«Die Unruhe kann ich nicht wegdiskutieren»

Heinrich Schifferle will sich heute erneut zum Präsidenten der Swiss Football League wählen lassen, obwohl ihm sein Ex-Arbeitgeber schwere Verfehlungen vorwirft.

Ausschreitungen und Pyrotechnik sind für die Liga die grössten Probleme: Basler Chaoten provozieren auf dem Aarauer Brügglifeld (15. Mai 2014). Foto: Patrick K. Krämer (Keystone)

Ausschreitungen und Pyrotechnik sind für die Liga die grössten Probleme: Basler Chaoten provozieren auf dem Aarauer Brügglifeld (15. Mai 2014). Foto: Patrick K. Krämer (Keystone)

Freitag ist Wahltag an der Generalversammlung der Swiss Football League (SFL). Wobei das mit der Wahl so eine ­Sache ist. Präsident Heinrich Schifferle tritt erneut an, Gegenkandidaten gibt es keine, sofern niemand mit einer Last-Minute-Bewerbung überrascht. Unumstritten ist Schifferle nach Schwierig­keiten im Beruf nicht. Der 61-jährige Winterthurer wurde im Mai von der Siska Heuberger Holding entlassen, das Unternehmen erstattete gegen den lang­jährigen Geschäftsführer Anzeige wegen ungetreuer Geschäftsführung und Be­reicherung. Der Fall ist hängig und brisant. Schifferle und Günter Heuberger, Ver­waltungsrat der Siska Heuberger ­Holding, widersprechen sich diametral.

Sind Sie ein guter Liga-Präsident?
Das müssen Sie nicht mich fragen!

Ihre erneute Kandidatur gibt doch die Antwort: Ja.
In meiner Selbstbeurteilung habe ich das Gefühl, dass ich es in den vergan­genen drei Jahren gut gemacht habe.

Was war Ihre grösste ­Errungenschaft?
Ich rechnete damit, dass Sie mir diese Frage stellen.

Und konnten deshalb vergangene Nacht nicht schlafen . . .
(schmunzelt) ...in den vergangenen zwei Wochen. Die grösste Errungenschaft ist die, dass die Liga zur Ruhe gekommen ist. Wir sind gut organisiert und personell gut aufgestellt. Als ich vor drei ­Jahren begann, gab es verschiedene grosse Baustellen, die den Liga-Betrieb gefährdeten. Das ist vorbei.

Sie meinen Xamax mit Bulat Tschagajew?
Wir hatten Xamax, wir hatten Sion mit den 36 Punkten Abzug, den Abbruch des Zürcher Derbys. All das haben wir gut bewältigt.

Für Aufregung sorgen dafür Sie, weil sich Ihr Arbeitgeber von Ihnen getrennt hat. Er wirft Ihnen schwere Verfehlungen vor und hat Anzeige erstattet. Stand für Sie immer fest, zur Wiederwahl anzutreten?
Ja.

Weil Sie überzeugt davon sind, dass Ihnen nichts zur Last gelegt werden kann?
Ich kann zu den Differenzen mit meinem früheren Arbeitgeber nicht mehr sagen als das: Es finden derzeit Gespräche ­zwischen den Parteien statt, über die wir Stillschweigen vereinbart haben.

Die Gegenseite widerspricht durch Verwaltungsrat Günter Heuberger und behauptet, es gebe keine Gespräche. Sie hält auch an der Klage und der Deliktsumme von angeblich 2 Millionen Franken fest.
Ich weiss, was wir abgemacht haben und wie das weitere Vorgehen zwischen den Parteien vereinbart worden ist. Es gibt drei Besprechungstermine und eine Traktandenliste für den ersten Termin. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Die Affäre dürfte Ihrem Ruf geschadet haben, auch bei Liga-Kollegen.
Dass es Unruhe gegeben hat, kann ich nicht wegdiskutieren. Doch diese Unruhe stand nie in einem Zusammenhang mit meiner Tätigkeit als Liga-Präsident. Meine Kollegen in der Liga und die ­Präsidenten der Clubs waren stets über alles informiert.

Spürten Sie immer Rückhalt?
Ja. Es war nie die Rede davon, dass ich nicht mehr glaubwürdig bin.

Wenn es zu einem Gerichtsfall käme und Sie in irgendeiner Form schuldig gesprochen würden: Wären Sie dann noch tragbar als Präsident?
Wir haben abgemacht, dass sich beide Parteien in der Öffentlichkeit nicht mehr äussern, und daran halte ich mich. Die Antwort auf Ihre Frage könnte aber trotzdem einfach sein: Im Komitee haben wir eine Statutenänderung vorgeschlagen. Die Amtszeit des Präsidenten und der Mitglieder soll nicht mehr drei Jahre betragen, sondern nur noch ein Jahr. Es müssen sich also alle jährlich bestätigen und neu gewählt werden, wenn die Generalversammlung den Antrag annimmt.

Warum eine Amtszeitbegrenzung?
Weil es fortschrittlicher ist. Wir müssen Leute im Komitee haben, die in den Clubs gut verankert sind, die den Puls fühlen, unsere Ideen weitertragen, bei Ilja Kaenzig zum Beispiel war das nicht mehr möglich (Kaenzig wurde bei YB entlassen, war aber weiterhin im Komitee). Ausserdem ist es wichtig, dass die grossen Clubs Mitglieder stellen, Basel, der FCZ, YB . . . Als ich anfing, war kaum einer noch richtig dabei in einem Club. Jetzt sind Leute wie Roger Bigger bei Wil, Ancillo Canepa beim FCZ oder Bernhard Heusler beim FCB ganz nahe am Tagesgeschäft.

Wie sehr beschäftigt die Sicherheitsfrage die Liga?
Tagtäglich. Ich bin nach jedem Wochenende froh, wenn nichts passiert ist.

Es ist beängstigend, dass Sie so denken müssen.
In den Stadien haben wir glücklicherweise kaum Probleme.

Als Basel im Mai Meister wurde, stürmten FCB-Anhänger im Brügglifeld auf den Rasen und provozierten Aarauer Zuschauer.
So etwas kann leider immer passieren. Es war Pech, dass der FCB gerade im Brügglifeld Meister werden konnte.

Ist es nicht seltsam, dass Aarau seit Jahren provisorisch in einem Stadion mit veralteter Infrastruktur spielen darf?
Die Verantwortlichen in Aarau möchten schon lange ein neues Stadion, sie unternehmen alles dafür. Zuletzt ist es für die Öffentlichkeit aber bestens sichtbar geworden, wie schwierig das sein kann, wenn eine Einzelperson alle demo­kratischen Rechte wahrnimmt, um den Baubeginn zu verzögern.

Was nichts daran ändert: Das Brügglifeld müsste ausgedient haben.
Wir überlegen uns, ob wir in Zukunft Ausnahmegesuche bei vorliegendem Baugesuch zeitlich beschränken wollen.

Aarau darf seit Jahren im Brügglifeld spielen, Clubs in der Challenge League werden gezwungen, für ein paar gegnerische Anhänger einen eingezäunten Sektor zu bauen. Stimmt das Verhältnis noch?
Für eine Teilnahme an der Meisterschaft müssen Kriterien sportlicher, finanzieller und infrastruktureller Art erfüllt sein. Wir müssten die Reglemente ­anpassen, wenn wir zur Überzeugung gelangen, dass unsere Infrastruktur-Vorgaben nicht aufrechtzuerhalten sind.

Sind die Auflagen nicht teilweise überrissen?
Die neuen Stadien wurden aufgrund der bestehenden Auflagen gebaut. Es brauchte einen gewissen Druck, um überhaupt zu diesen Stadien zu kommen. Wir werden bei den Auflagen aber Korrekturen anbringen.

Theoretisch müssten ab nächstem Sommer alle Vereine der Super League eine Rasenheizung haben oder dann auf Kunstrasen spielen.
Wir haben festgestellt, dass diese Vorgabe nicht umzusetzen ist.

Aus der Challenge League könnte unter diesen Voraussetzungen kein Verein aufsteigen. Der nächste Club, der diese Bedingung erfüllt, ist Xamax aus der Promotion League mit einem Kunstrasen.
Wir kämen auch in der aktuellen Super League nicht mehr auf zehn Vereine. Aarau, Sion und Vaduz haben keine Rasenheizung. Wir müssen uns überlegen, ob wir mit unseren Vorschriften nicht übertreiben, ob wir es den Clubs im ­Tagesgeschäft nicht zu schwer machen.

Wil hätte ein neues Stadion, aber auch das genügt den Anforderungen für einen Aufstieg nicht. Wieso braucht ein Club mit einem Potenzial von 6000 Zuschauern ein überdachtes Stadion mit mindestens 8000 Sitzplätzen, damit er in der Super League spielen darf?
Die Meinungen in der Liga sind sehr unterschiedlich. Meiner Ansicht nach muss aber jeder Club und jede Stadt selbst wissen, welche Grösse passt. Es macht keinen Sinn, zu grosse Stadien zu bauen.

Wir haben vorher über Sicherheitsprobleme gesprochen. Es gibt immer noch zu viele Vorfälle mit Chaoten. Wenn nicht im Stadion, dann ausserhalb.
Viele gescheite Leute haben sich mit ­dieser Problematik schon eingehend ­beschäftigt. Wir haben eine Expertengruppe eingesetzt, die Strategien aus­gearbeitet hat. Alles, was ausserhalb des Stadions ist, fällt nicht in den direkten Einflussbereich des Clubs.

Aber beeinträchtigt dies das Image der Vereine und des Fussballs nicht?
Ja, leider, und es lässt mich auch nicht ­ruhig. Wir müssen dort, wo wir können, diejenigen Leute eliminieren, die sich nicht an die Regeln halten.

Das gelingt auch nur beschränkt. Beispielsweise finden die Clubs offensichtlich kein Rezept gegen die Zuschauer, die Pyros zünden.
Die Feststellung ist nicht falsch, aber: Wir bemühen uns, mit den verfügbaren Überwachungssystemen genau diese Leute zu eruieren, anzuzeigen und mit Stadionverboten zu belegen.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie von Anhängern hören, die an ein Auswärtsspiel reisen und dann aus Protest gegen – aus ihrer Sicht – zu hohe Eintrittspreise vor dem Stadion bleiben und Randale anzetteln?
Komplett daneben, aber dagegen sind wir machtlos.

Sions Präsident Constantin ging einen eigenen Weg. Er versorgte die Gästefans mit Raclette und Weisswein. Aber bei Teilen der Fans regte sich Widerstand: Sie würden sich nicht kaufen lassen.
Das sind Leute, die sich an keine Regeln halten wollen. Der Fussball hat eine wahnsinnige Popularität und ist eine ­publikums- und medienwirksame Plattform. Im Positiven, leider auch im Negativen. Wir sind gewissermassen auch ein Opfer der eigenen Popularität.

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