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Der Iran trauert um Soleimani und startet ersten Angriff

Auf einer US-Militärbasis und im Zentrum von Bagdad schlugen Raketen ein. Helikopter kreisen über dem Stützpunkt.

«Amerika ist der grosse Satan»: Anhänger von Soleimani putzen sich die Schuhe auf Trump ab. Foto: Keystone
«Amerika ist der grosse Satan»: Anhänger von Soleimani putzen sich die Schuhe auf Trump ab. Foto: Keystone

Eine erste Reaktion folgte bereits am Samstag: Auf dem Luftwaffenstützpunkt al-Balad im Irak, auf dem auch US-Soldaten untergebracht sind, schlugen mindestens zwei Raketen ein. Sie seien im Lagerhaus-Bereich der Basis niedergegangen, die etwa 80 Kilometer nördlich von Bagdad liegt, erfuhren diverse Nachrichtenagenturen aus Sicherheitskreisen. Opfer soll es keine gegeben haben, hiess es bis Redaktionsschluss. Die US-Truppen seien in Alarmbereitschaft versetzt worden. Helikopter kreisten über dem Stützpunkt.

Die staatliche irakische Nachrichtenagentur INA berichtete zudem, dass auch im Zentrum von Bagdad mehrere Raketen niedergegangen seien – dort liegen in der hoch gesicherten Grünen Zone unter anderem die US-Botschaft sowie irakische Ministerien und das Parlament.

Zuvor marschierten in Bagdad Zehntausende proiranischer Milizen durch die Strassen. Sie reckten Fahnen in die Höhe und skandierten «Rache wird kommen».

Heldenverehrung und Machtdemonstration: Proiranische Milizen bei einer Trauerkundgebung in Bagdad am Samstag. Foto: Keystone
Heldenverehrung und Machtdemonstration: Proiranische Milizen bei einer Trauerkundgebung in Bagdad am Samstag. Foto: Keystone

Die Empörung der Trauernden galt der Exekution des mächtigsten Kommandanten im Iran, Generalmajor Qassim Soleimani, durch die USA. Der 62-jährige Befehlshaber über die Al-Quds-Elite­truppen wurde durch Lenkwaffen von einer Drohne in der Nacht auf Freitag beim Flughafen Bagdad getötet.

Soleimanis Leichnam wurde zuerst in die schiitische Stadt Najaf gebracht und soll heute von dort in den Iran geflogen werden. Nach einer für morgen vorgesehenen Grossgedenkfeier in Teheran soll der «Märtyrer der Revolution» am Dienstag in seiner Heimatstadt Kerman beerdigt werden.

US-Präsident Donald Trump begründete den überraschenden Angriff mit angeblich drohenden Terroraktionen. «Soleimani plante unmittelbar bevorstehende und schlimme Angriffe auf amerikanische Diplomaten und Militärpersonen», sagte er am Freitagnachmittag in einer kurzen Ansprache. «Aber wir ertappten ihn dabei und vernichteten ihn.»

Er wolle Krieg verhindern, nicht beginnen, sagt Präsident Trump. Foto: Reuters
Er wolle Krieg verhindern, nicht beginnen, sagt Präsident Trump. Foto: Reuters

Mit seinen Bemerkungen lieferte Trump eine Rechtfertigung für den Militärschlag gegen den Chef der Al-Quds-Truppe, die Washington als Teil der Islamischen Revolutionsgarden zur terroristischen Organisation erklärt hatte. Demokratische Politiker, auch Kandidaten im Rennen um die US-Präsidentschaft, hatten die Legalität des Drohnenschlags angezweifelt.

Ohne auf als geheim deklarierte Einzelheiten einzugehen, bekräf­tigte Aussenminister Mike Pompeo Trumps Rechtfertigung. Die geplanten Angriffe hätten eine «erhebliche Zahl von Amerikanern» getötet, sagte er am Freitagabend auf Fox News. «Zweifellos wären auch Menschen vor Ort umgekommen, Iraker, Libanesen, vielleicht Syrer, Leute in der ganzen Region.»

Mögliche Ziele im Persischen Golf, aber auch in Israel

In den erwähnten Ländern baute Soleimani als Architekt der iranischen Aussenpolitik schlagkräftige Milizen auf, um den Einfluss des Regimes in Teheran regional auszudehnen. In den Augen der USA war der Mann mit der Silbermähne und den dunklen Augen ein Oberterrorist mit viel amerikanischem Blut an den Händen. Er ­erfand die gefürchteten Explosively Formed Penetrators – explosionsgeformte Sprengkörper –, mit denen irakische Milizen Fahrzeugpanzerungen durchdrangen und über 600 US-Soldaten töteten.

Auf Soleimanis Konto gehen auch die Aktionen, mit denen der Iran letztes Jahr auf die amerikanische Aufkündigung des Nuklearabkommens und auf Washingtons Politik des maximalen wirtschaftlichen Drucks rea­gierte. Der Al-Quds-Kommandant liess im Juni an Öltanker im Persischen Golf Sprengladungen anbringen und explodieren. Kurz darauf holte über demselben Gewässer eine ­iranische Lenkwaffe eine US-Drohne vom Himmel. Im Sommer setzten von jemenitischen Milizen gesteuerte Drohnen in Saudiarabien eine Grossraf­finerie in Brand, was kurzzeitig die Rohölproduktion des Landes halbierte.

Trump liess die von Soleimani inszenierten Provokationen militärisch vorerst unerwidert. Er rea­gierte erst mit Gegenschlägen, als iranfreundliche Kräfte im Irak beim Beschuss eines Stützpunkts mit ­Raketen einen amerikanischen Kontraktsoldaten töteten. Sein Todesurteil unterschrieb Soleimani schliesslich, als er an Silvester die US-Botschaft in Bagdad stürmen liess.

Auch ohne «Mastermind» ­werde der Iran seine Präsenz in der Region aufrechterhalten, erwarten Experten. Der iranische Ayatollah Ali ­Khamenei ersetzte Soleimani umgehend durch dessen treuen Vize Esmail Ghaani. Der neue Al-Quds-Boss blickt auch auf zwei Jahr­zehnte in den Revolutionsgarden zurück. Laut dem Autor eines Buchs über diese islamischen Elite­einheiten fehle Ghaani allerdings ­Soleimanis Charisma.

Wie die von Khamenei an­gedrohte «kraftvolle Rache» aussehen könnte, ist unklar. Die Streitkräfte des Iran könnten «35 US-Ziele in der Region und in Tel Aviv» ­erreichen, sagte am Samstag General Gholamali Abuhamzeh. Der Kommandant der Revolutionswächter in der südlichen Provinz Kerman spielte auch auf die Möglichkeit einer Marine-Aktion an: «Die Strasse von Hormuz ist lebensnotwendig für den Westen, und sehr viele amerikanische Zerstörer und Kriegsschiffe passieren sie.»

USA schicken 3000 weitere Soldaten nach Kuwait

Auf einen verschärften Konflikt muss sich Amerika laut Ilan Goldenberg, dem Iranbeauftragten unter Barack Obama, im Irak gefasst machen – wie die ersten Angriffe von Samstag Abend bereits zeigten. «Dies ist der rationalste Ort für eine unmittelbare Antwort des Iran», sagte Goldenberg zu «Foreign Affairs».

Die USA bereiten sich bereits auf kommende Konfrontationen vor, indem sie zusätzliche 3000 Soldaten nach Kuwait beordern. Goldenberg kann sich vorstellen, dass die USA längerfristig aus dem Irak abziehen müssen. Nach dem Drohnenangriff «stehen irakische Politiker unter enormem politischem Druck, die US-Truppen zu verjagen».

Iranische Vergeltungsaktionen könnten nach Meinung des Experten auch im Libanon oder in Saudi­arabien stattfinden. Am schwierigsten wären Angriffe in den ­kontinentalen USA selbst, glaubt Goldenberg. Dennoch sollte ­Washington alles tun, seine ­Einrichtungen zu Hause und im ­Nahen Osten gegen Attacken zu schützen.

Ein Faktor für die iranischen ­Erwägungen ist die mögliche ­Reaktion Donald Trumps. Der dem Präsidenten nahestehende ­Senator Lindsey Graham aus South Carolina wird seit dem Drohnenangriff nicht müde, die iranischen Ölförderanlagen ins Spiel zu bringen. «Wenn ihr weitere Amerikaner tötet und auf unsere Alliierten losgeht, wird euch Donald Trump aus dem Ölgeschäft entfernen», versprach Graham der iranischen Führung am Freitag.

«Wir schritten gestern zur Tat, um einen Krieg zu beenden», sagte Trump in seiner Ansprache, «nicht um einen Krieg anzufangen.» Ob er richtig kalkuliert hat, liegt jetzt in iranischer Hand.

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