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Wird nun alles gut?

Warum die Regel «Einmal ­Intendant, immer ­Intendant» nicht mehr gilt.

Vorletztes Jahr stieg ich aus dem Berufungsverfahren für das Schauspielhaus Zürich aus. Das multikulturelle Gent, Heimat von so aussergewöhnlichen Crossover-Künstlern wie Miet Warlop oder Alain Platel, schien mir passender für meine Vision eines «Stadttheaters der ­Zukunft» als das mit Dürrenmatt-Bearbeitungen und Zwinglifestivals in ewigen Schlummer kuratierte Zürich.

Doch jetzt wird alles anders. Nachdem bereits drei Frauen die Direktion des Theaters Neumarkt übernommen hatten, wurde vorgestern eine weitere weibliche Dreierspitze bekannt: diesmal für das Theaterhaus Gessnerallee. Obwohl ich künstlerisch nie glücklicher war als in Gent, überkommt mich doch etwas Neid. Was in anderen Ländern nur mit Revolutionen gelingt, gelingt den Schweizern mit einer klugen Ernennungspraxis!

So wird also ab nächster Spielzeit in Zürich die Performance-Szene noch einmal anders vermessen – gemeinsam mit der dann ebenfalls frischen Doppelspitze des Schauspielhauses. Alle drei Teams leiten ein Haus zum ersten Mal, sie bringen keine fertigen Secondhand-Rezepte mit. Das ist ein klares Signal ans feudale deutschsprachige Stadttheater-System, aber auch an die freie Szene: Die Regel «Einmal Intendant, immer Intendant» gilt nicht mehr.

Alles andere als verknöchert oder feudal

Vor allem aber: Es war einfach Zeit, dass das 21. Jahrhundert endlich auch in der Zürcher Kulturszene beginnt, und zwar in den Chefinnen-Etagen! Wie sehr darauf gewartet wurde, zeigt ein kämpferischer Artikel über die neue Gess­nerallee-Leitung, der an einem Tag über 500-mal auf Facebook geteilt wurde. Alexandra Kedves sieht darin die «Gender-Keule, die Solitär-Axt, die Altersguillotine» fallen in ­Zürich. Die Zeit des «alten, weissen» Kunst- und Intendanz-Solitärs sei vorbei, schreibt sie.

Natürlich ist das Bild des herrischen, diskussionsfeindlichen «old white man» ein «etwas unpräzises Framing», wie Sibylle Berg kürzlich in ihrem melancholischen «Lob des alten weissen Mannes» festhielt. Vor 15 Jahren produzierten zwei damals schon ältere, weisse Herren, nämlich Christoph Marthaler und Christoph Schlingensief, den schillerndsten Longterm-Skandal der Zürcher Theatergeschichte. Und auch die jetzigen Leiter von Neumarkt und Gessnerallee sind (fast ausschliesslich) Männer und nicht mehr jung – ihre kuratorische Arbeit ist alles andere als verknöchert oder feudal.

Aber es geht um strukturellen Wandel. Dass hier ausgerechnet Zürich – wo neue kulturpolitische Moves üblicherweise erst gemacht werden, wenn sie andernorts abgehangen sind – voranpreschen würde, hätte ich nie gedacht. Zürich, das mit seinem Dada-Blödsinn und Robert-Walser-Wahn eigentlich noch im 19. Jahrhundert feststeckt. Zürich, das seit so langer Zeit in der Zange buchhalterisch aus Berlin importierter Diskurs- und Performance-Moden auf der einen und des Züriberg-Publikums auf der anderen ­Seite schmachtet: Das ist ein wirkliches Theaterwunder! Wird nun alles gut? Ich hoffe nicht.

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