Von der eigenen Familie misshandelt

Eingesperrt, verwahrlost, geschlagen – Meldungen über Gewalt an Senioren nehmen zu. Oft sind Verwandte und Freunde die Täter.

Scham und Angst: Viele Betagte trauen sich nicht, Übergriffe durch die Familie zu melden. Foto: Rutger van der Bent (plainpicture).

Scham und Angst: Viele Betagte trauen sich nicht, Übergriffe durch die Familie zu melden. Foto: Rutger van der Bent (plainpicture).

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Die Demenz ist so weit fortgeschritten, dass sich die Seniorin selbst vergisst. Ihre Wohnung im vierten Stock ist schmutzig, es mieft. Ein Ausschlag überzieht die Haut der 87-Jährigen, darüber trägt sie dreckige Kleider.

Lange kümmerte sich die Tochter um die Betagte. Doch sie muss sich nun, nach dem Tod ihres Mannes, um ihre eigene Zukunft sorgen. Und so verwahrlost die alte Frau immer mehr. Bis ein Nachbar die Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter (UBA) einschaltet. Sie bietet in der Deutschschweiz Hilfe, wenn es bei Senioren zu Konflikten und Gewalt kommt. Was regelmässig der Fall ist, wie bisher unveröffentlichte Zahlen zeigen. 397 Beschwerden gingen 2017 bei der UBA ein, so viele wie noch nie. Die meisten Fälle lagen im psychischen (138) und im finanziellen Bereich (137). ­Gemeldet wurden der UBA aber auch 61 Grundrechtsverletzungen und 49 physische Übergriffe.

Eltern im Bad einsperren, um einige Stunden Ruhe zu haben

UBA-Geschäftsführerin Ruth Mettler Ernst kann den Zahlen etwas Positives abgewinnen. «Sie zeigen, dass solche Fälle immer mehr bei uns gemeldet werden.» Um ein Abbild der Realität handle es sich aber keinesfalls. «Wir gehen gestützt auf internationale Studien davon aus, dass jede fünfte Person im Alter von Gewalt betroffen ist.»

Eine Tendenz lässt sich aus den Daten der UBA ableiten: Die Misshandlungen verschieben sich seit einigen Jahren weg von den Altersheimen hin zu Senioren, die im eigenen Zuhause von ihren Angehörigen betreut werden.

«Alter ego», die Organisation für Prävention von Misshandlung im Alter in der Westschweiz, berichtet das Gleiche. «Wir haben pro Jahr etwa 100 Meldungen», sagt Koordinator Jörg Rickenmann. «Zwei Drittel sind Misshandlungen aus der ambulanten Pflege. Das ist deutlich mehr als früher.»

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Bestätigt wird der Trend in der nationalen Kriminalstatistik, welche seit 2009 alle Straftaten im häuslichen Bereich ausweist. 489 Personen über 60 Jahre wurden 2016 Opfer solcher Delikte. Auch dies ist ein Rekordwert. Häufig handelt es sich bei den Taten um Körperverletzungen. Registriert wurden aber auch 15 vorsätzliche Tötungen, begangen durch Personen aus dem privaten Umfeld.

Die Fachstellen ihrerseits berichten von Kindern, die betagte Eltern ans Bett fesseln oder im Bad einsperren, um ein paar Stunden Ruhe zu haben. Von Eheleuten, die Jahrzehnte friedlich zusammenlebten, nun aber den dementen Partner mit Gewalt zurechtweisen. «Die Hauptursache des Problems ist ganz klar, dass die Angehörigen mit der Pflege überfordert sind», sagt Mettler Ernst von der UBA. «Oft geraten sie völlig unvorbereitet in eine Situation, die ihnen viel Zeit und Kraft abverlangt.» Gab es früher meist Geschwister, die ihre alten Eltern abwechselnd betreuen konnten, hängt diese Aufgabe heute oft an einer Person. Und: «Heute haben pflegende Angehörige Berufsleben und Pflichten als Eltern oder Grosseltern», sagt Mettler Ernst. «Die Pflege der Eltern ist eine Drittbelastung, die es nicht immer verträgt.»


«Angehörige drohen mit dem Heim» Viele misshandelte Alte schwiegen aus Angst, sagt Mediziner und Altersexperte Albert Wettstein. Zum Interview


Viele behalten das für sich. «Die Leute haben häufig niemanden, mit dem sie sich austauschen können», sagt Judith Bucher, Mediensprecherin von Pro Senectute Schweiz. Es handle sich um ein ­Tabuthema. «Entlastung anzunehmen, heisst für viele, zu versagen.» Stattdessen brennen die Angehörigen aus. Oder sie äussern ihre ­Erschöpfung mit Übergriffen: «Es kommt zu physischer Gewalt – schlagen, schubsen, schütteln, jemanden nicht mehr umbetten», sagt Bucher. «Aber auch zu psychischer Gewalt in Form von anschreien, Liebesentzug, Hilferufe ignorieren, Medikamente überdosieren, damit jemand ruhiger wird, oder einer inkontinenten Person zu wenig zu trinken geben.»

Laut Bucher fehlt es an Angeboten wie Coaching oder Gesprächsgruppen. «Der Austausch mit anderen Betroffenen hilft bei der Verarbeitung der emotionalen Belastung und stärkt die Angehörigen für ihre Aufgabe. Das ist aus unserer Sicht eine sehr wirkungsvolle Gewaltprävention.»

Bund will privaten Betreuern Kurzurlaube zusichern

Für alle Experten ist unbestritten, dass sich das Problem in Zukunft verschärfen wird. Die Zahl der Personen im Rentenalter steigt laut Schätzungen des Bundes in 30 Jahren von 1,5 Millionen auf 2,7 Millionen. Gleichzeitig boomt die Pflege zu Hause. Die Zahl der Altersheimbewohner war 2016 erstmals rückläufig, die Zahl der Spitex-Bezüger hingegen stieg in einem Jahr um 10 Prozent. Gefragt ist Hilfe durch die Familie: Rund 125'000 Personen, vor allem die Frauen, pflegen erwachsene Verwandte. 2007 waren es erst 77'000.

Das Bundesamt für Gesundheit arbeitet mit dem «Aktionsplan pflegende Angehörige» aktuell mehrere Entlastungsmassnahmen aus. So sollen Arbeitnehmer das Recht erhalten, vorübergehend bezahlt freizunehmen, um Verwandte zu pflegen. Entsprechende Anpassungen im Gesetz kommen noch vor den Sommerferien in die Vernehmlassung.

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Der Bundesrat liess zudem untersuchen, wie teuer es wäre, Angehörige für die Betreuungsarbeit direkt finanziell zu entschädigen. Je nach Beitrag entstehen gemäss dieser Analyse jährliche Kosten zwischen 280 und 830 Millionen Franken. Der Bund will davon nichts berappen: «Eine gezielte Förderung von Betreuungszulagen fällt in die Zuständigkeit der Kantone», heisst es im Bericht.

Der Schweizerische Seniorenrat findet dies stossend. «Der Bund spart enorm Kosten, wenn möglichst viele Menschen möglichst lange zu Hause von der Familie gepflegt werden», sagt Co-Präsident Roland Grunder. «Im Gegenzug sollte er bereit sein, den Angehörigen für ihre freiwilligen Dienste eine kleine Entschädigung zu entrichten.» Es gehe nicht um eine vollständige Entlöhnung. «Aber zumindest um eine minimale finanzielle Entlastung.» Sonst steigen gemäss Grunder die Last und der Druck auf die Angehörigen weiter: «Und es kommt zu noch mehr Übergriffen.»

Die UBA will dies verhindern. Am Mittwoch startet sie eine Werbekampagne in öffentlichen Verkehrsmitteln. «Wir wollen den Leuten zeigen, dass sie sich nicht schämen müssen, wenn sie überfordert sind», sagt Geschäftsführerin Mettler Ernst. «Helfen können wir nur, wenn uns Konflikte auch gemeldet werden.»


Die UBA ist erreichbar unter: 058 450 60 60 oder info@uba.ch

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 14.04.2018, 23:00 Uhr

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