Weniger Macht den Kassen

Cerny hat Recht: Der Zugang zu Therapien darf nicht von der Krankenkasse abhängen. Doch der Krebsarzt setzt auf ein gefährliches Mittel.

Im Rahmen einer Chemotherapie wird eine Injektion vorbereitet. Foto: Giorgia Müller

Im Rahmen einer Chemotherapie wird eine Injektion vorbereitet. Foto: Giorgia Müller

Markus Brotschi@derbund

Neue, nicht zugelassene Medikamente und Therapien werden immer öfter zur letzten Hoffnung für Krebspatienten. Jüngstes Beispiel ist die personalisierte Zelltherapie Kymriah, für die Novartis 370'000Franken verlangt.

So vielversprechend die Behandlungserfolge sind, so sehr überfordern die Innovationen unser Gesundheitssystem zunehmend. Weil die Therapien so viel kosten, müssen die Krankenkassen jeden Einzelfall prüfen und entscheiden nicht immer zugunsten der Patienten. Die Onkologen müssen sich mit Bürokratie und Gesuchenan die Kassen herumschlagen, selbst wenn es mit der Therapie eilt. Der Krebsspezialist Thomas Cerny hält das Vergütungssystem bei nicht kassenpflichtigen Therapien für willkürlich. Die Behandlung eines Patienten dürfe nicht von der Kasse abhängen.

Recht hat er. Allerdings ist Cernys angedrohter Pranger für Kassen, die eine Behandlung nicht bezahlen, gefährlich. Wenn in der Folge die kulanten Kassen Zulauf von Krebs­patienten erhalten, können sich die knausrigen erst recht freuen, weil sie teure Patienten loswerden. Die grosszügigen Kassen könnten hingegen gezwungen sein, so restriktiv wie die Angeprangerten zu werden. Denn die nicht kassenpflichtigen Medikamente werden im Risikoausgleich unter den Kassen nicht berücksichtigt. Die kulante Versicherung mit vielen Krebspatienten trägt die Kosten allein.

Gefordert sind Bundesrat und Parlament. Sie sollten für den Bereich der noch nicht kassenpflichtigen Therapien eine unabhängige Fachstelle einsetzen, an deren Praxis sich alle Kassen in gleich gelagerten Fällen halten müssen. Das Bundesamt für Gesundheit muss zudem auch bei den nicht kassenpflichtigen Medikamenten in die Preisverhandlungen mit der Pharmaindustrie eingreifen. Diese versucht heute die Versicherer mit geheimen Rabattvereinbarungen gegeneinander auszuspielen. Der Staat muss hier im Interesse des Prämienzahlers und der Patienten für Kostentransparenz sorgen.

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