Aus dem Zentrum der Macht

Jérôme Valcke ist als Fifa-Generalsekretär zumindest vorübergehend suspendiert. Wer ist der Mann, der den Weltfussball mit seinen Geschäften geprägt hat?

Zweifelt nicht an der Integrität der Fifa: Generalsekretär Jérôme Valcke.

Zweifelt nicht an der Integrität der Fifa: Generalsekretär Jérôme Valcke.

(Bild: Keystone Sebastiao Moreira)

Ueli Kägi@ukaegi

«Unsere Welt ist eine sehr kleine Welt.» Der 55-jährige Jérôme Valcke hat diesen Satz gesagt. Damals, nach einem der erstaunlichsten Comebacks in der Welt der Sportfunktionäre.

Im Dezember 2006 war der Franzose als Marketingdirektor bei der Fifa freigestellt worden. Er hatte einen Sponsoringvertrag mit der Kreditkartenfirma Visa abgeschlossen und damit den langjährigen Fifa-Partner Mastercard mit dem vertraglich zugesagten Recht auf Erstverhandlungen hintergangen. In den 18'000 ausgewerteten E-Mails von der Fifa entdeckte die amerikanische Richterin «Mogelei», «Bluff» oder «kommerzielle Lüge», wie «Cash» damals festhielt. Das Vergehen kostete den Fussball-Weltverband nach einem Gerichtsbeschluss 90 Millionen Dollar Busse.

Die Fifa begründete die Trennung von Valcke und drei weiteren Mitarbeitern aus der Marketingabteilung damals mit den Worten: «In den Verhandlungen wurden unsere Geschäftsprinzipien gebrochen. Die Fifa kann ein solches Verhalten seiner Angestellten unmöglich akzeptieren.»

Ein gutes halbes Jahr nach der Freistellung kehrte Valcke auf den Zürichberg zurück. Er war jetzt aber nicht mehr nur Marketingdirektor, sondern Generalsekretär. Sepp Blatter, der Präsident, der Valcke nach der Visa-Affäre geopfert hatte, hatte ihn zurückgeholt und als seine rechte Hand installiert. Und eben. Valcke sagte: «Unsere Welt ist eine sehr kleine Welt.»

Eine Kämpfernatur

1960 wurde Valcke in Paris geboren. Sein ehemaliger Arbeitskollege Jean-Louis Dutaret sagte einmal über ihn: «Er ist kompetent, er kann begeistern. Und mit seinen vorzüglichen Kontakten gelingt es ihm, immer wieder aufzustehen.» Die Frage ist: Auch jetzt wieder?

Nach dem Karrierestart als TV-Journalist in den 80er-Jahren beginnt Valckes Aufstieg so richtig, als er Pierre Lescure, dem Chef des Privat-TV-Senders Canal +, vorschlägt, in grossem Stil in den Handel mit Sportrechten und in die Sportberichterstattung einzusteigen. Lescure findet den Vorschlag gut, 1997 ist Valcke deshalb Verantwortlicher von Sport +, er handelt mit Übertragungsrechten für US-Sport und die grossen europäischen Fussballligen.

Sechs Jahre bleibt er, bis er zur Fifa wechselt. Valcke war Blatter bei Verhandlungen um die konkursite und mit der Fifa verbandelte Sportrechtehändlerin ISL derart auf die Nerven gegangen, dass er bleibenden Eindruck hinterliess – und vom Fifa-Präsidenten bald ein Jobangebot erhielt. So hat es zumindest die französische Zeitung «Le Monde» erzählt.

Der Vater zweier Kinder spricht neben Französisch auch Englisch, Deutsch und Spanisch. Er mag den Fussball offenbar gar nicht besonders. Kickboxen und Skifahren nennt er als Hobbys. Eine besondere Leidenschaft hat er für Ferrari. Und was das Berufliche angeht, so agiert er am liebsten im Hintergrund. Er verabscheue das Scheinwerferlicht, hat er einmal gesagt.

Nun gut, diesen Eindruck macht der 1,95-Meter-Mann bei seinen Auftritten für die Fifa nicht unbedingt. Valcke steht bei Gala- und Grossanlässen während seiner Tage auf dem Zürichberg immer wieder mitten auf der grossen Bühne. Er kann auch ziemlich herablassend wirken bei öffentlichen Auftritten. Und scheut das direkte Wort nicht. Als die Brasilianer vor der WM 2014 im Rückstand sind bei praktisch allen Bauten, will er ihnen einen «Tritt in den Hintern» versetzen.

Die vielen Geschichten mit Valcke

Nicht solche verbalen Aussetzer aber schaden seinem Ansehen am meisten. Es sind andere Geschichten, die er sich immer wieder geleistet hat, bis jetzt die neusten E-Mails mit scheinbar fragwürdigen Ticket- und Geldgeschäften aufgetaucht sind (sein Anwalt bestreitet die jüngsten Anschuldigungen und bezeichnet sie als «frei erfunden» sowie «ungeheuerlich»). In seiner Vor-Fifa-Zeit werden bei Canal + die Pariser Steuerbehörden auf Valcke aufmerksam. Später ist er mit dem ehemaligen FC-Barcelona-Präsidenten Sandro Rosell befreundet und verbringt Wochenenden in der Villa von Ricardo Teixeira, dem skandalumwitterten Präsidenten des brasilianischen Fussball-Verbandes und Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees.

Gemäss brasilianischen Ermittlern haben Rosell und Teixeira zusammen zweifelhafte Geschäfte gemacht. Und Valcke soll zwischen seiner Fifa-Freistellung 2006 und seiner Wiedereinstellung im Sommer 2007 mitgeholfen haben, die WM 2014 nach Brasilien zu bringen. Nachdem sich Teixeira auf der Flucht vor den brasilianischen Ermittlern nach Florida abgesetzt hat und aus allen Fussballämtern zurückgetreten ist, sagt Valcke, er bedaure seine Nähe zu Teixeira nicht, kein Mensch sei perfekt.

Das gilt vielleicht gerade für Menschen wie Valcke. In einem E-Mail an Jack Warner, Spitzname «Jack the Ripper», auch er ein äusserst fragwürdiges und mittlerweile ehemaliges Mitglied der Fifa-Exekutive, hat er einst angedeutet, Katar habe sich die WM 2022 gekauft. Er ist auch informiert, als die Fifa TV-Rechte für Weltmeisterschaften für einen Spottpreis an Warner verkauft. Und die US-Justiz verdächtigt Valcke, 10 Millionen Dollar aus Südafrika an die von Warner kontrollierten Fussball-Verbände Concacaf und CFU weitergeleitet zu haben. Die amerikanischen Ermittler vermuten, dass die Bezahlung im Zusammenhang mit einem Stimmenkauf für die Austragung der WM 2010 steht.

Valcke ist es auch, der während der Weltmeisterschaften 2014 in Rio im Appartement des ehemaligen brasilianischen Nationalstürmers Ronaldo (dem Dicken) logierte. Für angeblich 11'500 Euro pro Nacht, wie brasilianische Medien berichteten.

Es sind solche Ereignisse, die in den vergangenen Jahren immer wieder Zweifel aufkommen liessen an Valckes Integrität. Und Zweifel an seiner Ehrlichkeit. Im Oktober 2007 hat Valcke zum britischen «Independent» gesagt: «Ich kann auf meine Liebsten schwören, nie etwas gesehen zu haben bei der Fifa, das mich sagen liesse: ‹Oh, das ist korrupt.›»

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