Der FC Thun ist Europacupanwärter – und kein Abstiegskandidat

Der Kommentar von BZ-Sportredaktor Dominic Wuillemin zur Kaderplanung des FC Thun.

Simone Rapp, der den FC Thun im Januar 2018 verliess, ist mittlerweile zurück und blickt auf die wohl beste Saison der Clubgeschichte.

Simone Rapp, der den FC Thun im Januar 2018 verliess, ist mittlerweile zurück und blickt auf die wohl beste Saison der Clubgeschichte.

Dominic Wuillemin

Jetzt übertreiben sie es! Nun zählen nur noch die Finanzen, nicht die sportlichen Perspektiven! Und überhaupt: Was für ein leichtsinniger Entscheid im Abstiegskampf!

Als der FC Thun Simone Rapp im Januar 2018 für eine Million Franken an Konkurrent Lausanne verkaufte, kam das bei den Anhängern der Berner Oberländer, gelinde gesagt, nicht gut an. Schliesslich war der Stürmer der Ligatopskorer, ein Hoffnungsträger in schweren Zeiten. Lausanne, vom Chemiemulti Ineos alimentiert, wähnte sich derweil im Kreise der Grossen. Rapps Transfer verdeutlichte die Ambitionen.

Eineinhalb Jahre später steht Lausanne vor der zweiten Challenge-League-Saison in Folge. Und Rapp ist zurück beim FC Thun, der auf die wohl beste Saison der Clubgeschichte blickt. Er stand im Cupfinal, in der Liga fehlten nur zwei Tore zu Rang 3. Wie haben sich die Nörgler geirrt!

Rapp verliess das Oberland, gelockt vom Geld, bezirzt vom Lausanner Projekt. Beides kann Thun nicht bieten. Der Stürmer verzichtet auf Lohn, damit er zurückkehren kann. Beim FCT wird auch nicht von Visionen schwadroniert, als Ziel stets der Ligaerhalt ausgegeben – sexy klingt das nicht.

Und doch hat Rapp in den 18 Monaten, in denen er in Lausanne und St. Gallen war, erkannt: Er findet in Thun ideale Bedingungen vor, um seinem Job nachzugehen. Bei einem Club, der einen Plan und Strukturen sowie Führungspersonen hat, die seit Jahren dieselben sind – und eine Leistungskultur, die es ermöglicht, in Ruhe zu wachsen.

Es sind diese Faktoren, die den Thunern auf dem Transfermarkt schlagende Argumente geben. Und dafür sorgen, dass sie – nebst Rapp – beachtliche Zugänge vorweisen können: Innenverteidiger Nikki Havenaar, mit knapp zwei Metern der grösste Spieler der Liga, und Mittelfeldspieler Miguel Castroman wurden beide schon ins Team des Jahres der Challenge League gewählt.

Sie wären, YB und Basel ausgenommen, jedem Konkurrenten gut zu Gesicht gestanden. Die Oberländer haben zwar Marvin Spielmann an YB verloren, aber sie haben an Qualität und Breite gewonnen – zumindest, sofern Stürmer Dejan Sorgic nicht noch verkauft wird.

Der Umgang mit dem letztjährigen Topskorer verdeutlicht, wie die Thuner funktionieren. Aus seinem Wunsch, einen Auslandtransfer zu realisieren, wurde kein Geheimnis ­gemacht. Die Thuner handelten proaktiv, holten mit Rapp vorgängig einen Ersatzmann.

Das Kader stand zu Beginn der Vorbereitung. Auch das zeigt, wie vorzüglich im Oberland gearbeitet wird. Sorge kann, wenn überhaupt, die lange Verletztenliste bereiten. Captain Dennis Hediger wird nach seiner Knieverletzung erst im September zurückkehren. Ohne ihn gewann Thun 2019 nur 3 von 16 Ligapartien. Es wird spannend zu verfolgen sein, ob die Mannschaft immer noch so stark vom Routinier abhängig ist.

Am Samstagabend starten die Thuner in die zehnte Saison in Folge in der Super League, über diesen Zeitraum weisen nur YB und Basel sowie Zürich und Luzern die bessere Punktebilanz aus – wobei der FCZ zwischenzeitlich in die Challenge League abstürzte.

Das heisst: Die Thuner mögen immer noch als die Kleinen betrachtet werden, in den Saisonprognosen einmal mehr auf den hinteren Rängen landen, gemessen an ihrer sportlichen Ausbeute in den letzten neun Jahren sind sie aber ein Europacupanwärter – und kein Abstiegskandidat.

Auch zeichnet sich dank Spielmanns Verkauf bereits ab, dass der Club das Jahr ohne Verluste abschliessen wird. Und nimmt er ab Anfang August in der Europa-League-Qualifikation zwei wohl hohe Hürden und qualifiziert sich für die Gruppenphase, sind ihm Einnahmen von mindestens 4 Millionen Franken sicher. Das Geld würde helfen, die jetzige Position mittelfristig zu sichern.

Welchen Vorsprung sich die Oberländer erarbeitet haben, zeigt das Beispiel von Xamax, dem Gegner beim Saisonstart. Die Neuenburger, die sich in der Barrage gegen Aarau den Ligaerhalt in ex­t­re­mis gesichert hatten, begannen die Vorbereitung mit 16 Spielern (davon 3 Goalies).

Mittlerweile sind etliche dazugekommen, vorab jedoch Leihspieler, die Xamax für die Konkurrenz ausbildet und die keine Transferentschädigungen generieren. Es ist kein ­zukunftsträchtiges Geschäftsmodell. Jenes der Thuner hingegen schon; es hat sich über Jahre bewährt.

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