Auf der Suche nach künftigen Nationalspielern

Die Sichtung von Begabten beginnt schon bei den Zehn- und Elfährigen. Scout Thomas Hofmann vom Team Köniz ist oft auf Fussballplätzen und sichtet talentierte Kinder.

Der Mann mit dem guten Blick für Talente: Thomas Hofmann macht sich am Spielnachmittag des Teams Köniz Notizen.

Der Mann mit dem guten Blick für Talente: Thomas Hofmann macht sich am Spielnachmittag des Teams Köniz Notizen. Bild: Christian Pfander

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Der Wunsch, als Profifussballer dereinst die breiten Massen zu verzücken, ist allgegenwärtig bei vielen Buben in den Klassenzimmern und auf den Strassen und Bolzplätzen dieser Welt. Dribbeln wie Lionel Messi, Tore buchen wie Cristiano Ronaldo, Kabinettstückchen vollbringen wie Neymar: Die Perspektive, Ruhm, Ehre und Anerkennung zu erlangen und das geliebte Hobby zum Beruf zu machen, lässt Knaben weltweit fantasieren.

Ein Scout für Zehnjährige

Auch Jünglinge aus Belp, Schwarzenburg, Wabern oder Worb hegen diesen Traum. Stechen sie in ihren Stammclubs spielerisch heraus, steigt die Chance, dass sie bald auf dem Radar von Thomas Hofmann auftauchen. Hofmann ist Talentscout und Kaderbildner beim Team Köniz (siehe weiter unten). Zu seinen Aufgaben gehört es, begabte Kinder bis 11 Jahre aus dem südwestlichen Gebiet des Mittelländischen Fussballverbands (MFV) zu entdecken und zu fördern. «Verfügt ein Kind über eine spezielle Fähigkeit, wie etwa Schnelligkeit oder eine überdurchschnittliche Technik, ist das für uns interessant, weil man schon mal auf einer grossen Stärke aufbauen kann. Das Wichtigste ist dann aber vor allem später in den Trainings die Tatsache, wie lernfähig sich ein Talent zeigt, wie schnell es neue Einflüsse aufnimmt und Dinge lernt.»

Hofmann tingelt regelmässig über die Fussballplätze, beobachtet E- und F-Junioren-Teams von rund 30 umliegenden Clubs. Kinder, die Eindruck hinterlassen, werden dann vom Team Köniz in Absprache mit den Heimatvereinen einmal pro Woche zu Talent-, Sichtungs- und Förderungstrainings eingeladen, die sie nebst den Übungseinheiten in ihren Clubs zusätzlich absolvieren. Lediglich die sechs bis acht besten Spieler auf Stufe E-11 bilden im Team Köniz bereits eine fixe Mannschaft, die sich in einer Meisterschaft mit den Teams aus den anderen Stützpunkten misst. Die anderen Talente bleiben ihren Stammclubs vorläufig erhalten.

«Vereine, die gut mit ihren Junioren arbeiten, profitieren so von einer Zusatzförderung ihrer Spieler. Das kann einen Mehrwert für die Clubs geben, das wird auch immer öfters so wahrgenommen», erklärt Hofmann. Eine gute Kommunikation mit den Heimatvereinen sei aber unabdingbar. «Sie müssen merken, dass sie profitieren können und ihre Spieler Fortschritte machen», glaubt Hofmann. Denn freilich hört er aus den kleineren Vereinen bisweilen auch kritische Stimmen, die finden, die Talentsichtung beginne zu früh, die begabten Akteure würden zu jäh aus ihren Vereinen gerissen.

«Mein Sohn ist gefordert»

Es ist Mittwochnachmittag: Hofmann beäugt das Geschehen auf dem Kunstrasen des Neufeldstadions, füllt seinen Schreibblock mit Notizen. Es nieselt, und der Wind bläst den rund 80 Kindern mit Jahrgang 2007 kühle Luft um die Ohren. Ein Spielnachmittag steht für die Talente des Teams Köniz auf dem Programm. Auf drei kleinen Feldern fordern ausgesuchte zehn- und elfjährige Talente in drei Teams die gleichaltrigen Kinder der YB Selection.

Das Niveau verblüfft, teilweise rollt der Ball wie ferngesteuert durch die Reihen der Dreikäsehochs mit ihren kleinen, farbigen Fussballschuhen. Die feine Technik, das Spielverständnis, taktische Grundkenntnisse: Alles ist schon vorhanden. «Die Spielnachmittage sind für die Kinder ein Höhepunkt, weil sie sich hier unter Wettkampfbedingungen messen können», sagt Hofmann.

Am Rand fiebern derweil rund ein Dutzend Mamis und Papis mit, bieten ihren Kindern seelischen Support. «Ich bin sehr stolz, dass mein Sohn beim Team Köniz gefördert wird. Auch für ihn persönlich ist es eine grosse Ehre, die ihm Freude macht», erzählt Florin Xhemaili, dessen Sohn bei Wabern spielt. Xhemaili senior gibt aber zu Bedenken, «dass die zusätzlichen Trainings auch eine Belastung darstellen. Mein Sohn ist zusätzlich gefordert, vor allem die Motivation für die Schule ist neben dem Fussball nicht immer einfach aufrecht zu halten», sagt Xhemaili.

Keinen Druck aufbauen

Eine Mutter, die nicht mit Namen in der Zeitung genannt werden möchte, unterstützt die ersten Schritte in der Laufbahn ihres Sohns, bleibt aber auch skeptisch: «Die Trainer behandeln die Kinder gut und einfühlsam, und trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, dass es teilweise schon um Leistung geht.» So gebe es zum Beispiel nach gewissen Trainingsphasen auch eine schrift­liche Rückmeldung der Talent­trainer. «Das ist in diesem Alter schon krass», findet die Mutter. Talentscout Hofmann stellt indes klar: «Es gibt eine Rückmeldung, aber wir würden zum Beispiel nie Noten verteilen. Der spielerische Aspekt und der Spass sollen auf dieser Stufe klar im Vordergrund stehen.»

Von Druck oder Drill ist während des Spielnachmittags gar nichts zu spüren. Die Talente haben nur Augen für den Ball und die nächste Partie, wirken unbeschwert und frei. Sie dürfen Kinder sein, leben ihren Spieltrieb aus. Nach dem Trainingstag schlüpfen einige von ihnen in ihre Kapuzenpullis von Messi, Ronaldo oder Neymar und träumen davon, irgendwann wie ihre Idole die Massen zu begeistern. Adrian Lüpold

Verschiedene Philosophien ­– verschiedene Modelle
Wie früh sollen die Talente erfasst und gefördert werden? Im Kanton Bern wird dies unterschiedlich beurteilt und umgesetzt.

Die Haltung des Schweizerischen Fussballverbandes ist klar. Das nationale Projekt des SFV heisst Footeco – eine Abkürzung aus Football – Technique – Coordination. Es ist eine altersgerechte Fortsetzung des Kinderfussballs und enthält definierte Anforderungen und Ausbildungsrichtlinien sowie Stoffprogramme für die Stufen FE-12, FE-13 und FE-14. Die Abkürzung FE bezieht sich auf Footeco. Ab FE-12 gehören die Spieler den verschiedenen Auswahlteams an, die nach dem Footeco-Label geführt werden. Doch die gezielte Förderung beginnt nicht erst bei den Zwölfjährigen. Viele Talente werden schon früher erfasst und in Stützpunkten gefördert. Während in den Vereinen oft bei den Kleinsten auch Väter als Trainer einspringen, sind in den Stützpunkten ausgebildete Coachs am Werk.

Diese Zeitung hat versucht, einen Überblick über die Förderung der Zehn- (E-10) und Elfjährigen (E-11) im Kanton Bern zu gewinnen. Der Fussballverband Bern/Jura (FVBJ) gliedert sich inklusive der Association jurassienne de Football in fünf Kreisverbände. Patrick Bruggmann vom FVBJ kennt die Situation und sagt über die verschiedenen Modelle im Gebiet: «Etwas einheitlicher wäre manchmal ein­facher.»

Der Mittelländische Fussballverband (MFV) kennt zwei Stützpunkte: YB und das Team Köniz. YB trainiert die Talente einmal pro Woche im Rahmen des YB-Selection- ­Teams. Die Spieler bleiben bei ihren Stammvereinen, absolvieren mit dem Selection-Team aber regionale und nationale Turniere und Spiele. «Das YB-Selection-Team soll eine zu frühe Selektion der Spieler aufgrund der schwierigen Talentprognose verhindern und hat als primäres Ziel die Selektion der potenziellen Talente für die Stufe FE-12», sagt Christian Franke, der Technische Leiter der YB-Nachwuchsabteilung. «Durch die wöchentlichen Trainingseinheiten sollen die Spieler in ihrer Entwicklung gefördert und gefordert werden, da sie sich auf einem höheren Niveau messen können.» Entweder werden die Spieler danach für die FE-12 selektioniert, oder sie bleiben bei ihren Stammvereinen.

Das Team Köniz integriert die gesichteten Talente im E-10-Alter in das Talent-, Förder- und Sichtungstraining. Dieses findet einmal pro Woche statt. Die Spieler bleiben im Stammverein, bestreiten aber mit dem Team Köniz regionale und nationale Turniere und Spiele. Alle zwei, drei Monate wird neu selektioniert. Auf der Stufe E-11 werden bereits 6 bis 8 Spieler fix ins Team aufgenommen. Diese trainieren dreimal pro Woche. Die restlichen Spieler werden jeweils aus dem Talent-, Förder- und Sichtungstraining für die E-11-Matchs rekrutiert.

Der Oberaargauisch-Emmentalische Fussballverband (OEFV) hat auf Stufe E-11 zwei Equipen: Das Team Emmental trainiert mehrheitlich in Kirchberg und Zollbrück, das Team Oberaargau in Langenthal – dreimal pro Woche. «Wir bieten seit fünf Jahren Stützpunkttrainings an», sagt der Sportliche Leiter Martin Brügger. Den Teams gehören rund 12 bis 14 Spieler an. «Die Kaderbildung ist fliessend, wir wollen möglichst viele Spieler sehen», sagt Brügger.

Einzelne Vereine tun sich noch schwer damit, wenn sie die Besten ihres Jahrganges weggeben müssen, wobei sich die Akzeptanz dieses Projektes in den letzten Jahren überall stark verbessert habe, meint Brügger. «Wir nehmen den Clubs die Spieler ja nicht weg, wir bilden sie nur aus.» Erst ab Stufe FE-12 verlassen die Spieler den Stammverein und wechseln zum Tobe (Team Oberaargau Emmental). Der Verein Tobe gehört zwar zum OEFV, ist aber für die Stufe E-11 nicht zuständig. Im Tobe werden die Kategorien FE-12 bis FE-15 gefördert.

Der Fussballverband Berner Oberland (FVBO) kennt aktuell vier Stützpunkte: Das Team Oberland mit den Trainingsorten Interlaken und Spiez, die Teams Thun-Süd und Thun-Nord trainieren im Raum Thun sowie das Team Aare/Chiesetal mit Trainings in Münsingen. Diese Spieler bestreiten mit den E-11-Stützpunktteams drei Trainings pro Woche und eine überregionale Vergleichsmeisterschaft. «Denn für eine richtige Förderung ist ein Training zu wenig, und die Heterogenität unseres Verbandsgebietes garantiert nicht, dass alle Talente optimale Voraussetzungen vorfinden», sagt Roland Jegerlehner.

Der Technische Leiter der Stützpunktorganisation FVBO erklärt weiter: «Es geht neben der Idee, die Spieler optimal zu fördern und zu trainieren, auch darum, bei ihnen den Leistungsgedanken aufzubauen.» Die vier Stützpunkte begründet Jegerlehner damit, dass im Oberland die Anfahrtswege teilweise lang sind. Doch die Struktur innerhalb des FVBO ist im Umbruch: «Die nächste Saison sollte in der gleichen Form abgewickelt werden können, danach passen wir den Unterbau den Ideen des Leadervereins an.»

In der Förderung der Jüngsten ist im Oberland in Zukunft der FC Thun ­bestrebt, «verstärkt den Lead zu übernehmen», wie Nachwuchschef Jürg Frey betont. Der FCT bietet bereits ab Sommer FE-12-Fördertrainings an drei Standorten an (Thun, Interlaken, Münsingen). Der FC Thun will die Talente länger in ihren Vereinen lassen und sich für die Selektion mehr Zeit geben.

Der Seeländische Fussballverband (SEFV) hat zwei Stützpunkte. Der FC Biel betreibt eine Academy mit Teams ab E-10. Das deutschsprachige Gebiet wird seit zwei Jahren im Team Seeland (FE-12 und FE-13) zusammengefasst. Sportlicher Leiter ist Ruedi Moser, der langjährige, erfolgreiche Ausbildungschef von YB. «Wir sichten aber auch schon die Zehnjährigen und bieten diesen ein Stützpunkttraining in Lyss – manchmal auch in Ins – an.»

Moser weiss aus Erfahrung, dass die Stützpunkte, die gleichzeitig in einen Meisterschaftsbetrieb integriert sind, nicht überall gern gesehen sind. «Wenn es zu viele gibt, bluten sie die Vereine aus, welche ihre Talente abgeben müssen.» Trotzdem vertritt er grundsätzlich die Auffassung, dass ein frühzeitiges Erfassen sinnvoll ist. «Denn im Verein sind die Niveauunterschiede auf dieser Stufe oft sehr gross.»

Allerdings hebt er auch den Mahnfinger: «Wird ein Spieler für ein ­Fördertraining eingeladen, sehen viele Eltern ihr Kind bereits als zukünftigen Nationalspieler. Dabei ist es gerade in diesem Alter schwierig, das Potenzial richtig einzuschätzen.» Peter Berger (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.04.2018, 11:20 Uhr

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Der FC Basel ist betreffend Nachwuchsförderung der Schweizer Vorzeigeclub. Seit dem Einzug in den St.-Jakob-Park 2001 haben über 50 Spieler den Sprung ins Kader der ersten Mannschaft geschafft. Ivan Rakitic, Xherdan Shaqiri, Granit Xhaka, Yann Sommer oder Breel Embolo sind Paradebeispiele. Bei YB hat etwa Leonardo Bertone aus dem aktuellen Kader die Stufen ab YB Selection (E-10) durchlaufen. Neben den Mannschaften ab E-10 führt der FCB zusammen mit dem FC Concordia Basel noch die Kindersportschule Bebbi. Zusätzlich zum normalen Vereinstraining wird hier unter anderem Spielern ab 6 Jahren (Jahrgänge 2009 bis 2012) jeweils am Samstag ein Fördertraining angeboten. Beim Projekt «Spiel dich zu den Bebbi» haben sogar schon Kinder ab 5 Jahren (Jahrgänge 2010 bis 2013) Gelegenheit, sich den Ausbildnern der Kindersportschule zu zeigen. pbt

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