Der Nächste, bitte!

Der Rücktritt von Stephan Anliker bei GC zeigt: Das Leben als Präsident in der Super League kostet Kraft.

Hat eine kräfte raubende Aufgabe vor sich: Der neue GC-Präsident Dr. Stephan Rietiker.

Hat eine kräfte raubende Aufgabe vor sich: Der neue GC-Präsident Dr. Stephan Rietiker.

(Bild: Keystone)

Peter M. Birrer@tagesanzeiger
Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Am Donnerstag fand im Fifa-Museum eine Diskussionsrunde statt. Sie war prominent besetzt: mit Bernhard Heusler (Basel) als früherem und mit Matthias Hüppi (St. Gallen) sowie Ancillo Canepa (FCZ) als amtierende Präsidenten der Super League. Ihr Thema hiess: «Der Alleskönner? Die Rolle des Präsidenten im Schweizer Fussball».

Es hätte aufgrund der Entwicklung bei den Grasshoppers nicht passender sein können. Am Montag hatte Stephan Anliker seinen Rücktritt als Präsident erklärt. Zermürbt von der Kritik, gab er zu: «Ich bin nicht mehr der richtige Mann.»

Fünf Jahre hat es Anliker ausgehalten, er glaubt, einen führungsmässig strukturierten und finanziell soliden Verein hinterlassen zu haben. Das passt zu seinen Fehleinschätzungen, die zu seinem langen und teuren Weg an der Spitze von GC gehören. Sein Erbe sieht alles andere als gut aus. Der Betrieb ist masslos überteuert, der CEO ist nur noch einer auf Abruf, Sportchef gibt es keinen, der Trainer kann unkontrolliert sechs Spieler aussortieren, und vor allem: Die sportliche Situation ist vor dem Heimspiel heute gegen Lugano verheerend. Kurz: Unter Anliker ist GC auf allen Ebenen heruntergewirtschaftet worden.

Anliker bleibt nur noch ein Vergnügen: Er kann den Club weiter finanzieren, weil er, wie Peter Stüber, 47 Prozent der Aktien hält. Das hat ihm wenigstens die Macht gegeben, seinen Nachfolger einzusetzen. Der heisst Stephan Rietiker und ist in der Wirtschaftswelt bekannt als Sanierer. Bei GC trifft er eine schöne Spielwiese an, um zu zeigen, was er kann. «Ich will den Club wie ein Unternehmen führen», sagt der 62-Jährige, der seine Berufslaufbahn als Arzt für Innere Medizin begann. Er verströmt die Kraft, die Anliker verloren hat.

Am Donnerstag sagte Rietiker bei TeleZüri: «Wir sind auf dem richtigen Weg.» Es bleibt sein Geheimnis, wie er einen Tag nach seiner Vorstellung zu dieser Erkenntnis kommen konnte. Vielleicht hat er das Gefühl, das als neuer Chef sagen zu müssen. Es ist jedenfalls nicht einfach, Präsident zu sein. Und darum stellen sich Fragen.

1. Was zeichnet einen guten Präsidenten aus?

Die Frage tönt einfach. Und es gibt einen Präsidenten, der sie mit zwei Buchstaben beantworten kann: Was ist ein guter Präsident? «CC!», ruft Christian Constantin ins Telefon, ohne einen Moment zu zögern. Dann: «Nächstes Thema.»

Er lacht laut los, bevor er doch noch ein paar Gedanken ausformuliert: «Ein guter Präsident zeigt Leidenschaft, erträgt Kritik, liebt seine Spieler und hat keine Angst, Entscheide zu fällen.» Und: «Er muss die eigenen Abläufe des Fussballs verstehen.»

Constantin funktioniert auf seine eigene Weise. Er bestimmt, was läuft, er hält es für legitim, sich in Bereiche einzumischen, für die er eigentlich Verantwortliche angestellt hat. Im Kontrast dazu steht Markus Lüthi in Thun, der das Präsidialamt als «dienende Funktion» versteht: «Wer im Fussball zu tun hat, steht in der Öffentlichkeit und ständig im Rampenlicht. Die Verlockung ist gross, das eigene Ego in den Vordergrund zu stellen. Und das darf nicht sein.»

Manchmal muss Lüthi auf die Zunge beissen, um sich einen Kommentar zu verkneifen, der hohe Wellen schlagen würde. Er sieht sich auch als Verantwortlicher, der einen Imagebeitrag für seinen Club leisten muss: «Selbstdarsteller kämen im Berner Oberland schlecht an.»

Constantin kümmert vieles nicht, was über ihn gesagt und geschrieben wird. Er macht Ausnahmen wie beim Chefredaktor der Lokalzeitung «Nouvelliste», mit dem er sich vor einem Jahr überworfen hat und dessen Redaktoren er seitdem keinen Zugang zum Verein mehr gewährt.

Ein Präsident muss einstecken können. «Wer Ja zu diesem Posten sagt, sagt auch Ja, dass er die unterschiedlichsten Meinungen der Leute akzeptiert», findet Lüthi. Das deckt sich mit dem, was Matthias Hüppi in seinem ersten Jahr in St. Gallen erlebt hat: «Es darf dir nichts zu viel sein. Sonst wird es schwierig.»

Hüppi, am Freitag 61 geworden, wäre gerne für eine Woche in die Skiferien verreist. Er sagte sie kurzfristig ab, weil er spürt, dass seine Anwesenheit nötig ist. Die St. Galler befinden sich in keiner guten Phase, dazu macht Stürmer Nassim Ben Khalifa Sorgen, der den Verein vor Gericht gezerrt hat, weil er sich gemobbt fühlt. «Da kann ich nicht weg!», sagt Hüppi.

Der frühere TV-Moderator steht damit dafür, was für Bernhard Heusler ein zentraler Punkt ist. Heusler, der aus dem FC Basel eine Meister-Maschine bastelte, bevor er sich 2017 zurückzog, sagt: «Ein guter Präsident lebt das Herzblut für seinen Club vor.» Natürlich weiss er, dass das allein nicht reicht. Dass es auch Glaubwürdigkeit braucht, die Fähigkeit, aufs richtige Personal zu setzen und authentisch aufzutreten. Und dass noch eines den guten Präsidenten ausmacht: «Er darf nicht das Gefühl vermitteln: So, ich erkläre euch jetzt, wie es geht.»

2. Wie lange kann ein Präsident im Amt bleiben?

Ein erstes Mal war Constantin von 1992 bis 1997 im Amt, 2003 gab er sein Comeback, und es kommt für ihn heute nicht infrage, den Club seinem Schicksal zu überlassen. Er hat regelmässig vier, fünf Millionen Franken pro Jahr eingeschossen, er hat aber auch Geld eingenommen, wenn er Spieler verkaufte wie etwa den Brasilianer Cunha. Für ihn erhielt er letzten Sommer 20,5 Millionen Franken von RB Leipzig. Constantin ist Unternehmer, er führt in Martigny ein Architektur- und Immobilienbüro und gibt sein Vermögen mit 1,6 Milliarden Franken an.

«Wenn ich es nicht mache, steht der FC Sion vor dem Aus», pflegt Constantin zu sagen. Was so viel heisst: Er sieht keinen im Kanton, der die Mittel und die Energie hätte, den Verein zu führen, wie er es tut. Als um die Jahrtausendwende mit Gilbert Kadji ein kulturfremder Bierbrauer aus Kamerun das Sagen hatte, ging es schon einmal schief. Ausserdem sagt Constantin: «Wenn ich nicht mehr arbeiten kann, bin ich tot.»

In Thun schöpft Lüthi die Energie für sein Schaffen aus Phasen, in denen es sportlich läuft. Oder aus einer Generalversammlung wie diese Woche, als rund 250 Aktionäre für einen Rekordbesuch sorgten und mit einem vielfachen «Merci» ihre Wertschätzung dem Präsidenten gegenüber zeigten.

Emotionen sind ein massgebender Faktor. Hüppi hat die Erfahrung gemacht, dass er nach einem Sieg mit Lob überhäuft wird und eine Woche später nach einer Niederlage E-Mails erhält, in denen «alles nur noch Käse» sei. Aber wenn er sieht, dass Menschen geknickt sind, «dann kann ich nicht wie ein nasser Hund durch die ­Gegend laufen.» Das Projekt beim FC St. Gallen ist auf lange Frist angelegt, «fünf Jahre im Minimum». An Hüppis Energie soll es nicht scheitern.

Er hat den Vorteil, dass Fussball im Osten des Landes zieht. Da befindet sich Angelo Renzetti in einer anderen Lage. Nach neun Jahren als Präsident des FC Lugano macht sich langsam Müdigkeit bemerkbar. Eine ungenügende Infrastruktur, bescheidene Zuschauerzahlen, ständiges Suchen nach Geld – «es ist ein schwieriger Job». Und doch liebt er ihn und dieses Unvorhersehbare des Fussballs. «Ein bisschen muss man Masochist sein», sagt Renzetti, der 65 ist, bald in Rente geht und auch vorhat, die Führung des FC Lugano abzugeben – an Leonid Nowoselsky. Der russische Unternehmer ist bei den Tessinern derzeit für die Nachwuchsabteilung zuständig. Bernhard Heusler trat nach acht Meistertiteln zurück. Einmal sagte ihm ein Fan: «Bernhard, ihr seid an einem Punkt angelangt, wo ihr angefangen habt zu langweilen.»

Es sind solche Sätze, die Heusler und sein altes Führungsteam in der Ansicht bestärkt haben: «Irgendwann muss man auch den Raum für neue Ideen schaffen. Es kann auch guttun, vor der Frage zu stehen: Wohin soll der Club?» Die Richtung nach ihm hat sich geändert. Unter seinem Nachfolger Bernhard Burgener hat der FCB Indien entdeckt. Und damit in Basel schon grundsätzliche Diskussionen ausgelöst, weil der Club von gesellschaftlicher Bedeutung ist.

3. Muss ein Präsident ein Fussball-Experte sein?

«Ob man etwas vom Fussball verstehen muss?», fragt Bernhard Heusler und denkt: «Das ist eine komplexe, fast schon philosophische Frage: Wer versteht wie viel? Versteht einer mit 110 Länderspielen mehr als ein Spieler aus der 5. Liga?»

Für Heusler steht im Vordergrund, dass ein Präsident begreift, wie sehr der Fussball ein «People's Business» ist, dass er wiss- und lernbegierig ist. Er sagt: «Ein Präsident muss viel vom Umfeld des Clubs verstehen. Wer ihn jahrzehntelang konsumiert hat, der hat über ihn auch viel gelernt. Es geht um die Liebe zum Club.»

Christian Constantin sieht es weniger philosophisch. Er sagt dafür frank und frei: «Beim FC Sion bin ich alles ein bisschen.» Er war einmal Goalie mit ein paar Einsätzen für Xamax und Lugano. «Es ist kein Nachteil, wenn man die Mechanismen kennt», sagt er. Natürlich traut er sich auch zu, taktische Vorgaben zu machen. Das tut er, weil er sich ohnehin alles zutraut. Als Sion im Cup bei St. Gallen in die Verlängerung musste, übernahm er kurzerhand das Kommando und redete auf dem Platz auf die Spieler ein. Trainer Murat Yakin nahm das hin.

Angelo Renzetti steht Christian Constantin in Sachen Emotionalität kaum nach. So gemütlich der Tessiner Architekt wirken kann, so sehr kann sein Blut in Wallung geraten, wenn die Leistung ungenügend ist und das Resultat entsprechend ausfällt. Und dann hält sich Renzetti nicht zurück, wenn ihm ein Mikrofon vor die Nase gehalten wird. Seine Trainer bekommen das zuweilen zu spüren. So missfiel ihm der Stil unter Guillermo Abascal. Öffentlich kritisierte er den jungen Coach: Der Spielaufbau sei zu schleppend, er wünsche mehr Geradlinigkeit.

Das wiederum käme Markus Lüthi nie in den Sinn. Die Chargen sind zugeteilt und damit auch die Verantwortlichkeiten. Beim Sportlichen tritt er darum einen Schritt zurück: Da heissen die Schlüsselpersonen Trainer Marc Schneider und Sportchef Andres Gerber. Lüthi kümmert sich dafür nicht zuletzt um die Ausstrahlung des FC Thun.

In diese Kategorie Präsident gehört auch der St. Galler Hüppi. Er steht in engem Kontakt mit Sportchef Alain Sutter und Trainer Peter Zeidler. Grün-Weiss hat sich der Teamworker total verschrieben, aber er verliert deswegen nicht den Blick fürs grosse Ganze. Wenn der FC Basel bei Manchester City in der Champions League siegt, freut ihn das. Und wenn GC der Abstieg droht, ist ihm das nicht gleichgültig. «Ich hoffe, dass GC wieder auf die Beine kommt. Ein Club mit dieser Geschichte sollte der Liga unbedingt erhalten bleiben.»

Als sich Stephan Anliker am Montag als Präsident zurückzog, sagte er noch einen Satz. Es war seine Erkenntnis aus fünf Jahren an der Spitze von GC: «Die Eier legende Wollmilchsau gibt es nicht.» Christian Constantin würde ihm widersprechen.

SonntagsZeitung

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