52 Minuten dicht gehalten

An der Frauen-WM in Kanada scheitert die Schweiz am Gastgeber. Schade, denn eigentlich hatte die Schweiz Kanada grössenteils im Griff.

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David Wiederkehr@DavidWiederkehr

Tränen hier, Freude da, so ist das eben in der K.o.-Phase: Einer bleibt, einer muss gehen. Und nun sind es die Schweizerinnen, die gehen müssen. 0:1 verloren sie den WM-Achtelfinal in Vancouver gegen Kanada. Noch am Montagnachmittag werden sie die Heimreise antreten und am Dienstag in Zürich landen.

Das 0:1 war ein Resultat, das erwartet worden war, weil der WM-Neuling als Aussenseiter gegen den ambitionierten Gastgeber angetreten war. Aber die Niederlage war unnötig, weil die Schweiz Kanada grössenteils im Griff, aber viele eigene Möglichkeiten ausgelassen hatte.

So bleibt bei den Spielerinnen eine Leere zurück, die wohl eine Weile andauern wird. Sie haben an der WM ihr eigenes Minimalziel erreicht, den Achtelfinal, aber sie hatten von mehr geträumt – von mehr als einem Sieg in vier Partien. Noch vor der Partie hatten die Schweizerinnen mit einem Foto auf Facebook deutlich gemacht, wie sehr sie den Viertelfinal anstreben.

Vancouver in Rot und Weiss

Es war eine Party in Rot und Weiss – mit Ahornblatt statt Schweizerkreuz allerdings. Erstmals kam WM-Gefühl in Vancouver auf, zu Tausenden strömten die Fans auf der Robson Street zum BC Place Stadium. Aus einer Bar drängte laute Musik nach draussen, an improvisierten Ständen wurden Fanschals und Fahnen verkauft. Natürlich versuchten auch Schwarzhändler, ein Geschäft zu machen. 53'855 Zuschauer erlebten die Partie schliesslich vor Ort. Eine grössere Kulisse hatte noch nie ein kanadisches Nationalteam – in keinem Sport.

Die Kanadierinnen zeigten sich unbeeindruckt und begannen engagiert, doch die Schweizerinnen hielten dagegen, und so waren es sie, die zu ersten Möglichkeiten kamen. In der 11. Minute enteilte Ramona Bachmann der Abwehr und zwang die Torhüterin zu einer Parade, wenig später sprang der Ball nach einer Flanke Bachmanns der einschussbereiten Lara Dickenmann ans Standbein. In der 16. Minute traf auf der Gegenseite Josee Belanger mit einer Flanke allerdings den Innenpfosten.

Bachmann, der stete Unruheherd

Bald nach der aufregenden Startphase hatten sich die Teams aufeinander eingestellt, der Unterhaltungswert sank. Die Kanadierinnen standen unverändert hoch, doch die Schweizerinnen achteten darauf, das Tempo gedrosselt zu halten. Bachmann war ein Unruheherd, das Zusammenspiel mit Dickenmann funktionierte. In der 40. Minute narrte die wirblige Stürmerin zwei Verteidigerinnen im kanadischen Strafraum, ehe ihr der Pass auf Martina Moser missriet.

Wie schon im dritten Gruppenspiel gegen Kamerun begannen für die Schweizerinnen mit der zweiten Halbzeit die Probleme. Kanada erhöhte den Druck wieder, und nach exakt 51 Minuten und 3 Sekunden war es prompt bereits passiert: Die Schweiz lag 0:1 zurück. Nach einer Flanke von Rhian Wilkinson reagierte Christine Sinclair schneller als Ana-Maria Crnogorcevic und legte für Belanger auf. Diese bezwang Gaëlle Thalmann im Schweizer Tor. Laut brandete der Jubel durchs BC Place Stadium, Trainer John Herdman atmete erleichtert durch.

Beste Chancen ungenutzt gelassen

Die Schweiz reagierte und bewies jenen Mut und jene Leidenschaft, die Trainerin Martina Voss-Tecklenburg vor der Partie gefordert hatte, liess aber beste Möglichkeiten ungenutzt. Crnogorcevic setzte einen Kopfball vollkommen unbedrängt weit über das Tor (62.), und als Vanessa Bernauer in der 78. Minute aus der Drehung schoss, wehrte Erin McLeod im kanadischen Tor mit einer grandiosen Parade ab. McLeod wurde hinterher zur Spielerin der Partie erkoren.

So verrannen die letzten Minuten, verstrichen die letzten Momente des Schweizer Nationalteams an dieser WM. Während die Gastgeber ausgelassen und erleichtert jubelten und sich in einer ausgiebigen Ehrenrunde feiern liessen. Sie treffen nun im Viertelfinal am Samstag auf Norwegen oder England.

Kanada - Schweiz 1:0 (0:0) BC Place Stadium, Vancouver. 53'855 Zuschauer. SR Keighley (Neus). Tor: 52. Belanger 1:0. Kanada: McLeod; Wilkinson (88. Nault), Buchanan, Sesselmann, Chapman; Lawrence (76. Kyle), Scott, Schmidt; Tancredi (69. Filigno), Belanger, Sinclair. Schweiz: Thalmann; Maritz, Abbé, Wätli, Kuster (61. Bürki); Crnogorcevic, Bernauer, Moser (72. Humm), Rinast (80. Kiwic); Bachmann, Dickenmann. Bemerkungen: 16. Pfostenschuss Belanger. Verwarnungen: 13. Sinclair. 46. Kuster. 74. Buchanan (alle wegen Fouls).

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