Bei ihm wird sogar Favre euphorisch

Erst 87 Bundesliga-Minuten, aber schon sechs Tore: Paco Alcácer hat in Dortmund auf Anhieb überzeugt, und sein Vertrag ist so gestaltet, dass er nicht zurück zum FC Barcelona muss.

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Wollte man Spaniens Nationaltrainer Luis Enrique einen Rat für das Länderspiel an diesem Donnerstag gegen Wales geben, könnte das wohl nur dieser sein: Paco Alcácer bloss erst einmal auf der Bank lassen, ihn nach fünfzig, sechzig Minuten einwechseln, sich fortan zurückzulehnen und diesem Edel-Joker dann einmal, zweimal beim Jubeln zuschauen. Denn so läuft das seit Wochen bei Borussia Dortmund mit dem neuen Mittelstürmer: 87 Minuten war er an den ersten sieben Bundesliga-Spieltagen erst im Einsatz, hat aber bereits sechs Tore auf dem Konto. Eine bessere Quote geht kaum, schneller, vitaler als der Stürmer Alcácer ist in die deutsche Liga kaum je einer gestartet.

Dass der Mann aus Valencia in Dortmund mit verblüffender Selbstverständlichkeit fast alles richtig macht, hat ihn überhaupt erst einmal zurück zu Trainer Enrique und in Spaniens Nationalkader katapultiert. Zum BVB kam er vom FC Barcelona, wo er zwei Jahre lang fast nur von der Bank aus zugesehen hatte nach einem spektakulären Wechsel aus Valencia zu den Katalanen. Auf der Bank jedoch wird niemand Nationalspieler – es sei denn, man wird dauernd eingewechselt, wie es dem 25-Jährigen jetzt bei seinem neuen Trainer Lucien Favre passiert.

Doch von der Bank aus Nationalspieler

Alcácer dankt mit schönen Toren und starken Szenen. Wie am Samstag: Drei Tore in rund 40 Minuten, und am Ende der Nachspielzeit ein Kunstfreistoss zum 4:3 gegen den FC Augsburg – nebenbei dem BVB die Tabellenführung gesichert. So wird man dann von der Bank aus Nationalspieler.


Video: Dortmund gewinnt gegen Monaco

Der BVB bleibt auch gegen die Monegassen auf der Siegesspur. Video: Tamedia/Teleclub


In Dortmund sind sie begeistert über Sturm und Drang des Neuen. «Wir wollten einen spielstarken Stürmer, einen, der mit unseren guten Fussballern auf engem Raum spielt, Fussball mit einem Ballkontakt. Er hat einen unfassbarer Blick für Räume, in die er stossen kann», lobt Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc die Entdeckung. Trainer Favre, für vieles bekannt, aber nicht für überbordenden Enthusiasmus, verschlug es am Samstag fast die Stimme: «Ein sehr, sehr, sehr guter Transfer.» Und BVB-Kapitän Marco Reus drückte seine Begeisterung über den neuen Kollegen so aus: «Wie er die Freistösse im Training reinschiesst, unglaublich, vom ersten Tag an.» Als dann Alcácer am Dienstag vor seinem Comeback in Spaniens Nationalteam auf der Pressekonferenz dran war, gab er die Komplimente nach Dortmund zurück: «Grossartiger Klub, grossartige Leute», und dann diese berühmte Südtribüne, die gelbe Wand, «sie ist unglaublich, eine Tribüne, die nie endet».

Ein Schnäppchen?

Es hat den Anschein, als hätten sich da zwei gefunden. Vielleicht sogar auf lange Sicht. In einem Interview verriet Alcácer am Dienstagabend dem Radiosender Onda Cero, dass fortan Borussia Dortmund darüber entscheide, wo er in den kommenden Jahren spielen werde. Demnach soll Alcácer – im Gegensatz zur bisher bekannten Ausleihe des Mittelstürmers lediglich für die laufende Saison - auch schon einen über vier Jahre laufenden Anschlussvertrag beim BVB unterschrieben haben. Schlägt er also weiter zu wie bisher, dürfte er bis 2023 in Dortmund unter Vertrag sein. Die Ablösesumme an den FC Barcelona, die fällig wird, soll bei 23 Millionen Euro liegen, in der die zwei Millionen Gebühr für die aktuell laufende Leihsaison enthalten sind. Geht die Rechnung auf, wäre das ein höchst attraktives Fussball-Geschäft. Mit einem, von dem es in seiner Reservistenzeit bei Barça hiess, er sei «zu weich».

Es ist üblich, Spieler jahrelang zu scouten und deren Daten in Computer-Programmen zu speichern – der gläserne Athlet. Zorc sagt, dass natürlich auch Alcácer in Dortmund in die Datenbank geriet, als er einst mit der spanischen U19 die Europameisterschaft gewann und im Finale zwei Tore schoss. Sein Sturmpartner war ein gewisser Alvaro Morata, damals das Supertalent von Real Madrid. «Paco», erinnert sich Zorc, «war dann bei Valencia schnell ein Star, er war dort schon mit 22 Jahren Kapitän. Als er zu Barcelona ging, haben wir uns gesagt: Jetzt brauchen wir ihn nicht mehr zu beobachten, das hat sich erledigt.»

Er wollte auf die grosse Bühne

Doch bei Barça verschwand der Shooting-Star aus Valencia vom Radar. Im magnetischen Feld zwischen Lionel Messi und dessen bestem Freund, dem Stürmer Luis Suárez aus Uruguay, blieb kaum ein Millimeter Spielraum für Alcácer. Spät gab Barcelona dann im Sommer dem Drängen des Spielers nach, ihn ziehen zu lassen. Ein paar spanische Klubs waren interessiert, aber der Angreifer wollte auf die grosse Bühne. Und zwar in eine Mannschaft, der ein echter Zentralstürmer fehlte. Michael Zorc jettete zweimal nach Barcelona, bequatschte und bearbeitete den frustrierten Mann und ahnte, dass ihm mit Alcácer ein ähnlicher Überraschungstransfer gelingen könnte, wie wenige Wochen zuvor mit dem Belgier Axel Witsel. Auch von dessen Verfügbarkeit hatte Zorc zum richtigen Zeitpunkt Wind bekommen und sich dann mit aller Macht auf Witsel gestürzt. Der hat sich inzwischen in der Mittelfeld-Zentrale als Kopf der neuen BVB-Mannschaft etabliert. Witsel kostete 20 Millionen, Alcácer nun 23. In den Zeiten der Transfersummen-Inflation gilt das als Coup.

«Ich habe Paco gefragt», erzählt Zorc, «warum er den Sprung zu Barcelona gemacht hat. Und er sagte: Kannst du das ablehnen, wenn die kommen? Ärgerst du dich nicht später ewig, wenn du Nein sagst?» Er hatte sich wohl nicht vorgestellt, dass er so sehr abgemeldet sein würde. Immerhin: Auch bei Barcelona traf er 15 Mal ins Tor, alle 151 Minuten einmal. Das ist weniger spektakulär als gerade in Dortmund, «aber in Dortmund arbeite ich hart und kann die Früchte ernten», sagt Alcácer.

Gut integriert

In Dortmund, erzählt er und hört man aus seinem Umfeld, ist er mit seiner Lebensgefährtin und mit Töchterchen Martina in wenigen Wochen sehr gut angekommen. Viele hätten ihm dabei geholfen. Und Mitspieler berichten, wie sehr sich Alcácer trotz bisher nur vager Englischkenntnisse geradezu hinein werfe ins Mannschaftsleben. Da will jemand unbedingt ankommen, unbedingt spielen, unbedingt in die Welt funken: Das war falsch, Barça! Aber hier ist es jetzt gut!

Dabei ist Dortmunds neuer Torjäger ein Typ, den Zorc «bodenständig und normal» nennt. Alcácer ist ein Mensch, der mit leisen Gesten laut zu sprechen gelernt hat, der es «nicht mag, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen». Als er 2011, nach dem U19-Triumph, für seine Finaltore geehrt werden sollte und erstmals im Mastalla-Stadion für den FC Valencia mitwirkte, er gleich ein Tor erzielte, da schlug das Schicksal mit all seiner Grausamkeit zu. Nach dem Spiel, auf dem Stadion-Parkplatz, erlitt Alcácers Vater einen Herzinfarkt. Er war nicht mehr zu retten. An dem Tag, an dem sich die Karriere seines Sohnes so anfühlte, als hätten sich all die Mühen der Familie gelohnt.

Seit diesem Sommertag zieht sich Paco für seinen Torjubel in sich zurück, bekreuzigt sich, küsst die Hand, blickt zum Himmel. Als Gruss in die grosse Weite. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.10.2018, 16:26 Uhr

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