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Coronavirus und die BergführerSie stehen im Tal – mitten in der Hochsaison

Ausgerechnet zur Skitouren-Hochsaison steht die Welt still. Wie gehen die Oberländer Bergführer mit der Coronakrise und deren Auswirkungen um?

Gedrückte Stimmung bei den Bergführern: Andreas Abegglen (links) und Johann Kaufmann vor dem Eiger.
Gedrückte Stimmung bei den Bergführern: Andreas Abegglen (links) und Johann Kaufmann vor dem Eiger.
Foto: Bruno Petroni

«Es tut extrem weh, wenn du am frühen Morgen zum sonnenbeschienenen Grossen Fiescherhorn hochschaust und dir vorstellst, wie herrlicher Pulverschnee dahinter auf den endlosen Weiten des Fieschergletschers liegt.» Andreas «Dres» Abegglen ist seit 20 Jahren diplomierter Bergführer mit Herz und Blut. Ein Mann, für welchen das Führen nicht nur Beruf, sondern Berufung ist. Und die Berge die grosse Passion. Der 43-jährige Vater einer kleinen Tochter lebt ausschliesslich von der Führerei. 28-mal führte er bereits einen Gast durch die 1800 Meter hohe Eigernordwand.

Seit vier Wochen ist Schluss mit Führen: Aufgrund der weltweit grassierenden Corona-Krise verfügte der Bundesrat ein vorübergehendes Betriebsverbot für Freizeitbetriebe. Zu diesen gehört auch das geführte Bergsteigen. Und so verliert Dres Abegglen jetzt, wo eigentlich Skitouren-Hochsaison wäre, einen grossen Teil seines Jahreseinkommens. Als Selbstständigerwerbender kann Abegglen wie seine übrigen fast 40 Grindelwalder Berufskollegen auf finanzielle Unterstützung des Bundes zählen. «Und diese Entschädigung deckt immerhin die Grundkosten», zeigt sich Abegglen dankbar über die unbürokratische Lösung auf Schweizer Bundesebene.

Hoffen auf die Schweizer Gäste

In der Berg- und Schneesportschule Grindelwaldsports, welche jetzt eigentlich auf Hochtouren laufen würde, herrscht gähnende Leere, das Lokal ist geschlossen. Immerhin wird im Büro täglich während dreier Stunden das Telefon bedient und der E-Mail-Verkehr bewirtschaftet. Und Geschäftsführer Johann Kaufmann (47) blickt bereits in die Zukunft – in eine ungewisse Zukunft zwar. «Aber wir sind jetzt bereits dabei, die Gletscherschlucht für die Eröffnung bereit zu machen. Ob wir dann am 1. Mai wie geplant öffnen können, ist noch unsicher.» Unsicher ist auch, den kommenden Sommer abzuschätzen. «Ziemlich sicher ist, dass wir im Adventure-Bereich, der einen beträchtlichen Teil unseres Jahresumsatzes ausmacht und zu rund 70 Prozent aus ausländischer Kundschaft besteht, in diesem Jahr kaum mehr viel laufen wird», sagt Kaufmann. Der erfahrene Bergführer sieht aber im Schweizer Gästesegment eine grosse Chance: «Drei Viertel unserer Bergsportgäste sind Schweizer. Und diese dürften nach dem Ende der von der Regierung verordneten Einschränkungen Bewegungsdrang verspüren und bald wieder unsere Bergführervermittlung in Anspruch nehmen.» Entsprechend ist Johann Kaufmann mit seinem Team dabei, für die Zeit nach der Krise Angebote zusammenzustellen.

Viel Zeit zum Gassigehen: Thomas Zwahlen, Bergführer aus Thun mit seiner Geschäftspartnerin Anita Rossel und Hündin Lif.
Viel Zeit zum Gassigehen: Thomas Zwahlen, Bergführer aus Thun mit seiner Geschäftspartnerin Anita Rossel und Hündin Lif.
Foto: Bruno Petroni

«Solang die Spitalbetten leer sind…»

Auch Thomas Zwahlen macht sich seine Gedanken für die Zukunft. Der Thuner Bergführer und seit 25 Jahren Inhaber der Alpinschule Bergfalke hat aus Bundesbern schlechte Nachrichten bekommen: «Da ich in den letzten Jahren viel in mein Geschäft investiert habe, bekomme ich jetzt nur einen kleinen Teil der Entschädigung, die ich zum leben bräuchte. Und auch die langfristigen Auswirkungen werden wir erst später abschätzen können. Die gesamte Wirtschaft dürfte jedenfalls während der nächsten fünf Jahre massiv gefordert sein, diese Krise zu bewältigen.» Für die vom Bund auferlegten Massnahmen hat der 51-Jährige Verständnis. Weniger Verständnis zeigt Zwahlen für die vielen Ignoranten, welche nach dem Motto «Solang die Spitalbetten leer sind, gehe ich z Bärg» trotz des teilweisen Shutdown auf Skitouren gehen: «Auch ich wäre jetzt lieber wie geplant mit Gästen in Schweden unterwegs auf Skitouren. Wenn jetzt aber alle noch etwas Geduld haben würden, wäre die Sache auch bald ausgestanden, und wir könnten bald wieder losziehen.» Echt hässig wird Thomas Zwahlen, wenn er von gewissen Trittbrettfahrern hört – «sogenannten Führern, die weder beim Bundesamt für Sport noch beim Seco registriert sind und jetzt aber lauthals nach Entschädigungen schreien. Solche Ungerechtigkeiten bringen mich auf die Palme.» Zusammen mit der eidgenössisch diplomierten Wanderleiterin und Geschäftspartnerin Anita Rossel erlitt Zwahlen bisher rund 50’000 Franken an Ertragseinbussen. Trotzdem mag er nicht jammern, blickt nach vorn und geniesst es, etwas mehr Zeit für zu Hause zu haben. «Und da das Büro ja nun auch aufgeräumt ist, haben wir auch mal gäbig Zeit für Spaziergänge mit unserer Schäferhündin Lif.»