Historische Frauenwahl – gleich im Doppel

Freiburg und Genf wählen mit Johanna Gapany (FDP) und Lisa Mazzone (Grüne) die jüngsten Ständerätinnen der Geschichte. Beide sind 31 Jahre jung.

Nach dem zweiten Wahlgang steht fest: Je zwei Kandidaten von der FDP, der SP und den Grünen schaffen den Einzug ins Stöckli. Video: Keystone-SDA
Philippe Reichen@PhilippeReichen

Eine Wahlsensation kündete sich im Kanton Freiburg an. Die 31-jährige Freisinnige Johanna Gapany (FDP) war im zweiten Wahlgang der Ständeratswahlen drauf und dran, den Amtsinhaber und langjährigen Staatsrat Beat Vonlanthen (CVP) aus seinem Amt zu verdrängen. Doch dann kam es zu einer Informatikpanne. 134 von 137 Gemeinden waren ausgezählt. 200 Stimmen trennten Gapany und Vonlanthen. Während Stunden passierte gar nichts mehr. Bei FDP und CVP lagen die Nerven blank. Beide kündigten an, das Resultat anzufechten.

Eine der beiden jungen Siegerinnen: Johanna Gapany (FDP). Foto: Keystone

Kurz nach 21 Uhr ging es dann rasch. Johanna Gapany gewann die Wahl mit 31122 Stimmen vor Beat Vonlanthen mit 30964 Stimmen. Damit hatte die 31-Jährige 158 Stimmen mehr erhalten als der 62-jährige Politdoyen. SP-Präsident Christian Levrat schwang mit 38337 Stimmen obenaus.

Gapany ist die erste Freiburger Ständerätin und die jüngste je ins Stöckli gewählte Frau. Die Ökonomin, Kantons- und Gemeinderätin aus Bulle provozierte mit einem couragierten Wahlkampf die Abwahl des CVP-Ständerats und ehemaligen Staatsrats Beat Vonlanthen. Sie versprach nichts weniger als eine «neue Art des Politisierens». Sie wolle für künftige Generationen arbeiten und stets darauf achten, dass sich Resultate direkt auf die Gesellschaft auswirkten.

Ohne einen Namen zu nennen, bezichtigte sie den 62-jährigen Vonlanthen an Wahlkampfpodien, ausschliesslich eigene Interessen zu verfolgen, von Lobbyisten gesteuert zu sein und Lösungsvorschlägen zu widersprechen. An einem Podiumsgespräch klagte Gapany: «Ich habe während des Wahlkampfs konkrete Vorschläge gemacht, und man hat mir einfach nur die ganze Zeit widersprochen.»

Vonlanthen hatte einen schweren Stand. Nebst politischen Gegnern warfen auch Journalisten an Wahlkampfpodien die Frage auf, ob er nicht in zu vielen Verwaltungsräten sitze und zu sehr für sein Netzwerk arbeite. Der 62-Jährige wehrte sich, dass ein Staatsrat eben genau über solche Netzwerke in Wirtschaft und Gesellschaft verfügen müsse, um seine Arbeit zu erfüllen. Die Wähler sahen das offenbar anders.

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Bis zur Wahl der Freiburgerin Johanna Gapany war die Genfer Grüne Lisa Mazzone die jüngste je gewählte Ständerätin. Lisa Mazzone ist ebenfalls 31 Jahre jung, aber um ein halbes Jahr älter als die Freisinnige. Wie schon im ersten Wahlgang distanzierten sie und Carlo Sommaruga (SP) ihre bürgerlichen Konkurrenten Hugues Hiltpold (FDP), Béatrice Hirsch (CVP) und Céline Amaudruz (SVP) auch im zweiten Wahlgang um weit über 10000 Stimmen. Der Trend zu einem stark verjüngten Parlament und zu mehr Frauen setzt sich damit fort.

Am Genfer Resultat fällt ebenso auf, dass Mazzone den 60-jährigen SP-Mann Sommaruga, der seit 16 Jahren im Nationalrat politisiert, um fast 4000 Stimmen distanziert hat. Das bürgerliche Lager aus FDP, CVP und SVP brach bei einer Wahlbeteiligung von 32 Prozent – der tiefsten seit Jahrzehnten – völlig ein. Bei den nationalen Wahlen vor drei Wochen hatte die Wahlbeteiligung noch 38 Prozent betragen.

Die zweite Siegerin: Lisa Mazzone (Grüne). Foto: Keystone

«Wir haben einen aufrichtigen und transparenten Wahlkampf geführt», freute sich Lisa Mazzone über ihre Wahl und sprach dabei auch im Namen von Carlo Sommaruga. Der Freisinnige Hugues Hiltpold büsste derweil für die Eskapaden von FDP-Staatsrat Pierre Maudet, gegen den die Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren wegen Vorteilsannahme führt. Hiltpold betonte: Viele Leute hätten ihm während des Wahlkampfs klargemacht, wegen Maudet sei es ausgeschlossen, einen Freisinnigen zu wählen. In Genf sind FDP und CVP somit einmal mehr gescheitert, die seit drei Legislaturen dauernde Dominanz der Grünen und der SP im Ständerat zu durchbrechen.

Auch in der Waadt gab es eine Überraschung. Wie vor vier Jahren schaffte der amtierende Ständerat Olivier Français (FDP) im zweiten Wahlgang ein Comeback. 19000 Stimmen Rückstand hatte er nach dem ersten Wahlgang auf die amtierenden Nationalrätinnen und Ständeratskandidatinnen Adèle Thorens Goumaz (Grüne) und Ada Marra (SP). Sein Wahlresultat war desaströs.

Im zweiten Wahlgang siegte Français schliesslich mit 3000 Stimmen Vorsprung auf Thorens Goumaz und gar mit 10000 Stimmen auf Marra. Der 63-Jährige erklärte sein Comeback mit «viel Arbeit». Français musste sich vor allem bei der SVP und den Grünliberalen bedanken, die der FDP im zweiten Wahlgang zu Hilfe kamen. «Das bürgerliche Bündnis hat funktioniert», freute sich der Waadtländer FDP-Präsident Marc-Olivier Buffat. Und die Bürgerlichen entschieden sich für die Grüne Thorens Goumaz, die auch in Landwirtschaftskreise gute Beziehungen hat, und gegen die SP-Frau Marra. Thorens sagte, «die linken Wähler haben kompakt gestimmt, die Bürgerlichen haben ihre Wähler aber unglaublich mobilisiert».

Tristesse herrschte wegen des Sitzverlusts bei der Waadtländer SP, die seit Jahrzehnten im Ständerat vertreten ist. Sie muss nun einiges aufarbeiten. Bereits wurde Kritik laut, man hätte anstelle Marras auf Nationalrat und Fraktionschef Roger Nordmann oder Pierre-Yves Maillard setzen sollen.

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