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Lokführer sehen Grün statt Rot

Noch nie wurden so viele Signale missachtet – Gewerkschafter kritisieren die Ausbildung.

Das Signal zeigte Halt: Bergung nach dem Zugunglück von Granges-Marnand heute vor fünf Jahren. Bild: Keystone
Das Signal zeigte Halt: Bergung nach dem Zugunglück von Granges-Marnand heute vor fünf Jahren. Bild: Keystone

Mit leichter Verspätung setzt der Lokführer die S-Bahn in Bewegung. «Es schien mir, als habe das Ausfahrtssignal auf Grün gewechselt», wird er der Polizei später sagen. Eine fatale Fehleinschätzung. 28 Sekunden später sieht der Mann, wie ihm ein Regioexpress frontal entgegenkommt. Er zieht die Notbremse, flüchtet in den Wagen hinter der Lok. Dann kollidieren die Züge.

Die enormen Kräfte drücken die Front des Regios um acht Meter nach hinten, dessen junger Chauffeur stirbt im Führerstand. 25 Gäste verletzen sich, 6 von ihnen schwer. Es entsteht ein Schaden von zehn Millionen Franken.

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Heute jährt sich das Zugunglück von Granges-Marnand VD zum fünften Mal. Es gehört zu den schwersten in jüngster Vergangenheit. Die SBB führten als Folge eine App ein, die vor geschlossenen Signalen warnt, und sicherten diverse Bahnhöfe zusätzlich ab.

Dennoch fuhren zuletzt mehr Lokführer über Rot, wie unveröffentlichte Daten des Bundesamtes für Verkehr (BAV) zeigen. Rapportiert ist jede «Fehlhandlung» gegen Signale im Bahnverkehr seit 2010. Damals gab es über alle Netze und Transportunternehmen hinweg 232 Fälle. Im Jahr 2017 waren es 325. Ein Rekord und ein Plus von 40 Prozent. Vor allem bei Rangiersignalen nahmen Verstösse zu.

Gefahrenpotenzial ist trotz mehr Sicherheitseinrichtungen gross

Laut Verband der Lokführer nimmt das Problem «besorgniserregende Ausmasse» an. Der Nachwuchs werde zu wenig geschult, heisst es in der aktuellen Zeitschrift der Gewerkschaft. «Wir fordern die Verantwortlichen auf, die Ausbildung endlich merklich zu verlängern, damit junge Berufskollegen mehr Erfahrungen sammeln können, bevor sie alleine unterwegs sind.» Das Gefahrenpotenzial sei «trotz massiv mehr Sicherheitseinrichtungen offenbar sehr gross».

75 Leicht- und 15 Schwerverletzte gab es seit 2010 wegen Fehlverhalten gegen Signale. Die Sachschäden sind enorm. Mehrere der teuersten Bahnunfälle überhaupt waren auf überfahrene Rotlichter zurückzuführen. Im Januar 2010 kostete es 7 Millionen, als zwei Güterzüge bei Brig VS kollidierten. Grund laut Untersuchung: «Nicht Beachten des Halt zeigenden Gleissignals». Der Crash zweier Personenzüge im Februar 2015 bei Rafz ZH sorgte gar für Schäden von 13 Millionen. Weil der Lokführer «sich dazu verleiten liess, bei Halt zeigendem Signal abzufahren», so der Schlussrapport.

Schon seit den 1930er-Jahren bremst ein System Züge ab, wenn sie ein Signal zu Unrecht überfahren. In den 90ern wurde es mit einer modernen Zugüberwachung ergänzt. Jedoch beschleunigen die Loks immer schneller und erreichen höhere Spitzentempi. Die Bremswege werden länger, es kann trotz Not-Stopp zu Unfällen kommen. Nun gab es für 300 Millionen erneut einen Ausbau. Seit 2018 ist fast überall das European Train Control System im Einsatz. Laut Bund erhöht diese neue Technik die Sicherheit. Auf die Zahl menschlicher Fehler hat sie aber keinen Einfluss. Im ersten Quartal 2018 gab es 87 Signalfälle. Auf das gesamte Jahr gerechnet würde dies erneut einen Rekord ergeben.

SBB besorgt wegen Fehlern bei den Rangierarbeiten

Das BAV verweist darauf, dass die Zwischenfälle im Personenverkehr konstant sind. «Trotz jährlich steigendem Verkehr», sagt Sprecher Gregor Saladin. Bei Rangierarbeiten habe es 2017 tatsächlich überdurchschnittlich viele Ereignisse gegeben. «Dabei erfolgte aber kein Anstieg von schweren Unfällen.» Man habe bei Gesprächen mit den Bahnen verschiedene Ursachen gefunden. «Etwa die Verkehrserhöhung oder die komplexeren Verhältnisse und Veränderungen der Anlagen durch Baustellen oder Umbauten.» Saladin weist den Vorwurf einer schlechten Ausbildung zurück. Aspiranten würden eingehend in Theorie und Praxis geschult, müssten eine Fähigkeitsprüfung ablegen. «So ist sichergestellt, dass nur Personen einen Führerausweis erhalten, die in der Praxis die zu erbringende Leistung eigenständig sicher erfüllen.»

Dennoch sind die SBB offenbar besorgt. Laut «20 Minuten» versandten sie im Frühling wegen der Problematik einen Brief an Lokführer. Darin hiess es, dass «gerade berufsjunge Mitarbeitende häufiger betroffen sind». Vor allem im Rangierbereich «sind wir besorgt, da keine Sicherheitseinrichtung vorhanden ist und die möglichen Konsequenzen von grossem Ausmass sein können». Sprecher Oli Dischoe kommentiert das Schreiben nicht. Er sagt aber: «Selbstverständlich sensibilisieren die SBB alle ihre Lokführer regelmässig für das Thema Signalfälle. Das gehört zu einer seriösen Mitarbeiterführung in solch wichtigen Bereichen.»

Der Lokführer von Granges-Marnand hatte viel Erfahrung. Dass er dennoch über Rot fuhr, trug ihm eine bedingte Geldstrafe wegen fahrlässiger Tötung ein. Seit letzter Woche ist das Urteil rechtskräftig, wie das Gericht angibt. Der Mann arbeitet nach wie vor bei den SBB – als Informatiker, nicht mehr als Lokführer.

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