So viel – so wenig – Theater muss möglich sein

Schon wieder Ärger um einen Fake: Das Zürcher Theater Neumarkt gab sich kurz als Ruag aus. Freuen Sie sich doch mal: Trashquatsch, Nabelschau, alles passé!

Von wegen geschmacklos: Zur Launch-Feier gab es ein Maschinengewehr aus Schokolade. Foto: Philip Frowein

Von wegen geschmacklos: Zur Launch-Feier gab es ein Maschinengewehr aus Schokolade. Foto: Philip Frowein

Alexandra Kedves@tagesanzeiger

Für einmal hat die Ruag, unsere eidgenössische «Rüstungs-Unternehmen-Aktien-Gesellschaft», alles richtig gemacht! Auf alle Fälle besser als diverse Vertreter der schreibenden Zunft. Elegant unterkühlt liess die Mediensprecherin gestern Dienstag wissen, an der Haltung der Ruag habe sich seit Montag nichts geändert. Und am Montag hatte der Rüstungskonzern entschieden, keine Haltung zu haben; zumindest nicht öffentlich.

Nein, die Waffenhändler lassen sich zu nichts hinreissen, auch wenn manche Medien die Anti-Ruag-Aktion des Zürcher Theaters Neumarkt als «mies und geschmacklos» geisselten und die Nachrichtenagentur Keystone-SDA sich angeblich gar strafrechtliche Schritte gegen das Theater vorbehält. Die Ruag hingegen vermeldet, dass sie nichts über die Aktion wisse, sie nicht kommentieren könne und auch keine rechtlichen Schritte plane.

Was war geschehen? Die neue, junge Führungsriege des Neumarkt-Theaters – Hayat Erdogan, Tine Milz und Julia Reichert – hatte ein wenig frischen Wind durchs Theaterwesen pusten wollen. Zudem müssen sich die drei aufmerksamkeitsökonomisch nach der Decke strecken, denn die Theaterszene schaut derzeit vor allem in Richtung Pfauen und Schiffbau, wo gerade die erste Saison von Nicolas Stemann und Co. startet.

Aufmerksamkeit fürs Thema

So entwickelte das Neumarkt mit Mike Bonnano, Mitglied einer Gruppe mit dem Spezialgebiet gesellschaftskritischer Streich, eine Art softpolitischen Schabernack: Man schlüpfte kurz in die Rolle von Ruag-Vertretern. Die luden zur Pressekonferenz: «Ruag Terminates Ammotec Division», hiess es in der Mitteilung, mit der die Journalisten angelockt wurden. Ein raffiniert gefälschter CNN-Bericht stützte die Story. An der Konferenz bestätigte Kabarettist Patrick Frey als angeblicher Mediensprecher: Ab 1. Oktober seis vorbei mit der Munitionsproduktion. Die neue «Ruag Green» baue auf humanitäre Produkte.

Die Schauspieler des Theater Neumarkts in der Rolle der Ruag-Vertreter. Foto: Philip Frowein

Rasch wurde klar: Die Chose ist ein Fake, es geht um Aufmerksamkeit fürs Thema – und fürs Theater. Dieses verschickte ein irres E-Mail nach dem anderen: im Namen der Ruag, aber sichtlich gefälscht. «Die Witzbolde haben auf schändliche Weise all jenen Schweizerinnen und Schweizern falsche Hoffnung gemacht, welche sich einen Ausstieg der Schweiz aus dem Waffengeschäft wünschen», wird dort die Ruag-Sprecherin zitiert. «Bald werden sie keinen inneren Widerspruch mehr spüren; denn wir planen die Privatisierung dieser Tochtergesellschaft(en).»

«Ruag Green» war eine gutschweizerische Durchschnittsgaudi mit Sinn für Grenzen.

Mit Verlaub: Das hat durchaus Witz. Gleichzeitig ist es meilenweit weg von ernster zu nehmenden, auch ernsthaft grenzwertigen Formen zeitgenössischen Agitprop-Theaters. Ein Fake-Theater in einer Villa stürzte die österreichische Regierung. Philipp Ruch vom Zentrum für Politische Schönheit will in Chemnitz Rechts­radikale über seinen gefakten Internetpranger entlarvt haben – derselbe Ruch, der mit einer bewusst übergriffigen «Entköppelungsaktion» das Theater Neumarkt Subventionen kostete. Selbst das Basler Jugendclub-Stück «Sweatshop» verlangt vom Publikum mehr politischen Einsatz.

«Ruag Green» aber war eine gutschweizerische Durchschnittsgaudi mit Sinn für Grenzen; ein Biss mit Maulkorb. Subventionsentzugskeule bitte stecken lassen! So viel – so wenig – Theater muss möglich sein, will man überhaupt Theater, das was zu sagen hat. Oder es wenigstens versucht.

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