Das Ende einer Ära

Marco Strellers Rücktritt stellt den FC Basel vor eine grosse Herausforderung.

Geht es nach Basler Plan, stemmt er als finalen Akt noch einmal den Meisterpokal in die Höhe: Marco Streller an der Pressekonferenz nach seiner Rücktrittserklärung.

Geht es nach Basler Plan, stemmt er als finalen Akt noch einmal den Meisterpokal in die Höhe: Marco Streller an der Pressekonferenz nach seiner Rücktrittserklärung.

(Bild: Keystone Patrik Straub)

David Wiederkehr@DavidWiederkehr

Viel redete er und lange, ausgiebig nahm er sich Zeit, und es war offensichtlich: Diese Nachricht wollte Marco Streller nicht en passant verkünden. Dafür wiegt der Entscheid, seine Karriere nach dieser Saison zu beenden, zu schwer. Für ihn persönlich nach 15 Jahren Profifussball, 9 Meistertiteln und 4 Cupsiegen, und für den FC Basel, mit dem er 12 dieser 13 Titel errang. Die Sonne strahlte über dem St.-Jakob-Park, aber alles in allem war das doch ein trüber Tag für Basel und den FCB.

Der Club wird in weniger als drei Monaten nicht einfach einen Stürmer verlieren, der in 339 Partien mit dem FCB 143 Tore erzielte. Und er wird nicht einfach den Captain verlieren, sondern sein Gesicht. Seine Seele. Sein Herz. «Er wird eine Lücke hinterlassen, die wir so nicht ersetzen können», sagte Präsident Bernhard Heusler, der so viel geknickter in seinem Stuhl sass als noch zwei Tage zuvor. Da hatten die Basler einen Rekordumsatz von 105 Millionen Franken im Jahr 2014 präsentiert.

Heusler hatte Streller immer wieder als seinen wichtigsten Transfer bezeichnet, weil die Rückkehr des ehemaligen Nachwuchsstürmers im Sommer 2007 als Ursprung steht für die sportliche und finanzielle Erfolgsgeschichte des FCB seither: Nur einmal, 2009, ist er nicht Meister geworden, die Champions League spülte regelmässig Abermillionen in die Clubkasse, und Talente wie Xherdan Shaqiri oder Granit Xhaka reiften nicht zuletzt unter Strellers Fittichen zu Leistungsträgern, die entsprechend ihrer Qualitäten teuer verkauft werden konnten.

Auch gestern erinnerte sich Heusler wieder an das gemeinsame Treffen Ende 2006, als sie bei einem Bier in entspannter Atmosphäre erstmals über diesen Transfer sprachen. Streller sagte dazu: «Selbst wenn mich damals noch ein Bundesligaclub hätte verpflichten wollen, wäre ich zu Basel gegangen.» Dass es der Traum eines Nationalmannschaftsspielers sein kann, den FCB als Captain in den St.-Jakob-Park führen zu dürfen, das hat Heusler seinerzeit verblüfft. Und ohne Streller hätten weder Benjamin Huggel (im selben Sommer), noch Alex Frei (zwei Jahre später) zurück zu Basel gefunden.

Für Heusler ist Streller das «Fundament des FCB». Des 105-Millionen-FCB.

Nun wird in absehbarer Zeit auch er den Weg gehen, den 2012 schon Huggel und 2013 Frei gegangen sind: Im Heimspiel gegen St. Gallen verabschiedet er sich am 30. Mai 2015 von der Bühne St.-Jakob-Park. Geht es nach Basler Plan, stemmt er als finalen Akt noch einmal den Meisterpokal in die Höhe. «Wir wollen das Maximum herausholen», sagt Trainer Paulo Sousa. Ein fünftes Mal noch könnte Streller das Double gewinnen. Und dann wird er in lange Ferien verreisen mit seiner Frau Desirée und seinen Kindern Sean und Elin. «Das haben sie sich verdient», sagt er. Was er anschliessend beruflich macht, ist offen.

Ende November hatte der 34-jährige Stürmer seinen Vertrag um ein Jahr bis 2016 verlängert, fein abgestimmt zusammen mit seinem blutjungen Sturmkollegen Breel Embolo. Das wurde als symbolhaft gedeutet und gefeiert, der Altgediente und das hoffnungsvolle Talent gehen zusammen in die Zukunft. Streller aber war, zumindest retrospektiv, schon da nicht restlos überzeugt davon, das Richtige getan zu haben. Es kam das Trainingslager im Winter in Marbella, und es kamen erste, ernste Zweifel. «Noch traue ich mir die Super League zu, aber was ist in der nächsten Saison?», fragte sich Streller, «für einen Stürmer ist 34 ein hohes Alter.» Die Dynamik nimmt ab.

Basler Glücks- und Sonderfall

Es war die Frage nach dem Wann, die Suche nach dem richtigen Moment, die ihn immer stärker umtrieb. «Ich wollte meine Karriere als Stammspieler beenden, nicht auf der Ersatzbank», erklärte er. Und als er eines Tages in der vergangenen Woche erwachte, war ihm klar: Das war es. Erstmals wieder seit 2007 und seiner Rückkehr nach Basel hatte er einen Entscheid ohne seine Frau getroffen. Streller informierte sie ein paar Tage vor der Öffentlichkeit und nachher Präsident Heusler. «Menschen mit Rückgrat entscheiden selber», lobte der Präsident. Niemals wäre es ihm in den Sinn gekommen, auf dem verlängerten Vertrag zu beharren. Und Streller hätte nicht um dieses Vertrags willen ein weiteres Jahr angehängt. «Ich hätte leichtes Geld verdienen können», sagte er, «aber ums Geld ist es mir noch nie gegangen.»

Die Teamkollegen erfuhren vom Rücktritt am Donnerstag, tags darauf wohnten sie der Pressekonferenz geschlossen bei. Das zeigt seine aussergewöhnliche Position innerhalb der Mannschaft. Aus ihrer Mitte wird kommende Saison der Nachfolger als Captain kommen, mit Fabian Frei brachte Streller einen Namen schon gestern ins Spiel. Nur: Wird Frei noch Basler sein, wenn Mitte Juli die nächste Super-League-Saison beginnt? Oder Fabian Schär, auch er ein Kandidat für das Captainamt? Der FCB ist internationaler geworden in den letzten Jahren, Identifikationsfiguren aus der Region rarer. Geht auch noch der einstige Junior Frei, bleiben als Basler Taulant Xhaka und Philipp Degen übrig. Dem FCB steht die Herausforderung bevor, auf diesen Wandel zu reagieren.

Jede Ära geht einmal zu Ende, Präsident Heusler war das immer bewusst gewesen. Und er hatte stets darauf hingewiesen, dass es vielmehr ein Glücksfall statt das Konzept gewesen war, gleich drei Heimwehbasler in der Blüte ihrer Karriere repatriieren zu können. Mit den Degen-Zwillingen hatte es der Club 2011 und 2012 nochmals versucht, doch mittlerweile sind keine früheren und vor allem gebürtigen Basler auf die Schnelle verfügbar. Erst recht keiner wie Streller.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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