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Patientensicherheit erhöhenSo senken Sie das Risiko für Behandlungsfehler beim Arzt

Weil die Software vieler Geräte in Spitälern nicht kompatibel ist, könnten Patienten zu Schaden kommen.
Die wichtigsten Tipps, um sich vor Behandlungsfehlern zu schützen.

Schweizer Spitäler zählen zu den teuersten weltweit. Das Gesundheitspersonal ist qualifiziert und engagiert – und trotzdem passiert es zum Beispiel, dass ein Patient eine Überdosis an Röntgen-Kontrastmittel bekommt. Warum?

Weil er in verschiedenen Abteilungen kurz nacheinander dreimal untersucht werden muss und jede Abteilung eine eigene Software benützt. So wissen die Mitarbeiter auf der dritten Abteilung nicht, dass der Patient schon zweimal kurz vorher Kontrastmittel erhalten hat – und verabreichen ihm die dritte Dosis.

«Das sind die Folgen der ‹Pseudo-Digitalisierung› in Schweizer Spitälern», sagt Helmut Paula von der Stiftung für Patientensicherheit Schweiz. Weil die verschiedenen Computerprogramme auf den Abteilungen nicht miteinander harmonierten, wurde die Information, dass der Patient Kontrastmittel bekam, jeweils als PDF ausgedruckt und auf der Station in die Krankenakte eingescannt.

Informationen gehen verloren

«Das heisst: Man musste diese PDF in der Krankengeschichte suchen», rekapitulierte Paula den Hergang kürzlich an der Cirrnet-Tagung der Stiftung für Patientensicherheit. Das Problem mit solchen PDF: Sie können in der umfangreichen Krankenakte untergehen, übersehen werden, versehentlich im falschen elektronischen Ordner abgelegt werden.

An der jährlichen Cirrnet-Tagung tauschen sich Fachleute über Probleme im Gesundheitswesen aus, die Patienten gefährden können und vermeidbar wären. Paula leitet das Cirrnet-Meldesystem. Dort können Pflegende und Ärzte anonym auf solche Fehler und Zwischenfälle hinweisen.

Das Beispiel mit dem Kontrastmittel ist demnach nur eines von vielen, wo sich hochqualifizierte Spitalangestellte mit Informationssystemen herumschlagen müssen, die weder auf die Bedürfnisse im Spital zugeschnitten noch miteinander kompatibel sind. Vor allem bei der Informationsübermittlung von Notfall- oder Intensivstationen zu den Bettenstationen und vom Operationssaal zur Station komme es deshalb zu «Informationsverlusten», so Paula.

Heben Sie kritisch die Hand, wenn Sie Zweifel hegen, dass etwas nicht stimmt!»

Helmut Paula, Stiftung für Patientensicherheit

Im Rahmen einer Studie hat seine Kollegin, die Arbeitspsychologin Yvonne Pfeiffer, in mehreren Krebsambulatorien beobachtet, wo die Probleme liegen. «Um an die wichtigen Informationen zu jedem Patienten zu kommen, mussten Pflegende und Ärzte bis zu elf verschiedene elektronische Informationsquellen beiziehen», stellte Pfeiffer fest.

Dass solche Arbeitsabläufe Fehler provozieren, liegt auf der Hand. Umso mehr sind deshalb die Patienten und ihre Angehörigen gefordert: «Helfen Sie Fehler vermeiden», rät Paula, «und heben Sie kritisch die Hand, wenn Sie Zweifel hegen, dass etwas nicht stimmt!»

Tipps vom Experten

David Schwappach, Direktor der Stiftung für Patientensicherheit, ist der (schweizweit einzige) Professor für Patientensicherheit. Seine Tipps, um Fehler zu reduzieren:

Nachsprechen

Im ersten Moment kommt sich mancher komisch dabei vor. Aber indem Sie die Erklärungen und Empfehlungen des Arztes wiederholen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich Missverständnisse offenbaren. Manche Ärzte fordern ihre Patienten sogar dazu auf, zu wiederholen, was sie verstanden haben.

Alles für möglich halten

Es kam vor, dass eine Patientin die ganze Nacht in der Röntgenabteilung im Keller eines Spitals sass und darauf wartete, dass sie drankommt. Morgens um fünf Uhr fand die Putzequipe sie, immer noch wartend. Sie hatte sich nicht getraut, vorbeikommende Mitarbeiter anzusprechen, und diese hatten nicht nachgefragt. Man kann auch mit einem anderen Patienten verwechselt oder am falschen Bein operiert werden … Deshalb: Wenn Ihnen etwas ungewöhnlich vorkommt – fragen Sie!

Nicht blind vertrauen

Warum schweigt ein Patient, obwohl er gemerkt hat, dass der Arzt das Medikament in die falsche Schulter spritzt? Solche Dinge sind schon passiert. Denn Patienten gehen oft sogar bei grossen Widersprüchen davon aus, dass «alles schon richtig laufen wird» – ein Irrtum. Auch dem besten Arzt oder dem besten Pfleger kann ein Fehler passieren.

Sich aktiv einbringen

Wenn sich ein Arzt oder eine Ärztin einmal auf eine Diagnose «eingeschossen» hat, ist es sehr schwer, wieder davon loszukommen. Deshalb kann es helfen, wenn der Patient die Diagnosen, die er selbst vermutet, nennt. Sinnvoll ist auch, nach dem Vier-Augen-Prinzip, zum Beispiel zusammen mit der Pflegekraft, zu prüfen, ob die Infusion auch mit dem richtigen Namen angeschrieben ist, bevor sie verabreicht wird.

Eine zweite Meinung einholen

Der andere Blickwinkel eines Kollegen kann nicht nur dem Patienten, sondern auch dem Arzt nützen. Wenn es um schwierige Entscheidungen oder um viel geht, sollte man um eine Zweitmeinung bitten, empfiehlt Schwappach. Er habe das selbst auch schon gemacht, «man fühlt sich zwar erst mal schlecht». Nachher sei er aber immer erleichtert gewesen. «Die Erstmeinung wurde immer bestätigt. Aber das fühlte sich 1000-mal besser an als die innerliche Skepsis zuvor, ob der Arzt das Richtige macht.»

Insistieren

Manchmal erkennt ein Arzt die Dringlichkeit nicht. Wer als Patient den Eindruck hat, sein Problem dulde keinen Aufschub, sollte das klar sagen.

Hinweise geben

Die Beobachtungen von Patienten oder Angehörigen helfen ebenfalls. Etwa zehn Prozent der Fehler an mehreren Kinderspitälern in den USA beispielsweise nahmen zunächst bloss die Angehörigen der kleinen Patienten wahr. Schweigen sie, wird der Fehler mit grösserer Wahrscheinlichkeit wieder passieren.

Offen sein



© Franziska Rothenbuehler
Wer zu viel Alkohol oder Drogen konsumiert, sollte das dem Arzt anvertrauen. 


© Franziska Rothenbuehler

Schmerzmittelgebrauch, hoher Alkoholkonsum, Schlafmittelabhängigkeit, Essstörungen – es gibt viele Dinge, die Menschen lieber für sich behalten. Dem Arzt gegenüber sollte man sie trotzdem offenlegen, weil es hilft, zur richtigen Diagnose zu kommen und die richtigen Massnahmen zu ergreifen.

Die Ärzte andererseits sollten bestimmte Aspekte im Leben ihrer Patienten nicht einfach ausblenden, sondern auch die jeweilige Lebens- und Familiensituation offen ansprechen. Wieso also bei Müttern und Vätern nicht einfach mal nachfragen: «Wird es Ihnen manchmal zu viel?»

Sich vorbereiten

Zum Arzt oder ins Spital zu gehen, ist eine Stresssituation. Deshalb ist gute Vorbereitung wichtig: Sich vorher 30 Minuten hinsetzen, überlegen, was man sagen möchte und welche Fragen man an den Arzt hat. Zudem sollte jeder Patient eine Medikamentenliste führen und zum Arzt mitbringen.

Hier können Sie den Flyer «Fehler vermeiden – Helfen Sie mit!» herunterladen. Weitere Informationen für Patienten gibt es hier.

9 Kommentare
    Ulli Reich

    Die aufgelisteten Punkte sind bei einem Check oder einer Standarduntersuchung sicher gut zu beachten. Wie sieht es aber im Katastrophenfall aus? Ich weiss nicht, ob ich bei einem Unfall oder einer schlechten Diagnose alle meine Sinne soweit beieinander hätte, die Punkte durchzugehen. Da bin ich nicht allein, denke ich.