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Mit Obelix auf der Jagd

Markus Somm über Journalisten und ihre Vorurteile.

Juan Moreno heisst der Journalist, der den deutschen Jahrhundertfälscher Claas Relotius, ebenfalls ein Journalist, enttarnt hat. Wie ihm dies gelungen ist, schildert Moreno in einem Buch, das vor kurzem erschienen ist. «Tausend Zeilen Lüge», ein scheinbar etwas überspannter Titel, und doch stimmt er in diesem Fall genau. Entschlossener und kalt­blütiger kann man unseren Beruf nicht ad absurdum führen, als dies Relotius jahrelang getan hat: Dutzende von Reportagen, so stellte sich 2018 heraus, hatte er in weiten Teilen erfunden – und trotzdem oder gerade deshalb Dutzende von Journalistenpreisen dafür erhalten. Tatsächlich waren es fantastische Geschichten, im wahrsten Sinne des Wortes, die, so wissen wir jetzt, sich nie ereignet hatten: Es gab keine Sekretärin in Missouri, die in ihrer Freizeit, zur Ent­spannung gewissermassen, Hinrichtungen beiwohnte, wie Relotius «berichtet» hatte. Ebenso wenig hatte der Journalist je mit einem verurteilten Verbrecher in einem amerikanischen Hochsicherheitstrakt gemeinsam geduscht – und ­dabei zugesehen, wie der psychisch verwirrte Mensch eine Seife gegessen haben soll. Schliesslich war Relotius auch nicht dabei, als ein Mitglied einer Bürgerwehr an der Grenze zu Mexiko einen Flüchtling umbrachte. Der Schuss fiel nie – der Tote existiert nicht. Die Liste des Betruges liesse sich beliebig fortsetzen.

Gewiss, Hochstapler hat es immer gegeben, und sie ­werden immer wieder auftauchen; ebenso ist dem «Spiegel», dem deutschen Nachrichtenmagazin, das am häufigsten auf Relotius hereingefallen war und dessen Märchen als Fakten gedruckt hatte, zugute zu halten, den Fall in allen Details und selbstkritisch aufgearbeitet zu haben. Und dennoch bleibt Unbehagen. Wenn Relotius die gesamte Branche so peinlich berührt, dann, weil das Publikum wohl ahnt, dass er womöglich keinen Einzelfall, sondern nur einen Extremfall darstellt. Vielleicht bediente er bloss virtuoser die Vorurteile des journalistischen Milieus. Doch diese Vorurteile, welche die meisten unter uns nur zu gut kennen, bestehen fort – und sie sind dicht.

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