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Mit 40 km/h ins neue Jahr

Ein französischer Forscher hat das Korkenknallen beim Öffnen von Champagnerflaschen mit einer Highspeed-Kamera untersucht.

Und es hat Plopp gemacht: Bei gut gekühltem Champagner ist die Schaumfontäne weissFoto: Science Source/Keystone
Und es hat Plopp gemacht: Bei gut gekühltem Champagner ist die Schaumfontäne weissFoto: Science Source/Keystone

Diesen Sonntag ist es wieder so weit. Um Mitternacht werden unzählige Champagnerkorken knallen. Denn vielerorts ist es ein festes Ritual, mit dem prickelnden Schaumwein aufs neue Jahr anzustossen. Wenn jemand den Korken nicht festhält, schiesst dieser wie eine Rakete in die Luft. «Das ist nicht ganz ungefährlich», sagt Gérard Liger-Belair von der Université de Reims Champagne-Ardenne. Denn das Geschoss fliege zum ­Beispiel bei einer nicht gekühlten Flasche mit der Geschwindigkeit von 60 Kilometer pro Stunde.

Der französische Forscher weiss das ganz genau. Denn keiner kennt die Physik des sprudelnden Edelweins aus der Champagne besser als er. Seit 20 Jahren erforscht er die kuriose Bläschenbildung und deren Folgen. Liger-Belair ist weit und breit der einzige Experte auf diesem Gebiet. Mehr als 4000 Champagnerflaschen hat der Franzose bereits im Dienst der Wissenschaft entkorkt. Allerdings habe er sie nur geöffnet und nicht getrunken, sagt er lachend. Denn 200 pro Jahr seien doch etwas viel.

Liger-Belair lüftet die Geheimnisse des Champagners mit einer Hochgeschwindigkeitskamera. Vor kurzem hat der Professor für Physik in einer Studie des Fachjournals «Scientific Reports» gezeigt, was beim Öffnen einer gekühlten und einer nicht gekühlten Champagnerflasche passiert. «Mal entstehen weisse, mal blaue Wolken», sagt er. Warum das so unterschiedlich sei, hänge massgeblich von der Flaschentemperatur ab. Je wärmer ­diese sei, umso blauer der Nebel im Flaschenhals. Denn die Bedingungen beim Entkorken seien viel extremer, und das entweichende Kohlendioxid gefriere sofort zu Trockeneis.

Wer eine warme Flasche öffnet, erlebt ein blaues Wunder

Doch was passiert genau nach dem legendären Plopp? Um das im Detail zu analysieren, filmte Liger-Belair Versuche mit Champagnerflaschen bei 6, 12 und 20 Grad Celsius. Bei der tiefsten Temperatur, also einer gut gekühlten Flasche, bildete sich eine weisse Fontäne. Grund dafür war der plötzliche Druckabfall. Denn dadurch dehnt sich das Kohlendioxidgas zwischen Korken und Getränk schlagartig aus und kühlt auf unter minus 70 Grad ab. Das eiskalte Gas entströmt nun der Flasche und lässt die Feuchtigkeit der Umgebungsluft kondensieren – der typische feine Nebel wird sichtbar. Er besteht aus kleinen Eiskristallen, die das einfallende Licht diffus streuen, sodass weisse Schwaden erscheinen.

Anders bei den zimmerwarmen 20-Grad-Champagnerflaschen, in denen durch das eingeschlossene Kohlendioxid ein viel höherer Druck herrscht. Da dieser beim Öffnen ebenfalls plötzlich auf Normaldruck der Umgebung absackt, kühlt sich das Gasgemisch jedoch sogar auf minus 90 Grad Celsius ab: kalt genug, um das Kohlendioxid im Flaschenhals in Trockeneis zu verwandeln. Diese Kristalle streuen den blauen Anteil im Lichtspektrum, sodass dadurch die Fontäne blau erscheint. «Es ist das gleiche physikalische Phänomen, das den Himmel blau aussehen lässt», sagt Liger-Belair.

Ob der Champagner kalt oder warm ist, wirkt sich auch auf die Geschwindigkeit aus, mit der die Korken knallen. Bei Raumtemperatur, also 20 Grad Celsius, erreichen sie 60 Kilometer pro Stunde. Bei einem auf 6 Grad Celsius gekühlten Champagner schiesst der pilzförmige Verschluss dagegen nur mit 40 Kilometer pro Stunde aus dem Flaschenhals.

Eisenmasken als Schutz vor explodierenden Flaschen

Dass Champagner heute ein Luxus­gut ist und die sprudelnden Bläschen geschätzt werden, war nicht immer so. Am Anfang mochte sie niemand, sie waren verpönt und galten als Panne aufgrund des launischen Wetters in der Gegend. Denn wenn es im Winter dort ­besonders kalt wurde, stoppte der Gärungsprozess des Traubensafts und fing im Frühjahr dann zum zweiten Mal an. Das führte dazu, dass der Wein nicht klar wurde und auch noch prickelte: Zu viel Kohlendioxid hatte sich gebildet.

Erst Mitte des 17. Jahrhunderts kam allmählich die Wende. Zu dieser Zeit begann auch der Mönch Dom Pérignon den Wein bereits im Anbaugebiet in Flaschen zu füllen, da er oft den Transport im Fass nicht gut überstand. Aufgrund des frühen Abfüllens gärte dieser ­jedoch unbeabsichtigt in den Flaschen weiter. Mit der Folge, dass die damals noch aus einem Stück Holz bestehenden Verschlüsse völlig überraschend und unkontrolliert plötzlich her­aussprangen. Die Kellermeister hätten zur Sicherheit Eisenmasken tragen müssen, da gleichzeitig auch viele Flaschen explodierten, sagt Liger-Belair.

Der zunächst als Wein von minderer Qualität bekannte Champagner wurde alsbald aber immer ­beliebter. Zuerst entwickelten die Engländer und bald auch der Sonnenkönig Louis XIV. und später sein Neffe Philippe II. Gefallen an den frischen, perlenden Weinen. In Frankreich änderte sich nun mehr und mehr der Geschmack des Adels, und die magischen Perlen wurden zum Markenzeichen.

So knallt der Champagnerkorken in Zeitlupe. Video: Youtube

Der Champagnerexperte ­Liger-Belair hat auch diesen Perleffekt unter die Lupe genommen. Wenn man die Flasche öffnet, entweicht das Kohlendioxid in Form von aufsteigenden Blasen. «Es sind unglaublich viele», sagt er. Allein aus einer gefüllten Champagnerflûte entstehen rund eine Million Bläschen – also knapp so viel wie die Einwohnerzahl der fünf grössten Schweizer Städte.

Obwohl das Knallen der Korken wie bei den Experimenten im Labor unter Champagnertrinkern nicht zum guten Ton gehört, lassen es viele Feiernde dennoch zum Jahreswechsel gern laut krachen. Damit sich der perlende Genuss auf alle Fälle richtig entfalten kann, sollte man laut Liger-Belair zumindest das Glas beim Einschenken schräg halten — ähnlich wie bei einem Bier.

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