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Schweizer Biker verkaufte Terror-Waffe

Ein verurteilter Waffenschmuggler reichte die Pistole des Berliner Attentäters an Mitglieder der UÇK weiter.

Von Deutschland über die Schweiz in den Kosovo: Die Erma EP 552 von Anis A.
Von Deutschland über die Schweiz in den Kosovo: Die Erma EP 552 von Anis A.
Keystone

Als Anis A. im letzten Dezember das Attentat auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz plante, versuchte er zuerst, einen Lastwagen zu stehlen. Das klappte jedoch nicht. Irgendwann entschied er, einen Sattelschlepper mit einer Schusswaffe in seine Gewalt zu bringen. Für einen Terroranschlag besorgte er sich dafür eine eher ungeeignete Waffe: eine kleine Pistole im Kaliber .22 Long Rifle, Kugeldurchmesser 5,6 Millimeter. Um einen Menschen umzubringen, ohne Aufsehen zu erregen, muss man damit aber einen präzisen Kopf- oder Nackenschuss abgeben, am besten aus nächster Nähe.

Wie A. sich die Pistole vom Typ Erma EP 552, Seriennummer 012030, genau beschaffte, bleibt bis heute ungeklärt. Nachdem er am 19. Dezember gegen 20 Uhr mit einem geraubten Sattelschlepper in den Weihnachtsmarkt gerast war und elf Menschen ermordet hatte, stieg er nicht etwa aus und richtete die Pistole auf weitere Opfer.

Wahrscheinlich wusste er, dass er mit der Erma nicht viel Schaden anrichten konnte.

Später, als A. auf der Flucht in der Nähe von Mailand auf zwei italienische Polizisten feuerte, zog er dann gegen deren grosskalibrige 9-Millimeter-Pistolen den Kürzeren und bezahlte seine Taten mit dem Tod.

Deutsche Waffenhändler müssen Buch führen

Schon kurz nach dem Anschlag waren die deutschen Behörden in der Lage, den Weg der 1990 in den Erfurter Erma-Werken hergestellten Pistole nachzuzeichnen – zumindest innerhalb Deutschlands. Aus Erfurt in Thüringen gelangte die Pistole nach Bayern, und zwar zuerst nach Erlangen und dann zur bei Jägern bekannten Firma Frankonia in Würzburg. Diese lieferte die Erma zusammen mit mehreren baugleichen Pistolen an eine Waffenhandlung in Konstanz am Bodensee.

Es sei zu vermuten, dass diese Firma die Waffe zwischen Oktober bis Dezember 1992 an einen Einzelkunden in der Schweiz verkauft hat, heisst es dazu in einem Protokoll des Innenausschusses im Deutschen Bundestag von Mitte Februar. Berlin hat in dieser Angelegenheit auch ein Rechtshilfeersuchen nach Bern geschickt. Dass die deutschen Ermittler die Spur der Erma nachverfolgen konnte, hat mit den Büchern zu tun, die ­jeder deutsche Waffenhändler ­führen und nach 20 Jahren den Behörden übergeben muss.

Schweizer kaufte total 24 Pistolen und Revolver

In aufwendigen Recherchen hat die SonntagsZeitung seither versucht herauszufinden, wer die Pistole in Konstanz gekauft hat und was danach passiert ist. Dabei kam Überraschendes heraus: Anis A. hatte einige Kontakte in der Schweiz, er benutzte das Handy eines Schweizers und eine SIM-Karte, die er von einem Drogensüchtigen aus Goldach am Bodensee erhalten hatte. Ausserdem wollte er eine Schweizerin in derselben Region heiraten. Aber die Erma EP 552 hat er sich nicht in der Schweiz oder über seine Schweizer Bekannten beschafft.

Spurensuche in Konstanz, ­keine 100 Meter vom Schweizer Grenzübergang entfernt. In einem renovierten Gründerzeitgebäude befand sich früher die Waffen-Gehmann GmbH des Büchsenmachermeisters Erich Gehmann. 1985 wurde die Firma von Frankonia übernommen und als deren Filiale in Konstanz weitergeführt. Das Ehepaar Gehmann verkaufte dort weiterhin Waffen sowie Kleider und Zubehör für die Jagd. Es sei ein dunkler Laden mit eigener Werkstatt gewesen, erinnert sich eine Nachbarin.

Hier kaufte der Schweizer Roger Zweifel (Name geändert) Ende 1992 die Pistole mit der Seriennummer 012030. Insgesamt sechsmal kam er, der nicht weit von Konstanz entfernt wohnte, zum alten Herrn Gehmann und erwarb dabei 24 Kleinkaliberpistolen und -revolver. Weitere 60 Modelle habe er bei Frankonia in Würzburg bestellt und per Post geliefert erhalten, erzählt der gelernte Motorrad- und Automechaniker. Das Gespräch findet in einer Kneipe irgendwo in der Bodenseeregion statt. Als die Rede bei der ersten Kontaktaufnahme auf den Anschlag in Berlin kommt, fragt Zweifel sofort, ob es sich bei der Pistole von Anis A. um jene Erma gehandelt habe, die er damals in Konstanz gekauft hat.

Anis A. fuhr am 19. Dezember mit dem Sattelschlepper in den Weihnachtsmarkt. Foto: Reuters
Anis A. fuhr am 19. Dezember mit dem Sattelschlepper in den Weihnachtsmarkt. Foto: Reuters

Ein paar Schritte vom Waffenladen entfernt meldete sich Zweifel vor 25 Jahren beim Schweizer Zoll an und legte seine Einkäufe vor. Die Einfuhr von Kleinkaliberpistolen und deren Weiterverkauf in der Schweiz war damals legal und ohne Waffenerwerbsschein möglich. Und genau darauf hatte es Zweifel abgesehen: In Konstanz konnte er eine Erma für etwa 250 D-Mark erstehen. In der Schweiz lag der Verkaufspreis dagegen in der Region von 400 Franken – ein satter Gewinn. Im Konstanzer ­Laden musste Zweifel dazu nur ­seine Identitätskarte vorweisen und kopieren lassen.

«Am Zoll musste man die Knarren dann nur auf die Theke legen, damit die Seriennummer registriert wurden. Dann verzollen, und ab ging die Post.» Ob er in letzter Zeit denn schon Besuch von der Schweizer Polizei erhalten habe? «Nein», antwortet der tätowierte Hüne in schwarzer Motorradbekleidung. «Das war ja ein richtiges Frauenpistöleli, nichts wirklich Ernsthaftes. Aus ein paar Metern Entfernung kann man damit vielleicht einen Menschen töten, wenn man sehr genau zielt. Ich stehe eher auf grosskalibrige Magnum-Revolver und Pump-Guns.»

Mit Genuss verzehrt Zweifel seinen Schwartenmagen. «Früher habe ich Heroin geraucht und viel zu viel getrunken.» Doch nun sei er schon länger trocken und würde nicht einmal mehr Rasierwasser benützen. An wen er denn die Waffen weiterverhökert habe? «An verschiedene Abnehmer, aber da war einer, der hat mir eine ganze Reihe dieser Ermas abgenommen. Er hiess Jetmir Podrimcaku (Name geändert), ein Jugo, und stammte aus dem Kosovo. Ich habe ihn auf dem Bau kennen gelernt, wo er als Handlanger arbeitete. Eigentlich mag ich die Jugos ja nicht, aber ­Jetmir war ein netter Kerl. Und er war scharf auf Waffen.»

Kosovare gab Waffe an Verwandte weiter

Ende 1992 war der Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien schon längst im Gang, und der Bundesrat hatte ein Verbot erlassen, das den Waffenverkauf an Bürger aus dem ehemaligen Jugoslawien unter Strafe stellte. Auch wenn der Krieg im Kosovo erst 1998 begann, vier Jahre nach der Gründung der kosovarischen Befreiungsarmee (UÇK), begannen sich Kosovaren in Westeuropa schon 1992 auf den Kampf gegen Serbien vorzubereiten. «Hätte Jetmir gekonnt, hätte der mir auch einen Panzer abgenommen», erzählt Zweifel weiter. «Einmal habe ich ihm sogar eine Kalaschnikow verscherbelt. Er hat die Waffe dann auseinandergenommen und die Teile in seinem Auto versteckt. Damit ist er runter in den Kosovo gefahren.» Jetmir habe all das gemacht, um die ­Sache seiner Leute zu unterstützen. Er sei erst durch den Krieg zum ­Profiwaffenschmuggler geworden. «Und ich habe es getan, weil es mir recht war, dass sich die da unten die Köpfe einschlugen. Dann kommen nicht noch mehr von denen zu uns.»

Doch den Schweizer Behörden entgingen die Waffenschiebereien nicht. Sie fanden heraus, dass Podrimcaku 44 Schusswaffen in der Schweiz illegal erworben hatte, ­wovon 35 nach Ex-Jugoslawien ­gelangten. Darunter befand sich auch die Erma mit der Seriennummer 012030 und 23 weitere Kleinkaliberwaffen, die Roger Zweifel in Deutschland besorgt hatte.

1994 wurden Podrimcaku und Roger Zweifel sowie ein weiterer Schweizer Komplize verurteilt. Während der Kosovare mit einer bedingten Gefängnisstrafe von 8 Monaten davonkam, musste der bereits vorbestrafte Zweifel für drei Monate in den Bau. Das bringt ihn noch heute in Rage: «Ich habe damals doch alles ordnungsgemäss angemeldet und verzollt. Mein Geld hat der Staat genommen, aber in den Knast musste ich trotzdem.»

Nach der Kontaktaufnahme via Facebook meldet sich Jetmir Podrimcaku per Telefon. 1994 ist er in die USA ausgewandert, doch jetzt lebt er in Osteuropa. Dass eine seiner Waffen bei einem Terroranschlag verwendet wurde, erstaunt ihn. Er habe die Pistolen doch nur seinen Verwandten im Kosovo gebracht und habe keine Ahnung, wie eine der Ermas von dort nach Berlin gelangen konnte.

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