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Zwei Schläge in die Magengrube der Frauen

Gemäss einer Studie des Bundesamts für Sozialversicherungen haben Frauen im Schnitt 37 Prozent tiefere Renten als Männer.

MeinungTamara Funiciello

Die Forderungen waren klar: mehr Zeit, mehr Geld, mehr Respekt. Und nun, knapp einen Monat später, die Ernüchterung. Der bürgerliche Bundesrat hat entschieden, das Rentenalter der Frauen auf 65 zu erhöhen und bei der Spitex abzubauen. Das ist nicht nur eine Frechheit, sondern auch unsinnig.

Beginnen wir beim Rentenalter: Ich bin nicht dagegen, das Rentenalter von Frauen und Männern anzugleichen – aber dann bitte schön nach unten, also auf 64. Denn: Die Frage nach dem Rentenalter ist keine Frage nach der Lebenserwartung, sondern nach gesellschaftlichem Reichtum. Die 300 reichsten Menschen in der Schweiz haben 2016 60 Milliarden eingesackt. 60 Milliarden – das verdient man nicht auf der Baustelle, an der Kasse oder hinter dem Lehrerpult. 60 Milliarden verdient man durch Kapitaleinkommen, also zum Beispiel Dividenden. Dieses Geld ist – im Gegensatz zum Lohn – nicht sozialversicherungspflichtig, trägt also absolut nichts zur AHV bei. Die Folge? Die Reichsten werden immer reicher, während der Rest von uns immer länger arbeiten soll.

Eine Erhöhung des Frauenrentenalters ist zudem nicht nur unsinnig, sie blendet auch aus, dass Frauen aktuell bei den Renten massiv benachteiligt sind. Gemäss einer Studie des Bundesamts für Sozialversicherungen haben Frauen im Schnitt 37% tiefere Renten als Männer. Dafür gibt es zwei Gründe.

«Das verdient man nicht auf der Baustelle, an der Kasse oder hinterm Lehrerpult.»

Erstens: Frauen leisten unbezahlte Arbeit im Wert von 248 Milliarden Franken – jedes Jahr. Das ist viermal so viel wie das Bundesbudget. Um diese für die Gesellschaft notwendige Arbeit erledigen zu können ­(Kinder grossziehen, Alte pflegen etc.), arbeiten sie häufig Teilzeit – das wirkt sich auf die Rente aus.

Zweitens: Frauen verdienen für die gleiche Arbeit immer noch weniger Lohn. Aber in einem Land, in dem man gebüsst wird, wenn man seinen Abfall zu früh auf die Strasse stellt, scheint es ein Ding der politischen Unmöglichkeit zu sein, gleichen Lohn für gleiche Arbeit zu kriegen. Schaut man sich diese Zahlen an, ist es ein Hohn, von den Frauen zu erwarten, dass sie das angebliche Loch in der AHV füllen.

Aber nicht nur bei der Rente sollen die Frauen mal wieder den Kopf für eine Politik hinhalten, die eine winzige Elite belohnt, während alle anderen das Nachsehen haben. Genau dasselbe Muster sehen wir auch bei der Spitex, wo der Bundesrat ebenfalls abbauen will. Nun ist es so: Nur weil die Spitex weniger vorbeikommt, verschwinden kranke, alte Menschen nicht einfach. Irgendjemand muss sie betreuen. Und das sind in der ­Regel Frauen. Zudem ist gerade der Pflegebereich eine von Frauen dominierte Berufssparte. Und wieder wird von den Frauen verlangt, den Preis zu zahlen. Und wieder doppelt. Am 20. Oktober sind Wahlen. Referendumsbögen sind schnell gedruckt. Und vielleicht wiederholen wir die ganze Übung am 14. Juni 2020 nochmals. Denn wir sind ­gekommen, um zu bleiben.

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