Zum Hauptinhalt springen

Präsidentschaftswahl in den USA«Sind wir ready?», fragt Biden

Eine Woche vor dem Bildschirm zeigt: Dieser Präsidentschaftswahlkampf inmitten der Pandemie ist so skurril wie keiner zuvor. Aber spielt das für die Wahl überhaupt eine Rolle?

Der Keller als Gefängnis und als Schutzraum: Joe Biden (77), Präsidentschaftskandidat der Demokraten, muss im Wahlkampf neue Wege gehen – hier bei einer Videoschaltung mit Hillary Clinton.
Der Keller als Gefängnis und als Schutzraum: Joe Biden (77), Präsidentschaftskandidat der Demokraten, muss im Wahlkampf neue Wege gehen – hier bei einer Videoschaltung mit Hillary Clinton.
Foto: Reuters

Joe Biden ist das, was die Amerikaner einen backslapper nennen: ein geselliger Mensch, der anderen Menschen gerne nahe kommt – manchmal auch etwas zu nahe. Es gibt unzählige Geschichten von Amerikanern, die Biden in seinem langen Leben als Politiker unterhalten, getröstet und denen er auf den Rücken geklopft hat. Das kann er nun nicht mehr.

Heute sitzt der Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei in der Quarantäne im Keller seines Hauses im Bundesstaat Delaware. Er klopft jetzt keine Rücken mehr ab, sondern nur noch das Mikrofon, das ihm seine Mitarbeiter dort im provisorischen TV-Studio aufgebaut haben. «Sind wir ready?», fragt Biden.

In normalen Zeiten ist ein Präsidentschaftswahlkampf die grösste Show der Welt: Ballone, Konfetti, Fangesänge. Jeder choreografierte Auftritt soll Energie erzeugen, soll den Anhängern des Kandidaten das Gefühl geben: Hier passiert gerade etwas Grosses, und du bist Teil davon.

Wie erzeugt man Energie aus dem Keller?

Aber jetzt? Gibt es keinen Wahlkampf mehr. Die Amerikaner sitzen zu Hause, womöglich noch bis im Herbst, und die Frage, die sich für Joe Biden ein halbes Jahr vor der Wahl stellt, lautet: Lässt sich Energie auch aus einem Keller in Delaware erzeugen? Über eine Zoom-Schaltung, einen Live-Chat, einen Podcast? Gewinnt man so Wähler?

Biden – und zu einem gewissen Grad auch Donald Trump – bleibt keine Alternative, als es zu versuchen. Beide Männer haben mit dem Ausbruch der Pandemie ihren Wahlkampf in eine rein digitale Kampagne verwandelt. Wer will, kann sich auf ihren Facebook-, Youtube- oder Instagram-Kanälen jeden Tag Videoschaltungen mit Parteigrössen, Aktivisten und Prominenten ansehen.

Was davon tatsächlich zu den Wählern durchdringt, ist nicht immer ersichtlich. Ob es im November überhaupt eine Rolle spielt, ebenfalls nicht. Doch eines ist sicher: Es ist ein Wahlkampf, wie es ihn noch nie gegeben hat.

Hillary lächelt, Biden fasst sich ins Gesicht

«Warten auf Joe Biden», steht auf dem Bildschirm unten links. Angekündigt ist ein Gespräch mit Hillary Clinton, doch zunächst geschieht einmal minutenlang nichts. Dann, endlich, sind die beiden zu sehen. Links Biden vor seinem Bücherregal, rechts Clinton vor einem Sekretär und einer Schirmlampe.

Geschlagene 20 Sekunden blicken die Politiker in die Kamera, ohne ein Wort zu sagen, sie scheinen nicht zu wissen, dass der Stream längst läuft – und die Zuschauer am Bildschirm warten. Die Energie dieser Szene: eher negativ.

Biden stellt Clinton vor als «die Frau, die heute Präsidentin sein sollte». Danach redet vor allem Clinton, die 2016 gegen Trump verlor. Sie gibt eine – wenig überraschende – Wahlempfehlung für Biden ab, sie sagt zu den Zuschauern: «Stellt euch vor, wir hätten in dieser Krise einen richtigen Präsidenten, nicht nur jemanden, der einen Präsidenten am Fernsehen spielt.»

Sie redet über Möglichkeiten, dem Virus und der Wirtschaftskrise Herr zu werden. Biden hört zu. Alleine in den ersten zehn Minuten kratzt er sich dabei sechsmal im Gesicht, was in Zeiten einer Pandemie etwas stört, und wie oft bei diesen Schaltungen wirkt er etwas steif.

«Der Ton bei den virtuellen Anlässen der Trump-Kampagne ist laut, schrill und am Rand des Erträglichen.»

Wie sollte es auch anders sein? Noch vergangenes Jahr war der 77-Jährige in einer TV-Debatte dabei gescheitert, die Adresse seiner Website in die Kamera zu sagen. Nach einer knappen Stunde sagt Biden zu Clinton, er wünschte sich, die Rollen wären vertauscht – dass er derjenige wäre, der ihre Kandidatur unterstützt. Clinton lächelt tapfer.

Trumps Sohn, der Troll

Um Hillary Clinton war es schon einige Tage zuvor gegangen, auf den Social-Media-Kanälen von Bidens Gegner. Lara Trump, die Schwiegertochter des Präsidenten, begrüsst dort an einem Samstag den Wahlkampfchef Brad Parscale, ein Mann mit dem Bart eines Holzfällers aus Kanada und dem Teint eines Rentners aus Florida.

Parscale erzählt, wie er den Wahlkampf schon vor der Pandemie erfolgreich digitalisiert habe, «das begann im Prinzip alles schon 2015». Lara Trump sagt: «Jemand, der dagegen gar nicht gut umgestellt hat, ist Sleepy Joe Biden.» Kein Wunder, fährt sie fort, «er kann ja auch keinen kohärenten Satz zu Ende bringen».

Danach reden die beiden über «Fake News» und über die «radikalen» Pläne der Demokraten. Am Schluss zeigt Parscale über seine Schulter, auf eine Rolle Toilettenpapier, auf der Clintons Foto aufgedruckt ist. «Die benutze ich jedes Mal, wenn ich schlechter Laune bin», sagt er. «Ich habe ganze Schachteln davon.»

So ist er, der Ton bei den virtuellen Anlässen der Trump-Kampagne: laut, schrill, am Rande des Erträglichen – die logische Fortsetzung der geliebten Wahlkampfrallys, auf die der Präsident nun verzichten muss.

Szenen aus einer Welt vor Corona: US-Präsident Trump an einer Wahlkampfrally in Nevada.
Szenen aus einer Welt vor Corona: US-Präsident Trump an einer Wahlkampfrally in Nevada.
Foto: Keystone

Auf die Spitze treibt das Trumps ältester Sohn Donald Trump junior. Er schlug nach der Wahl seines Vaters eine Karriere als professioneller Internet-Troll ein und baute sich damit in rechten Kreisen eine grosse Anhängerschaft auf.

Wenn sich Trump junior in diesen Tagen auf eine Couch setzt, nachdem er laut eigener Aussage sechs Dosen Red Bull getrunken hat, und über Biden und andere herzieht, klingt alles noch eine Stufe hässlicher. Der frühere Vizepräsident sei senil, die Medien von ihm gekauft, und die Welt wäre besser dran, wenn die Chinesen keine Fledermäuse fressen würden. Für die Zuschauer hat das durchaus eine gewisse Energie – eine ziemlich dunkle allerdings.

Die Trump-App

Die Anlässe des Trump-Teams starten täglich um 20 Uhr, meist sind sie einer bestimmten Gruppe von Fans gewidmet: «Schwarze für Trump», «Katholiken für Trump», «Veteranen für Trump». Jede Schaltung beginnt mit einem bombastischen Werbeclip für die Trump-App, ein von Brad Parscale entwickeltes Mittel, um an möglichst viele Daten von potenziellen Wählern zu gelangen. «Schliess dich Trumps Armee an!», donnert ein Sprecher mit Kino-Trailer-Stimme.

Wer die App herunterlädt, muss sich mit seiner Handynummer registrieren und erhält fortan drei SMS am Tag. Oft klingt das so: «Der Präsident hat 25 Patrioten ausgemacht – du bist einer von ihnen! Spende jetzt, und er verdreifacht deinen Einsatz!»

Auch Bidens Wahlkampfteam führt fast täglich Anlässe zu bestimmten Themen durch. An einem Nachmittag der vergangenen Woche spricht seine Sprecherin Symone Sanders mit Kamala Harris darüber, warum die Corona-Krise besonders Frauen trifft. «Diese Pandemie hat die herrschenden Ungleichheiten in unserer Gesellschaft unter das Mikroskop gebracht», sagt Harris.

Kritische Fragen an Biden, etwa zum Vorwurf der sexuellen Nötigung? Gibt es an diesen Anlässen keine.

Die Senatorin war vergangenes Jahr noch selbst Präsidentschaftskandidatin, nun ist die Videoschaltung für sie auch eine Art Vorstellungsgespräch: Harris würde gerne an der Seite Bidens für die Vizepräsidentschaft kandidieren. Also lobt sie ihren einstigen Rivalen in den Himmel: Mit Biden als Präsident, sagt Harris, wäre die Krise viel weniger schlimm.

Kein Thema ist beim Gespräch mit Harris und auch bei den anderen virtuellen Anlässen der Vorwurf der sexuellen Nötigung, den eine ehemalige Mitarbeiterin gegen Biden erhoben hat. Anders als in einem normalen Wahlkampf muss sich Biden nicht täglich den Reportern stellen, die ihm von Anlass zu Anlass hinterherreisen. Er sitzt bestimmt nicht freiwillig in seinem Keller – aber der Keller schützt ihn eben auch vor unangenehmen Fragen.

Geld sammeln wird schwieriger

Nicht alle Videoschaltungen sind öffentlich. Um sich dringend benötigte finanzielle Mittel zu beschaffen, hält Joe Biden jede Woche virtuelle Spendenanlässe für Leute ab, die etwas dafür bezahlen. Das ist nicht ganz einfach: Milliardäre aus Hollywood oder dem Silicon Valley machen zwar gerne viel Geld dafür locker, um für einen Präsidentschaftskandidaten eine Party zu schmeissen.

Doch wenn die Gegenleistung für eine Spende eine Videoschaltung ist, an der dann auch noch ein paar Dutzend andere teilnehmen, ist die Sache rasch nicht mehr so attraktiv.

Die Wähler haben Angst

Und Trump? Seine Wahlkampfkasse ist voll, er bereitet sich schon seit dem ersten Amtstag auf seine Wiederwahl vor. Und was die Sichtbarkeit angeht, verlässt er sich darauf, dass er als Präsident immer noch die grösste Bühne hat, die ein Kandidat haben kann. Aber ob ihm das auch nützt?

In der Pandemie spiele das alles keine Rolle mehr, glaubt der Politstratege Jon Haber, der für fünf demokratische Präsidentschaftskandidaten gearbeitet hat. «Die meisten Wähler interessieren sich nicht dafür, ob sie in diesen Tagen mehr von Biden sehen oder von Trump – sondern dafür, ob sie draussen eine Maske anziehen müssen oder ob sie noch einen Job haben.»

Viele Amerikaner lebten in Angst, sie seien in Sorge um ihre Zukunft. «Und wenn das passiert, wählen die Leute den Wandel», sagt Haber. Selbst wenn dieser Wandel aus einem Keller angekündigt wird.