Zum Hauptinhalt springen

«Ich arbeite nicht daran, besser zu sein als andere»

Ganz oben ankommen? Nur das nicht! Die Cellistin Sol Gabetta, dieses Jahr Artiste étoile am Lucerne Festival, braucht die Luft nach oben, um sich weiterzuentwickeln

«Ich bin mit dem Cello aufgewachsen»: Sol Gabetta, 37. Bild: Marco Borggreve
«Ich bin mit dem Cello aufgewachsen»: Sol Gabetta, 37. Bild: Marco Borggreve

In Luzern sind Sie vor 14 Jahren durchgestartet – unter anderem mit einer Zugabe, bei der Sie auch gesungen haben. Eine Mutprobe?

Mut braucht man immer, bei allem, was man macht. Ich fühlte mich damals schon ziemlich erwachsen; heute sehe ich, wie jung ich war. Nicht naiv, das war ich wohl nie. Aber da war diese Selbstverständlichkeit, mit der ich dieses Konzert angegangen bin. Andere warten ein Leben lang auf eine solche Chance: ein Auftritt mit den Wiener Philharmonikern, bei einem solchen Festival . . . Ich habe sie gepackt mit der Haltung: Das ist mein Moment, den werde ich nutzen.

Manche Musiker sagen, das Lampenfieber steige mit dem Alter.

Vielleicht bin ich dafür noch nicht alt genug! Ich kann mir vorstellen, dass das Auftreten schwieriger wird, wenn man vor lauter Konzerten nicht mehr so viel Zeit hat zum Üben, wenn man das Gefühl hat, es laufe von allein. Es läuft gar nichts von allein. Ich habe die wichtigen Cellokonzerte nun wirklich schon Hunderte Male gespielt, und es geht inzwischen schneller, bis ich drin bin. Aber wenn ich nicht genau so intensiv übe wie früher, fehlt die Selbstverständlichkeit. Dann kommt die Angst.

Wie behält man das Interesse, wenn man immer wieder dasselbe übt?

Die Perspektive ändert sich. Es ist zwar dasselbe Stück, aber ich erlebe es jedes Mal wieder anders. Schwieriger, zugänglicher, klassischer, was auch immer. Entscheidend ist, dass man spürt, in welcher Richtung es noch Potenzial gibt. Es gibt ja ganz viele Ebenen, auf denen man sich entwickeln kann. Wenn man denkt, man sei am Dach angekommen – dann ist es vorbei.

Welche Rolle spielt da der Ehrgeiz?

Ehrgeiz ist ein gefährliches Wort. Es steckt schon die Konkurrenz drin – man will mehr erreichen als die anderen. Aber darum geht es ja gar nicht. Ich arbeite nicht daran, besser zu sein als andere; sondern daran, meinen eigenen Weg zu finden, damit die Musik immer lebendig und spannend bleibt.

Wie schafft man das? Woher holen Sie Ihre Inspiration?

Es gibt die technische Inspiration – diese kommt beim Üben, wenn man zum Beispiel neue akrobatische Fingersätze entdeckt. Die musikalische Inspiration dagegen finde ich eher, wenn ich etwas anderes erlebe. Wer auf hohem Niveau Musik macht, hat sehr viel dafür investiert; da bleibt während Jahren nicht viel Zeit für anderes. Aber kann man immer weiter wachsen, wenn man täglich zehn Stunden übt? Ich glaube nicht. Da muss man neue Plattformen entdecken.

Welche sind das in Ihrem Fall?

Ich entdecke immer mehr die zeitgenössische Kunst für mich, die ja in meiner Wahlheimat Basel sehr präsent ist. Ich gehe oft in Galerien.

«Mit einem Musikinstrument ist es wohl wie mit einem Menschen: Man muss sich finden.»

Und Sie entdecken die Zusammenarbeit mit Sängern: Sie haben eine CD mit Cecilia Bartoli gemacht, in Luzern treten Sie mit Matthias Goerne auf.

Mit beiden wollte ich schon lange zusammenarbeiten. Es gibt immer wieder Leute, deren Arbeit man verfolgt, weil man glaubt, dass sich die Wege irgendwann kreuzen müssen. Wenn es dann klappt, ist es wunderbar.

Stimmt es, dass Sänger den Instrumentalisten das Atmen vermitteln können?

Nur gute Sänger! Es gibt viele, die atmen nicht musikalisch, sondern nur, weil sie halt Luft holen müssen. Da ist es dann sehr schwierig, sie zu begleiten. Bei guten Musikern spielt es überhaupt keine Rolle, was für ein Instrument sie spielen. Das kann auch eine Mandoline sein oder eine Panflöte.

Wie wichtig ist es für Sie, dass Sie Cello spielen? Wären Sie auch Musikerin geworden, wenn man Ihnen als Kind eine Trompete in die Hand gedrückt hätte?

Darüber denke ich gar nicht nach. Ich bin mit dem Cello aufgewachsen.

Selbstverständlich war das nicht: Sie mussten jede Woche stundenlang fahren zu Ihrem Cellolehrer.

Das ist in Argentinien normal. Die Distanzen sind dort ganz anders als in Europa, man hat eine andere Geografie im Kopf.

Aber es braucht schon sehr viel Disziplin, das durchzuhalten.

Es war nie eine Qual, wirklich nicht. Es war immer klar: Wenn ich etwas mache, dann richtig. Meine Eltern haben mir alle Möglichkeiten offengelassen, aber sie wollten nicht, dass ich tausend Sachen halb mache. Es war dann doch ein bisschen so, weil ich auch Klarinette spielen wollte und Klavier, und dann noch tanzen, Englisch lernen . . . Ich habe viel gemacht. Aber es war nicht alles auf derselben Ebene, das Cello war immer präsenter. Da war ich schon sehr ernsthaft dabei, ich kann nicht sagen, dass ich Zeit verloren hätte. Es ist wohl mit einem Instrument wie mit einem Menschen: Man muss sich finden.

Welches Verhältnis haben Sie zu Ihrem Instrument? Ist es eine Sache für Sie oder ein Gegenüber, Freund oder Feind . . .

Ein Feind ganz bestimmt nicht! Das Cello ist nicht schuld, wenn etwas nicht geht. Eine Sache ist es auch nicht, das wäre zu wenig. Man kann das Verhältnis zum Instrument nicht wirklich definieren, es ändert sich auch ständig. Früher, wenn ich jeweils im Flugzeug die Durchsage hörte, dass man bei einem Notfall alles zurücklassen müsste, habe ich immer gedacht: Ich könnte das nie. Heute ist mir das Cello kein bisschen weniger wichtig als damals. Aber natürlich würde ich zuerst selber schwimmen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch