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Der Schwimmer

Er schwamm Weltrekord, dann in einem Löschwasserbecken in Auschwitz, dann wieder Weltrekord. Das eindrückliche Leben von Alfred Nakache.

Schwamm ein Jahr nach Auschwitz Weltrekord: Alfred Nakache.
Schwamm ein Jahr nach Auschwitz Weltrekord: Alfred Nakache.
PD

Es war im Sommer 1944, es war heiss, die Sonne brannte auf die Gefangenen im Vernichtungslager in Auschwitz. Da sprach ein Inhaftierter zum anderen, beides gute Schwimmer. «Wollen wir schwimmen gehen?» Sein Kollege schüttelte den Kopf: «Die werden uns aufhängen.»

Die beiden gingen trotzdem, ins Löschwasserbecken von Auschwitz III, dem Arbeitslager, in das die Starken verfrachtet und wo sie ausgebeutet und getötet wurden. Sie zogen darin ihre Längen, Kollegen standen Wache, bei Gefahr riefen sie: «Kapo kommt.» Schnell packten die beiden ihre Sachen, zogen sich die Sträflingskleider über und verschwanden. Sie wurden nie erwischt.

Eine der bemerkenswertesten Biografien

Der eine der beiden ist Noah Klieger, er erzählte der FAZ diese Geschichte. Der andere, der Anstifter, war Alfred Nakache, er wäre heute 100 Jahre alt geworden. Seine Geschichte ist eine der bemerkenswertesten, aber unbekanntesten in der Welt des Sports. Er schwamm Weltrekord vor und nach dem Zweiten Weltkrieg, er war an den Olympischen Spielen, vorher und nachher; Berlin (1936) und London (1948). Und er war in einem Vernichtungslager. Auschwitz. 1944.

Nakache war Jude, eines von 11 Kindern, das jüngste. Seine Familie kam von Algerien nach Paris, er begann zu schwimmen, holte sich in den Vorkriegsjahren praktisch alle Titel, die es in Frankreich zu gewinnen gab: 28 Meistertitel, zwei Weltrekorde, zwei Europarekorde. Im Freistil Olympiavierter mit der Staffel.

Doch schon bald war der Sportlehrer auf der Flucht. Ab Ende 1940 durfte kein Jude mehr auf besetztem deutschem Gebiet als Lehrer arbeiten. 1941 schwamm er Weltrekord über 200 Meter Brust. Er floh nach Toulouse und übernahm ein Fitnessstudio.

Von Rassisten diffamiert

Erst wurde Nakache von der Politik geschützt, er musste im Gegenzug als Vertreter des französischen Sports auf Propagandatouren in Afrika für Werte wie «Gesundheit, Mut und Disziplin» werben. Nakache wurde von der Presse gefeiert, doch schon damals von Rassisten geschmäht. Sie nannten ihn einen «Halbgott mit krausen Haaren und weiten Nasenlöchern». Schlimmer wurde es, als im Jahr 1942 die Deutschen der Vichy-Regierung aufzwangen, den Ministerpräsidenten auszuwechseln. Der Schutz schwand.

1943 durfte Nakache nicht mehr an der französischen Meisterschaft teilnehmen. Vier Tage vor Weihnachten kam die Gestapo, trennte ihn von der Familie – Frau und Tochter wurden wohl noch am selben Tag vergast. Nakache kam nach Auschwitz und wurde Pfleger.

Das Vernichtungslager Auschwitz
Das Vernichtungslager Auschwitz

Und nebenbei schwamm er. Im Vernichtungslager. Als gäbe es nichts Leichteres. «Das hat vielen von uns Hoffnung gegeben», sagt ein ehemaliger Mitinsasse. Noah Klieger sagte, Schwimmen sei ein Akt von Widerstand gewesen. Die kahl rasierten, knorrigen, ausgehungerten Schwimmer – Nakache wog zuletzt noch 40 Kilogramm – schwammen in diesem Sommer «fünf- oder sechsmal» ihre Längen. Das sprach sich im Lager herum, es gab den Menschen Hoffnung, «die Deutschen zu überleben». Das Schwimmen hatte etwas Befreiendes.

Der Tod kam im Wasser

1945, als alles vorbei war, zog Nakache zurück nach Toulouse. Er vernahm vom Schicksal seiner Familie und machte dies, was ihm geblieben war: schwimmen. Ein Jahr nach Auschwitz schwamm er Weltrekord mit der Lagenstaffel, 1948 erreichte er das olympische Halbfinale in London.

Danach trainierte er den späteren Olympiasieger Jean Boiteux, er zog nach Sète und starb 1983 67-jährig an Herzversagen. Im Meer beim Schwimmen.

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