Der Fanatiker kommt in die Schweiz

Pep Guardiola gilt als weltbester Trainer – mit Manchester City will er das gegen Basel bestätigen.

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Es war im Sommer 2015. Pep Guardiola ­besuchte eine Stiftung für geistig behinderte Kinder in Santpedor, seinem Geburtsort in Katalonien. Er fragte die Kinder: «Wollt ihr wissen, was ich mir von meiner Arbeit und von meinem Leben wünsche? Dass man mich mag.»

So einfach, weil es nur vier ­Worte sind? So viel, weil keiner von allen gemocht wird?

In Barcelona wurde er verehrt. In München wurde er fast heiliggesprochen, zumindest so lange, bis er sagte, dass er wieder geht. In Manchester wurde der 47-Jährige empfangen als der Trainer von City, der den Standard im Mutterland des Fussballs verschieben könne. Für ihn geht es immer nur um eines: sich selbst sein. Das ist schon viel in einer Welt vieler ­oberflächlicher Wertungen, wie das im Fussball der Fall ist.

Guardiola ist nicht einfach ein Trainer. Zumindest wird er nicht einfach als normaler Trainer ge­sehen. Sondern als Genie und Pionier, wie das selbst Ottmar Hitzfeld schon gesagt hat. Als Erneuerer des Fussballs. Als Messias. Als legitimer Nachfolger von Johan Cruyff, der vor ihm den Fussball geprägt hat wie wohl kein Trainer sonst. Als einer, der die Nationalmannschaften und Titelgewinner von Spanien und Deutschland mit seinem Fussball nachhaltig beeinflusst hat.

Dabei sagt er selbst: «Ich spiele nicht, um gut auszusehen. Ich spiele, um zu gewinnen.» In seinem Buch «Pep Guardiola – Das Deutschland-Tagebuch» präzisiert Marti Perarnau, dass Guardiola zwei Seelen in seiner Brust hat: jene des entschlossenen Wettkämpfers, der jedes Spiel gewinnen will, und jene des Künstlers, der begeistern möchte. Jene des Resultatfanatikers und jene des ­Romantikers.

Perarnau fand einen Zugang zu Guardiola wie kein Journalist sonst. Er war im Alltag dabei. ­Guardiola legte auch keinen Wert darauf, das zu autorisieren, was er in unzähligen Gesprächen gesagt hatte. Er will das Buch erst in ein paar Jahren lesen, um zu erfahren, wie die Zeit in München war.

Natürlich hat Guardiola das Glück, mit Spielern arbeiten zu können, die besser sind als andere. Mit Messi, Xavi, Iniesta, mit Neuer, Lahm, Robben, jetzt mit David Silva, De Bruyne, Agüero. Er selbst sagt in Manchester: «Tag für Tag bedanke ich mich beim Club für die Spieler, die ich habe.»

«Meine Idee vom Fussball ist einfach: angreifen, angreifen ...»

Er hat immer einen Weg gefunden, mit ihnen umzugehen. In Barcelona stellte er Messi ins Zentrum von allem. Xavi und Iniesta mussten es möglich machen, damit Messi im richtigen Moment den Ball erhielt, um das Tor zu erzielen. In München fehlte die Option Messi, darum suchte Guardiola andere Wege zum Erfolg und verwendete vom 4-4-2 bis zum 2-3-1-4 insgesamt 23 verschiedene Modelle. Was er dabei dank Robben und Ribéry entdeckte, war der Wert des Flügelspiels. Die Statistik dokumentiert die Münchner Dominanz während der Pep-Jahre: durchschnittlich 70,5 Prozent Ballbesitz in 161 Spielen, 2,46 Tore pro Spiel erzielt und nur 0,69 zugelassen.

Er sagt: «Meine Idee von Fussball ist ganz einfach: Ich will angreifen, angreifen, angreifen …»

Dahinter steckt Arbeit, die ­exzessiv und obsessiv ist. Steht die Forderung, auf dem zu beharren, wovon man überzeugt ist, und keine Anstrengung zu scheuen. «Sich die Seele aus dem Leib rennen», sagt Guardiola dazu.

In München fiel er als Trainer auf, der nach drei Minuten Eingriffe am System vornahm und Spieler am liebsten nur schon um Zentimeter auf dem Platz verschieben wollte. Einmal stellte er die Mannschaft nach einer Stunde auf acht Positionen um. Aus einem 0:0 in Ingolstadt wurde so ein 2:0. In Deutschland nahmen die Medien solche Vorfälle gerne zum Anlass, um ­alles, was Guardiola machte, als Geniestreich zu sehen.

Perarnau allerdings sieht dahinter den Zweifler in Guardiola, der seine Pläne, in detailversessener Analyse entworfen, im letzten Moment wieder umstürzen konnte. Der zu viel über den Gegner wusste, um sich auf eine Option festzulegen. In Manchester hat sich Guar­diola an der Seitenlinie beruhigt. Er scheint sich und seinen Entscheiden, die er vor einem Spiel trifft, mehr zu trauen.

Wer City sieht, sieht eine Guar­diola-Mannschaft. Und wenn sie einen guten Tag erwischt, und davon erwischt sie besonders diese Saison viele, ist sie wunderbar anzuschauen. Ein Jahr hat Guardiola gebraucht, um den Fussball in England richtig zu verstehen. Er hat nun eine Mannschaft, die dem Gegner mit ihrem kompakten Spiel die Luft absaugt, die den Ballbesitz mit 70 Prozent im Schnitt kultiviert und gleichzeitig das Tempospiel beherrscht. Nur wer wie jüngst Liverpool einen überragenden Tag hat und fähig ist, die Abwehr der Citizens konstant unter Druck zu setzen, nur der hat eine Chance, sie zu besiegen.

In Barcelona konnte Guardiola das verwalten, was er geerbt hatte. In München war das nicht anders. Er tat das an beiden Orten mit dem Druck, die Spieler konstant zu fordern und sie so von Titel zu Titel zu treiben. In Spanien war das vierte Jahr eines zu viel, die Bayern verliess er nach drei Jahren, als er sie so weit hatte, wie er es wollte. In Manchester ist vieles anders, hier hat er im Sommer 2016 eine weisse Leinwand vorgefunden. Die ­Titel der Vorgänger sind keine Last, sondern Teil der Sehnsucht, nach gut 50 Jahren wieder jemand zu werden – und das in der Stadt, wo mit der United der Rekordmeister Englands zu Hause ist.

560 Millionen Franken, um sein Bild zu malen

Zu Guardiolas Wirken gehört, dass er etwas aufbaut und dann geht, wenn er am Ziel ist. Er bleibt nicht stehen, um sein Bild zu betrachten. Für ihn zählt es nur, solange er es erschafft. Bei City findet er die Mittel, die ihm erlauben, so zu malen, wie er das möchte. 560 Millionen Franken gab der Club allein in den eineinhalb Jahren unter ­Guardiola für neue Spieler aus. Die jährlichen Lohnkosten betragen über 320 Millionen. Das Vermögen von Scheich Mansour aus Abu Dhabi macht das möglich.

Als Guardiola sein Werk begann, gab er drei Ziele aus. Erstens: so schnell als möglich einen Teamspirit schaffen. Zweitens: Die Menschen sollen stolz sein auf die Art, wie unter ihm gespielt wird. Drittens: das erste Spiel gewinnen, dann das zweite, das dritte und ­immer weiter …

In der ersten Saison gab es noch die Stolperer, in der Meisterschaft und nicht weniger in der Champions League. Jetzt ist City der nationalen Konkurrenz entrückt, weil es Guardiola auch geschafft hat, Spieler wie Kevin De Bruyne, ­Raheem Sterling, Leroy Sané, Fer­nandinho, Kyle Walker oder Nicolas Otamendi besser zu machen. International warten die wirklichen Bewährungsproben erst noch.

Unter normalen Umständen kann der FC Basel im Achtelfinal der Champions League nicht dazu zählen. Nur sollte er nicht hoffen, unterschätzt zu werden. Guardiola hat noch nie dazu geneigt, einen Gegner nicht ernst zu nehmen, ob der Ingolstadt oder Real heisst. Dazu passt gut, wieso er von seinen Spielern verlangt, die Kabine in Ordnung zu halten: «Wir dürfen uns nicht zu gross fühlen, um uns für die kleinen Dinge zu schade zu sein.»

Mit Barcelona dominierte er die Champions League zweimal, mit Bayern blieb er dreimal im Halbfinal hängen, was die Kritiker auf den Plan rief, um an seinem gottgleichen Status zu kratzen, den sie ihm verliehen hatten. Er weiss wohl, dass die Krönung seiner Arbeit in Deutschland fehlte. Aber sein Denken ist geblieben, seine Ansicht von Fussball: «Wir dürfen uns nicht ändern. Wir müssen unserer Spielweise treu bleiben. Kann sein, dass wir verlieren – aber nur, wenn der Gegner kontern kann, denn der Ball gehört uns. Wenn schon sterben, dann auf unsere Art. Sollen die Leute doch über Harakiri schimpfen, das ist mir egal! Dann eben das nächste Jahr.»

Er ist nicht mit dem Ziel nach England gegangen, den Fussball dort zu verändern oder gar zu ­revolutionieren. So denkt er nicht, so anmassend. Er verfolgt offenbar ein anderes Ziel. Domenec Torrent, einer seiner Assistenten, sagt: «Er will nur sein Spiel vorstellen.»

Guardiola tut das getrieben vom Gefühl der Angst, weil Angst für ihn der beste Ansporn ist, den es gibt. Nicht die Angst, die lähmt, sondern jene, die dafür sorgt, dass jeder seine Kräfte mobilisiert: «Du kannst nicht spielen, wenn du keine Angst vor dem Gegner hast, vor seinen Stärken, vor dem, was er machen könnte.» Für Basel tönt auch das nicht gut.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.02.2018, 11:38 Uhr

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