Ein Lichtstreif am Horizont

Der FC Thun verliert das vierte der letzten fünf Ligaspiele und rutscht auf Rang 9 ab.Beim 0:2 in Zürich geben aber die Leistung sowie Matteo Tosettis Rückkehr Zuversicht.

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Dominic Wuillemin

Ein paar Sekunden nur benötigt Matteo Tosetti, um seinen Wert für den FC Thun zu verdeutlichen: Im Letzigrund läuft am Sonntag vor 8550 Zuschauern die 71. Minute, als der Tessiner nach über einmonatiger Verletzungspause eingewechselt wird. Mit seinem ersten Ballkontakt legt er sich am rechten Flügel den Ball vor, mit dem zweiten spielt er einen wunderbaren Pass hinter die Zürcher Defensive, Simone Rapp steht allein vor Goalie Yanick Brecher. Es ist die beste Thuner Gelegenheit an diesem Nachmittag und sym­ptomatisch für ihren Auftritt. Sie spielen ansprechend, phasenweise gar dominant, doch sie lassen die nötige Kaltblütigkeit vermissen.

Vor allem Rapp, der nach Tosettis Pass erneut eine Vorlage seines Tessiner Kompagnons nicht verwerten kann – diesmal mit dem Kopf nach einem Corner. Dass Thun aufgrund einer Roten Karte gegen Miguel Cas­troman längst mit einem Mann weniger agieren muss, ist so wenig augenfällig wie eine Spielidee bei den Zürchern.

Am Ende kommen die Gäste trotz 70 Minuten in Unterzahl auf gleich viele Schüsse (15:15) und Ballbesitz. Und doch ver­lieren sie 0:2. Es ist ihre vierte Niederlage in den letzten fünf Ligapartien. Sie hat zur Folge, dass Thun auf den zweitletzten Rang abrutscht, einen Punkt vor Xamax.

Die Schlüsselszene

Doch wer nach Spielschluss niedergeschlagene Thuner erwartet, hat sich geirrt. Sportchef Andres Gerber sagt, er sei nicht beunruhigt. «Wir hätten es verdient zu gewinnen.» Und Trainer Marc Schneider meint, bevor er ein Loblied auf seine Equipe anstimmt, es möge bei diesem Resultat komisch klingen, «aber ich bin mit unserem Auftritt absolut zufrieden. Wir zeigten nach der Roten Karte Charakter, waren vor allem in der letzten halben Stunde dominant.» Seine Analyse beschliesst der Trainer mit dem Fazit, dass ihm die Leistung Mumm gebe.

Das mag stimmen, und doch gibt es vor allem zwei Mängel, die sich durch die ersten Saisonwochen durchziehen und die den Oberländer Verantwortlichen durchaus Anlass zur Sorge geben können: die Fehleranfälligkeit sowie die fehlende Effizienz.

Diesmal ist es Miguel Castroman, eigentlich einer der überzeugendsten Thuner in der Startphase der Saison, der grob patzt. Erst verliert er in der 23. Minute im Mittelfeld den Ball, weil erzu nachlässig ist, dann foult er Marco Schönbächler als letzter Mann. Der Unparteiische Stephan Klossner lässt ihm die Intervention durchgehen, der Videoschiedsrichter (VAR) nicht. Und nachdem Klossner sich die Bilder noch einmal angeschaut hat, stellt er Castroman vom Platz. Der Entscheid ist streng, aber vertretbar. Er lässt FCZ-Trainer Ludovic Magnin sagen: «Gott sei Dank, gibt es den VAR.»

Der fast unverschämte FCZ

Gut möglich, wäre Magnin ohne den Videoschiedsrichter nun ein Coach, der sich erklären müsste, dem ungemütliche Tage bevorstehen würden. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, dass Thun bei personeller Gleichzahl zu einem Sieg gekommen wäre. Die Zürcher haben nur vor wie gleich nach der Pause je eine gute Phase, für die sie sich aber fast schon unverschämt hoch be­lohnen. Simon Sohm trifft nach Corner und einem Durcheinander im Strafraum über den herauseilenden Thun-Goalie An­dres Hirzel hinweg (41. Minute). Und beim 2:0 ist Aiyegun Tosim mit einem herrlichen Schuss, der von der Strafraumgrenze via Lattenunterkante seinen Weg ins Tor findet, erfolgreich (52.).

Danach stellt das Heimteam fast gänzlich den Betrieb ein, die Gäste wittern noch einmal ihre Chance. Als Tosetti sich in der71. Minute für die Einwechslung an die Seitenlinie stellt, tut er dies mit dem Ziel, die Partie zu drehen, wie er später sagen wird. Und tatsächlich kommen die Thuner dann gar beinahe im Minutentakt zu Gelegenheiten. Magnin spricht von «hochkarätigen» Chancen. «In solchen Situationen braucht man einen Torwart. Wir hatten einen.»

Die genesene Ausnahme

Und so haben die Thuner nun seit Mitte August in der Liga nicht mehr getroffen. Es ist ein Missstand, den Tosettis Genesung beheben könnte. «Seine ersten drei Pässe führten zu Chancen», sagt Schneider über den 27-jährigen Tessiner und meint, dieser habe seine Wichtigkeit für die Mannschaft eindrücklich aufgezeigt. «Er ist ein Ausnahmespieler, den wir nicht ersetzen können.»

Insofern kann es die Ober­länder vor den schwierigen Spielen am Mittwoch im Derby daheim gegen YB und am Samstag in St. Gallen beruhigen, dass Tosetti nach dem Spiel meldet, keine Schmerzen zu verspüren.

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