen.

Es mag sein, dass manche Studenten sich deshalb für dieses Studium entscheiden. Nur wird es ihnen ähnlich ergehen wie den Mitarbeitern beim Roten Kreuz, die ihr Leben mit neuem Sinn füllen möchten: Sie werden mit Problemen konfrontiert werden, die ihre eigenen bei weitem übersteigen. Psychologie ist keine Streicheldisziplin, wenn man das als Psychologe anmerken darf, kein Gefühlsbad mit Hörsaal-Anschluss. Es stimmt zwar, was der Psychiater C. G. Jung gesagt hat, dass ein guter Psychotherapeut so gesund wie nötig sein müsse und so krank wie möglich. Nur meinte er damit nicht die neurotische Fixierung auf sich selber, sondern die Empathie für das Leiden der anderen.

Psychologen und Psychologinnen behandeln Patienten mit Depressionen und ohne Halt, sie beraten Jugendliche, die ihre Lehrstelle verlieren, und Drogensüchtige auf schwankendem Boden. Sie helfen Psychotikern bei einer Krankheit, die sich anfühlt wie unsere Albträume. Sie schauen zu denen, die von der Gesellschaft aussortiert werden. Wer das als Selbstverwirklichung interpretiert, wird anerkennen, dass die Verwirklicher einiges auf sich nehmen.

Das Recht auf Freiheit

Und überhaupt: Was soll an der Selbstverwirklichung schlecht sein? Was ist ihre Alternative, Fremdsteuerung? Sollen die Ingenieure, Physiker, Chemiker und Agronomen, die Architekten und Pharmakologen und all die anderen, von denen die Wirtschaft profitiert – sollen die keinen eigenen Willen, keine Vorstellung in die Welt hineinverwirklichen dürfen? Das Grundrecht der Bundesverfassung, wonach jeder Mensch das Recht auf persönliche Freiheit habe, räumt dem Einzelnen ein, sich bei minimalen staatlichen Regulierungen maximal zu realisieren.

Was die Rechten den Studenten der Geisteswissenschaft vorwerfen, ist genau das Prinzip, auf das sie sich selber berufen.

Tages-Anzeiger

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