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Der Vater der Verbitterten

Warum die Zufriedenheit der Bürger und Bürgerinnen nicht gratis zu haben ist.

Meine Beziehung zu Blechpolizisten ist intensiver als zu jenen aus Fleisch und Blut. Ich gebe zu: Die Beziehung ist nicht gut. Trotzdem müssten wir mehr Polizisten haben, nicht statische, sondern solche, die dort unterwegs sind, wo ich und andere sich durch wahrnehmbare Präsenz sicherer fühlen.

Wir brauchen mehr Plätze in Sonderschulen. Im Aargau müssten Kinder wegen fehlender Plätze abgewiesen werden, habe ich diese Woche gelesen. Das wird in anderen Kantonen ähnlich sein. Und das ist schlecht. Mehrgenerationen­häuser, in welchen alte und junge Menschen Unterstützung bei alltäglichen Herausforderungen finden, sollten von der öffentlichen Hand zusammen mit Freiwilligen aufgebaut werden. Häuser also, in denen sich jene, die sich am Rand der Gesellschaft wähnen, wohl und aufgehoben fühlen.

Arbeitsplätze und Weiterbildungsmöglichkeiten für schlecht Ausgebildete; bezahlbare Krankenkassenprämien für alle und dadurch ein solidarisches Gesundheitssystem; die Sicherheit, dass Kinder gemäss ihren Fähigkeiten und nicht ihrer Herkunft richtig gebildet werden, all das sollte auf der To-do-Liste von Politikerinnen und Politikern aller Couleur stehen.

Seehofer: «Die Migration ist die Mutter aller Probleme»

Nein, es geht nicht um den totalen Ausbau des Sozialstaates! Aber es geht darum, eine gewisse Ungerührtheit bei uns allen zu bewahren. Andersherum: Es geht darum, die Menschen nicht Sturm laufen zu lassen gegen Fremde bei uns, wenn ihre Empörung doch anderen Ursprungs ist. Sie fühlen sich verarscht, vernachlässigt, benachteiligt! Schuld daran seien die anderen, jene, die ungefragt zu uns kommen, verklickern uns dann Politiker wie der deutsche CSU-Innenminister Horst Seehofer. Die Migration sei die Mutter aller Probleme, sagte er und vergass darob, dass der Vater der Verbitterung und Kränkung vieler Menschen ein selbst gezüchteter ist: Menschen kommen sich als zweitklassig vor, weil aus Spargründen über wesentliche Bedürfnisse von ihnen hinweg gesehen wird.

Die Zufriedenheit der Bürger und Bürgerinnen ist jedoch nicht gratis zu haben. Gott bewahre, dass nun jemand auf die Idee kommt, es seien alle Ansprüche jedes Einzelnen zu erfüllen! Aber die Summe der Sorgen der Bevölkerung sollte ernst genommen werden, auch wenn sich diese Sorgen nicht so gut als Stimmungsmache für die eigene politische Vermarktung eignen.

Ich bin überzeugt, der zufriedene Mensch empört sich nicht so schnell. In Erregung zu geraten, braucht Energie, und die meisten sind zu bequem, um diese Energie – auch gegen Fremde – aufzubringen. Die Schweiz ist für mich bislang ein positives Beispiel dafür.

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