Ein Unglück am Schweizer Tag

Freiburg - Gladbach (0:0) war auch das Spiel von vier Nationalspielern und Trainer Lucien Favre.

Der Schwatz nach dem Spiel: Der Gladbacher Yann Sommer und der Freiburger Roman Bürki.

Der Schwatz nach dem Spiel: Der Gladbacher Yann Sommer und der Freiburger Roman Bürki.

Der Sommer ist weit weg, bis kurz vor Spielbeginn regnet es an diesem Nachmittag, es ist kühl. Aber wen stört das schon hier? 24'000 Zuschauer füllen das Stadion, das wie ein Gegenentwurf zu den durchgestylten Arenen der Neuzeit wirkt. Freiburg empfängt in der 2. Runde der Bundesliga Mönchengladbach. Die Atmosphäre ist prächtig unaufgeregt.

Bundestrainer Joachim Löw sitzt mitten im Pulk auf der Tribüne, bis er sich nach 80 Minuten verabschiedet. Er verpasst nichts mehr, weil danach so viele Tore fallen wie davor: keine. Das 0:0 ärgert aber kaum jemanden. Auch fast alle fünf beteiligten Schweizer nicht, die sich begegnet sind: Die Nationalspieler Bürki und Mehmedi hier, Sommer und Xhaka da. Dazu Lucien Favre, Gladbachs Trainer.


Roman Bürki
Die Hierarchie ist klar
Schlusspfiff in Freiburg. SC-Goalie Bürki hat sich ein rotes Frottiertuch über die Schulter geschwungen und sucht jetzt einen Gegenspieler. Nicht irgendeinen, sondern: Sommer. Konkurrent im Spiel. Konkurrent im Nationalteam. Doch das spielt in diesem Moment keine Rolle. Die beiden finden sich beim Mittelkreis und begrüssen sich mit Handschlag und ­Umarmung. Es ist ein herzlicher Augenblick, dem ein kurzer Schwatz folgt. Bürki sagt später: «Ich habe mich ­gefreut, Yann zu sehen.»

Beide sind erst seit dieser Saison in der Bundesliga. Und beide sind im ­Nationalteam nach Benaglios Rücktritt aufgestiegen in der Hierarchie. Das ­Gemeinsame, das verbindet sie, so ­erzählt es Bürki. Und was er auch gleich sagt: Dass für ihn die Reihenfolge klar ist: «Yann wird gegen England spielen.» Die Briten sind am 8. September Schweizer EM-Qualifikationsgegner.

Das Auftaktspiel hat Bürki mit Freiburg bei Frankfurt 0:1 verloren. Nun ist er zufrieden mit sich und der Welt, «obwohl wir die grösseren Chancen hatten». Das Stadion ausverkauft, die Stimmung gut, «super» findet er das. Und klar ist er «froh», ohne Gegentor geblieben zu sein. Wobei das in diesem Match nicht besonders schwierig gewesen ist. Beide Teams haben sich kaum Chancen erspielt.

Bürki ist an diesem Tag nicht selten eher elfter Feldspieler als Goalie. Trainer Christian Streich verlangt, dass sich der 23-Jährige als Anspielstation anbietet. Bürki läuft deshalb im Strafraum hoch und runter, nach links und rechts. Und dass er so oft den Ball erhält, sieht er als Zeichen des Vertrauens.


Lucien Favre
Der Rastlose
Das Spiel dauert noch zwei Minuten. ­Lucien Favre ist beunruhigt. Er deutet seinen Spielern mit Handzeichen: ruhig bleiben, die Zeit verstreichen lassen. Er ist zufrieden mit dem 0:0, weil er mit Gladbach in Freiburg bis anhin nie hat punkten können. Aber er ist nicht zufrieden mit der Leistung seines Teams: «Freiburg war besser, das kann ich klar sagen. Wir haben sehr gelitten. Wir ­haben noch viel zu tun.»

Es ist ein typischer Favre an der Pressekonferenz. Sehr wach. Und sehr ­vorsichtig. Die Borussia hat zwar alle bisherigen (kleinen) Ziele erreicht. Sie hat die erste Runde im deutschen Cup überstanden. Sie ist in der Gruppenphase der Europa League. Sie hat die ersten beiden Bundesliga-Partien nicht verloren – aber auch nicht gewonnen. Doch weil der Herbst lang werden könnte mit der Dreifach-Belastung, kündigt Favre schon einmal an: «Es wird enorm schwierig bis Weihnachten.»


Granit Xhaka
Ein neuer Anlauf
An den Ohrläppchen glänzt der Schmuck, und Granit Xhaka ist guter Laune. «Jedenfalls können wir mit dem Punkt besser leben als Freiburg, das ­einen Penalty verschossen hat», sagt er. Der bald 22-Jährige strahlt das Selbst­bewusstsein aus, das ihn schon immer ausgezeichnet hat. Er kritisiert die mangelhafte Bewegung im Spiel, bevor er die Bemerkung fallen lässt, dass es ihm doch wesentlich lieber sei, für eine mässige Vorstellung wenigstens einen Punkt bekommen zu haben als für eine gute gar nichts.

Xhaka steht in seiner dritten Saison in Mönchengladbach, er ist zurück in der Mannschaft, nachdem er in der Vor­saison seinen Stammplatz verloren hatte und folglich darüber spekuliert wurde, ob er nach dem Sommer gar nicht mehr in Deutschland, sondern vielleicht in ­Italien weitermacht. «Kein Thema», hatte Manager Max Eberl klargestellt, wofür allein auch die Tatsache sprach, dass kein Club ein Angebot beim Bundesligisten abgab.

In Freiburg hat er seinen auffälligsten Moment, als er nach 14 Minuten freie Schussbahn hat, nur: An Bürki kommt er nicht vorbei. Ansonsten läuft er viel, grätscht, aber für Glanzpunkte kann auch er nicht sorgen. «Wir müssen nicht überall das Spiel machen», findet er. Und verabschiedet sich. Draussen ­wartet der Vater, zusammen fahren sie heim nach Basel.


Admir Mehmedi
Der verschossene Penalty
Es läuft die 63. Minute, und einer ist ganz fest überzeugt von sich: Admir Mehmedi. Elfmeter für Freiburg. Mehmedi schnappt sich den Ball. Läuft an. Und: schiesst über das Tor. Irgendwie passt das zu seinem Arbeitstag, zu dem er nach dem Match gar nichts sagen mag.

Mehmedi hat nie richtig ins Spiel gefunden. Ist einmal hängende Spitze, einmal Flügel, einmal ganz vorne. Doch es gelingt ihm wenig. Er hat nicht die Leichtigkeit der vergangenen Saison, als er für den SC 12 Treffer erzielte. Er kann sie auch gar nicht haben, so sieht das Christian Streich. Der Trainer glaubt, dass der Spieler die Strapazen der vergangenen Saison und der WM-Teilnahme noch spürt – psychisch und physisch. Auch in den Tagen vor der Gladbach-Partie hat der Angreifer wegen Adduktorenproblemen nur teilweise trainieren können.


Yann Sommer
Mit grosser Gelassenheit
Es ist 20.30 Uhr, als Yann Sommer um die Ecke biegt. Er zieht zwei Rollkoffer, trägt einen Rucksack und hat eben den mühsamsten Teil des Abends hinter sich: Nach Spielschluss hat er eine Stunde in der Dopingkontrolle verbracht. Die Verzögerung trägt er mit ­Gelassenheit. Die Bilanz stimmt für ihn: Drei Tage nach dem 7:0 im Europa-­League-Playoff gegen Sarajewo hat der 25-Jährige erneut kein Tor zugelassen. Das tut speziell einem wie ihm gut, der neu ist in der Bundesliga und schnell ­gemerkt hat, «dass hier ­jeder Schritt, den du machst, analysiert wird». Und ein Goalie, der acht Millionen Euro ­gekostet hat, wird noch eine Spur genauer beobachtet.

«Die Erwartungen sind riesig, der Druck ist entsprechend gross», sagt er, lässt sich aber nicht beirren: «Ich wusste ja, was auf mich zukommt. Ich sehe das völlig relaxed.» Gegen Freiburg ist Sommer, der Torhüter, auch ein ­Libero – wie Bürki. Xhaka lobt: «Wir wissen, über welche fussballerischen Qualitäten Yann verfügt, wir können ihn immer anspielen.» Auf der Tribüne sitzt Patrick Foletti, ­Goalietrainer der Nationalmannschaft, und kritzelt Striche in seinen Notizblock, die Zahl der Ballberührungen. Je über 100 sind es bei Sommer und Bürki.

Zum Penaltyduell mit Mehmedi fällt Sommer ein: «Vielleicht haben bei ­Admir die Nerven geflattert.» Am Abend fährt er von Freiburg zu seinen Eltern in Liestal. Heute Mittag rückt er zur Nationalmannschaft ein, die Aussichten sind schön für ihn. In einer Woche kehrt er nach Basel zurück, und England wird der Gegner sein. Sommer strahlt.

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