«Lesen ist von unschätzbarem Wert für viele kognitive Leistungen»

Bücher lesen ist eine bedrohte Tugend. Schade. Fünf Tipps, wie Sie es bis zur letzten Seite schaffen.

Völlig vertieft: Wer liest, geht klüger, gesünder, erfolgreicher durchs Leben. Foto: Plainpicture

Völlig vertieft: Wer liest, geht klüger, gesünder, erfolgreicher durchs Leben. Foto: Plainpicture

Tina Huber@tina__huber

Bücher, heisst es, offenbaren die Persönlichkeit eines Menschen. Wer da den gleichen Geschmack hat wie man selbst, der kann so eine schlechte Person nicht sein. Beim Vorstellungsgespräch wird gern gefragt, was man gerade lese, und beim ersten Besuch in einer fremden Wohnung wirft man einen verstohlenen Blick aufs Regal, in der Hoffnung, da möge keine Schnulze von Nicholas Sparks («Das Lächeln der Sterne») stehen.

Wenn da überhaupt ein Buch steht. Lesende Menschen sind interessant und kultiviert, bis hierhin sind sich alle einig, und doch sind die Ausreden, warum Lesen gerade nicht drinliegt, rasch zur Hand. Keine Zeit. Netflix. Die Augen fallen nach zwei Seiten einfach immer zu. Netflix. Hörbücher sind viel bequemer. Netflix. Et cetera.

Der deutsche Buchhandel hat im vergangenen Jahr mit alarmierenden Zahlen die Krise ausgerufen: Binnen vier Jahren sind ihm gemäss Studie über sechs Millionen Käufer abhandengekommen, die Kundschaft wird immer älter. Vergleichbare Zahlen für die Schweiz fehlen, doch die Umsätze sind seit Jahren sinkend. Im Herbst trafen sich in Norwegen mehr als 130 Leseforscher aus ganz Europa, um zu untersuchen, wie sich die Lektüre im Zeitalter der Bildschirme verändert. Papier bleibe das bevorzugte und am besten verständliche Medium für längere Texte, so die nicht ganz überraschende Erkenntnis der sogenannten Stavanger-Erklärung, welche die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» im Januar veröffentlicht hat. Und: «Das Lesen langer Texte ist von unschätzbarem Wert für eine Reihe kognitiver Leistungen wie Konzentration, Aufbau eines Wortschatzes und Gedächtnis.»

Na also. Denn die erwähnte deutsche Studie zeigt auch: Die Menschen sehnen sich nach dem Lesen zurück. Nicht dem hastigen, flüchtigen, sondern dem entschleu­nigten, eintauchenden Lesen. Deshalb fünf Punkte für alle, die sich vorgenommen haben, dieses Jahr endlich wieder einen Roman bis zur letzten Seite zu schaffen.

1. Finger weg von Hawking und Joyce

2017 kamen allein in der Schweiz 9000 neue Bücher auf den Markt, in Deutschland waren es mehr als 72'000. «Weiss nicht, was lesen» gilt also nicht als Ausrede. Aber Sie können vorbeugen: «Das Kapital im 21. Jahrhundert» (Thomas Piketty) ist keine gute Wahl für eine erste Lektüre. Der US-Mathema­tiker Jordan Ellenberg hat 2014 ­berechnet, dass es unter den Amazon-Bestsellern jenes ist, das am häufigsten vorzeitig beiseitegelegt wird. Viele kommen beim fast 700 Seiten starken Wälzer nicht über Seite 26 hinaus. Ebenfalls dürftig schnitten ab: «A Brief History of Time» (Stephen Hawking) und «Lean In» (Sheryl Sandberg). ­Anders ging der österreichische Künstler Julius Deutschbauer vor, der seit über 20 Jahren die «Bibliothek ungelesener Bücher» betreibt. Daraus ist seine Rangliste der nicht fertig gelesenen Werke entstanden: 1. «Der Mann ohne Eigenschaften» (Robert Musil), 2. Die Bibel, 3. «Ulysses» (James Joyce).

2. Seien Sie grosszügig

Das Bundesamt für Statistik hat nachgefragt: Vier von fünf Schweizern lesen mindestens ein Buch – digital oder gedruckt – pro Jahr, und die grössten Leseratten sind Frauen: 34 Prozent von ihnen verschlingen 13 und mehr Bücher pro Jahr. Und die Generation Smartphone ist belesener, als man denkt: In keiner Altersgruppe werden mehr Bücher konsumiert als bei den 15- bis 29-Jährigen. Von denen wollen Sie sich gewiss nicht abhängen lassen, so bildungs- und kulturmässig betrachtet.

3. Durchhalten oder nicht?

Ganz klar: Nein. Literatur ist kein Berg, auf den Sie sich hochkämpfen müssen, weil oben die Aussicht lockt. Lesen soll ein Genuss sein. Suchen Sie sich fürs Erste ein dünnes Exemplar aus. Und beachten Sie Punkt 1.

4. Machen Sie jeden Trend mit

Bücher haben, wie alles Entschleunigte in unserer schnelllebigen Zeit, einen Nostalgiefaktor und sind in gewissen Kreisen genau deshalb wieder hip. Nutzen Sie das, und rennen Sie hemmungslos jedem Trend hinterher. Schliessen Sie sich einer Slow-Reading-Gruppe an (da trifft man sich im Café, Handy aus, jeder vertieft sich still in sein Buch). Oder besprechen Sie Ihre Lektüre in einem Lesezirkel, abonnieren Sie Buchliebhaber-­Accounts auf Instagram.

5. Freuen Sie sich

Wer liest, geht klüger, gesünder, erfolgreicher durchs Leben, das beweisen zahlreiche Studien. Und, Sie ahnen es: stilvoller.

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