Warum Strellers Rücktritt auch Zürcher traurig machen sollte

In Basel geliebt, in der Schweiz verhasst. Marco Streller tritt zurück und beendet die Ära des Büezer-Kickers im Schweizer Fussball. Zeit für etwas Nostalgie.

Ein Grosser des Schweizer Fussballs hört auf: Marco Streller, heute an der Pressekonferenz in Basel. (6. März 2015)

Ein Grosser des Schweizer Fussballs hört auf: Marco Streller, heute an der Pressekonferenz in Basel. (6. März 2015)

(Bild: Keystone)

Philipp Loser@philipploser

Ach, Streller. Ja, die Zunge, natürlich. Die Pfiffe in St. Gallen, die unglückliche Zeit in der Nationalmannschaft, die grossen Sprüche früher, die Überidentifikation mit seiner Heimat und die Konsequenzen daraus. Er finde es traurig, hat er einmal in einem Interview gesagt, dass er nicht privat durch Zürich spaziere könne, ohne dumm angemacht zu werden. «Darum fordere ich es während meiner Aktivkarriere auch nicht heraus, danach wird das viel einfacher werden.»

Das letzte Stück Authentizität

Danach, das ist in drei Monaten. Marco «Pipi» Streller hört auf. Schade für den FC Basel – aber auch schade für den gesamten Schweizer Fussball. Wer Fussball mag, ist ein nostalgischer Mensch. Nirgends ist das «Damals» präsenter als im Stadion. Damals, als wir es noch selber taten. Als wir Helden hatten und so werden wollten wie sie. Damals, als das gar nicht so unmöglich schien. In Basel hat jeder mindestens einen Bekannten, der zu Juniorzeiten mal gegen Streller spielte. Streller machte eine Banklehre, spielte Amateurfussball (3. Liga!) und wurde erst spät Profifussballer. Er war die Verkörperung unseres Bubentraums: Wenn man sich richtig fest anstrengt, dann kann es jeder ins Stadion schaffen. Er war (gemeinsam mit Beni Huggel natürlich), was Urs Fischer für den FCZ, Marc Zellweger für den FC St. Gallen oder Thomas Häberli für die Young Boys waren: Die direkte Verbindung zwischen Fan und Club, zwischen Stadt und Fussball. Loyale Fans, die zu loyalen Spielern wurden: Das letzte Stück Authentizität in einer überdrehten und durch und durch kommerzialisierten Fussballwelt.

Heute, und das ist der Grund für die Nostalgie, würden es die Fischers und Zellwegers und Häberlis nicht mehr in den Profifussball schaffen. Im Fussball hat es keinen Platz mehr für Umwege, für unkonventionelle Lebensentwürfe. Wer heute Fussballprofi werden will, muss früh damit beginnen, die Selektion ist gnadenlos. Ausgang am Wochenende? Ein Bierchen nach dem Match? Ausgeschlossen. Streller sah das nicht so eng. Aus seiner Anfangszeit als Profifussballer (und davor) kursieren wilde Gerüchte, er war ein «Bruder Leichtfuss», wie es in der schönen Würdigungder «Tageswoche» heisst.

So sentimental wie die Fans

Als er dann aus Stuttgart nach Basel zurückkehrte, waren die turbulenten Zeiten vorbei und er hatte eine neue Rolle: Vorbild in der Mannschaft, Bindeglied zur Stadt und ihren Bewohnern. Keine Fasnacht, an der man Streller nicht mindestens einmal in der Stadt sah. Er war manchmal so baslerisch, dass es fast zu viel war. Und er war mindestens so sentimental wie die Fans auf den Rängen. Niemand wird vergessen, wie Streller hemmungslos weinte, als sein Freund Beni Huggel zum letzten Mal ins Stadion einlief. Und niemand wird vergessen, wie er vor zwei Jahren während der Meisterfeier seinen Lieblingsfangesang anstimmte. «Seit dr Babbe zu sim Sohn» heisst das Lied und beschreibt, wie die Liebe zum Fussball von einer Generation zur nächsten weitergereicht wird. Sehr kitschig und sehr schön.

Ach, Streller. Er war einer von uns. Und er ist einer von euch. Denkt daran, liebe Zürcher, Berner und St. Galler, wenn ihr ihn auf seiner Abschiedstournee durch eure Stadien zum letzten Mal auspfeift.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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