Über 200 Schweizer sitzen in ausländischen Gefängnissen

Die meisten Inhaftierten kamen in europäischen Ländern mit dem Gesetz in Konflikt.

In der Türkei inhaftierte Schweizer können wohl zurückkehren: Aussenmauer eines türkischen Gefängnis. Bild: Keystone

In der Türkei inhaftierte Schweizer können wohl zurückkehren: Aussenmauer eines türkischen Gefängnis. Bild: Keystone

Tina Huber@tina__huber

Nachdem der Ausnahmezustand in der Türkei Mitte dieser Woche beendet worden ist, können mehrere schweizerisch-türkische Doppelbürger das Land voraussichtlich verlassen. Zuvor waren sie an der Ausreise gehindert worden. Zwar handelt es sich hier um aussergewöhnliche Ereignisse. Dennoch ist das Aussendepartement (EDA) regelmässig mit Schweizern konfrontiert, die im Ausland in Schwierigkeiten geraten. Jedes Jahr wird rund 250 Schweizer Bürgern im Ausland die Freiheit entzogen – das sind rund fünf pro Woche. Die Fachleute des EDA stellen in diesen Fällen sicher, dass die Haftbedingungen menschenwürdig sind, sie in­formieren Angehörige und be­suchen die Inhaftierten auf Wunsch.

In welchen Ländern verlieren Schweizer am häufigsten ihre Freiheit? Nicht, wie man annehmen könnte, in exotischen Ferienparadiesen mit anderen Rechtssystemen und Gesetzen – sondern bei unseren Nachbarn. Von den 204 im Ausland Inhaftierten, die das EDA derzeit betreut, befinden sich 22 in Frankreich und 20 in Deutschland. Weitere 17 Personen haben es mit der spanischen Justiz zu tun, und immerhin 12 sind in thailändischer Haft. 11 Schweizer sind in Italien im Gefängnis, 10 in den USA. Erfahrungsgemäss gehöre auch Brasilien zu den Spitzenreitern, schreibt das EDA, auch wenn das Land gegenwärtig in der Statistik nicht ganz vorne auftaucht.

Rund ein Drittel ist wegen Drogendelikten hinter Gittern

2017 landeten 245 Schweizer Staatsbürger in ausländischen Gefängnissen – Mitte Juli betreute das Aussendepartement allerdings nur noch 204 Inhaftierte. Das zeigt: Oft müssen die Betroffenen nur kurze Haftstrafen absitzen. Die Vorstellung, dass im Ausland Inhaftierte einen Teil ihrer Strafe in der Schweiz verbüssen, entspricht selten der Realität. EDA-Sprecher Pierre-Alain Eltschinger schreibt auf Anfrage: «Die grosse Mehrheit dieser Personen verbüsst die gesamte Haftstrafe beziehungsweise Massnahme im Ausland.» Eine Massnahme könne auch nur einige Stunden dauern. Lebenslängliche Gefängnisstrafen seien dagegen absolute Ausnahmen.

Regelmässig machen Schweizer Staatsangehörige Schlagzeilen, deren Strandferien wegen Drogendelikten im Gefängnis enden. ­Tatsächlich haben sich von den 204 derzeit im Ausland Inhaftierten 64 Personen Drogendelikte zuschulden kommen lassen. Das entspricht knapp einem Drittel. Von den Übrigen wurden auch mehrere wegen Vermögensdelikten oder Raub und Diebstahl verhaftet, andere haben gegen die Aufenthaltsbedingungen verstossen oder werden wegen eines Auslieferungsbegehrens festgehalten.

Dienste des EDA immer häufiger beansprucht

Genaue Angaben zu aktuellen Fällen macht das EDA mit Verweis auf den Persönlichkeitsschutz nicht. Die Gründe für eine Inhaftierung im Ausland können aber ganz unterschiedlich sein: Erst gestern wurde bekannt, dass am Freitag ein 66-jähriger Schweizer Leiter eines Ausbildungsprojekts in Nepal verhaftet worden ist, der verdächtigt wird, einen Minderjährigen sexuell missbraucht zu haben. Im Frühling wurde in Rom ein Schweizer Ingenieur festgenommen, weil er ein System gegen Drohnen mitentwickelt haben soll, das als Kriegsmaterial eingestuft wird. Vergangenes Jahr musste ein Schweizer in Thailand gar für mehrere Monate ins Gefängnis, weil er in der Öffentlichkeit eine E-Zigarette geraucht hatte, was in diesem Land strikt verboten ist.

Generell nehmen Schweizer fernab ihrer Heimat die Dienste des EDA immer häufiger in Anspruch: 2017 unterstützte das Aussendepartement 832 Schweizer Bürger im Rahmen des konsularischen Schutzes – das entspricht einer Zunahme von 80 Prozent in-nerhalb von zehn Jahren. Gründe sind neben Verhaftungen etwa Todesfälle, Unfälle, Krankheiten oder Hilfe bei der Suche nach vermissten Personen.

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