«Es bräuchte 300 Polizisten, um 500 Fans zu kontrollieren»

Krawalle, Böller, Bahnchaos: Wie weiter mit Fussballhooligans? Claudius Schäfer, Liga-Geschäftsführer, sagt, was schon versucht wurde, und in welchem Land es besser geht.

Provokationen und Aggressivität beidseits des Zauns: FCZ-Chaoten (rechts) und ein Basler Vermummter. Foto: Freshfocus

Provokationen und Aggressivität beidseits des Zauns: FCZ-Chaoten (rechts) und ein Basler Vermummter. Foto: Freshfocus

Was lösen in Ihnen die Bilder mit FCZ-Chaoten in Basel aus?
Ich verspüre eine grosse Wut im Bauch – und leider auch ein Stück Ohnmacht, weil sich solche Vorfälle mit einer ge­wissen Konstanz wiederholen. Trotzdem dürfen wir jetzt nicht resignieren.

Wieso passiert immer wieder, was die grosse Mehrheit in einem Fussballstadion nicht erleben will?
Weil es Chaoten gibt, die es schaffen, pyro­technisches Material ins Stadion zu schmuggeln. Die es auch fertigbringen, aus Dummheit gefährliche Gegenstände auf das Spielfeld zu werfen oder explodieren zu lassen. Wir befinden uns hier in einer gesellschaftlichen Thematik. Offensichtlich haben wir es mit nur schwer sozialisierbaren Menschen zu tun.

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Warum zieht der Fussball ­solche Leute an?
Er öffnet die Türen für alle Bevölkerungsschichten. Unter den vielen jungen Leuten gibt es einen radikalisierten Teil, der sich nicht kontrollieren lässt, obwohl wir viele Vorkehrungen getroffen haben.

Sind die Vorkehrungen nicht gut ­genug?
Bei den Massen, die der Fussball ­bewegt, haben wir immer ein Risiko. Das ist nicht nur in der Schweiz so, sondern in vielen anderen Ländern Europas – ausser vielleicht in England, wo die Premier League so beliebt ist, dass die Clubs dank Wartelisten quasi selber aussuchen, wen sie zu sich ins Stadion lassen.

Drehen wir uns in der Sicherheitsfrage im Schweizer Fussball nicht seit Jahren im Kreis?
Gibt es überhaupt Wege, um aus diesem Kreis auszubrechen? Wenn wir eine ­Lösung gefunden hätten, wäre sie längst durchgesetzt worden. Vorschläge gibt es viele. Vorschläge, die den Anschein ­vermitteln, dass sie zu einem Ausweg führen, aber sich dann doch nicht als probates Mittel erweisen.

Eine oft gehörte Forderung: ­Auswärtsfans ausschliessen.
Das haben wir auch schon geprüft, aber wir kamen zum Schluss: Es wäre kontraproduktiv. Wir haben keine ausverkauften Stadien, die Reisewege sind kurz. Das heisst, die Fans reisen auch dann, wenn sie nicht einmal die Absicht ­haben, ein Ticket zu kaufen wie ein Teil der St. Galler Fans, als sie nach Aarau fuhren, vor dem Brügglifeld einen Sitzstreik abhielten und später in der Stadt randalierten. Aber vielleicht müssen wir die Option doch noch einmal prüfen.

Mit der Einführung eines Fanpasses könnte sich nur noch ein Ticket kaufen, wer registriert ist.
Wir haben 200'000 Franken investiert, um zu prüfen, ob der Fanpass ein wirksames Mittel wäre. Wir kamen zum Schluss: Das bringt nichts. Schauen wir nach Italien. Ohne Registrierung kommt man nicht ins Stadion. Hat es etwas ­gebracht? Gibt es weniger Pyros, weniger Ausschreitungen? Nein.

Liga und Clubs setzen darauf, ­Chaoten zu identifizieren und ­auszuschliessen. Offensichtlich funktioniert dieser Weg nicht.
Es ist nicht so, dass wir gar keinen Erfolg haben, aber ja: Wir müssen einen Zacken zulegen und noch mehr in die Videoüberwachung investieren. Die Vermummung ist ein Problem, vielen gelingt es, in der Masse unterzutauchen. Leider stossen wir oft auch an Grenzen, beispielsweise wegen des Datenschutzes oder weil in der Schweiz die Wege viel länger und komplizierter sind als beispielsweise in Österreich, wo meine Kollegen aus der Liga nur einen Ansprechpartner haben: das Bundesinnenministerium.

Was muss sich die Liga vorwerfen?
Dass es immer noch Vorfälle gibt. Aber: Wir hinterfragen uns ständig, wir sind bestrebt, im Dialog mit Polizei und Clubs die Situation zu verbessern. Nur komme ich langsam an einen Punkt, an dem …

… Sie doch resignieren …
… nein, nein, aber es wird immer schwieriger, eine Lösung zu finden. Leute, die gezündete Pyros werfen; Leute, die mit einer ungemeinen Aggressivität aufeinander losgehen; Leute, welche die Notbremse ziehen und über die Gleise rennen – das sind Kriminelle. Ich will uns nicht der Verantwortung entziehen, aber irgendwo enden unsere Möglichkeiten einfach. Und wenn wir zum Thema Polizei kommen: Es wird auch für sie immer schwieriger, weil die Bestände an Polizisten reduziert werden.

Sollte die Polizei im Stadion ­eingreifen dürfen oder müssen?
In der Bundesliga macht sie das, aber dort sind pro Spiel gegen 1000 Polizisten vor Ort. Natürlich, die Zuschauerzahlen sind teilweise deutlich höher. Aber wir haben auch ganz andere Polizeikontingente. Ausserdem dürfen wir die Verhältnismässigkeit nicht ausser Acht lassen. Es bräuchte wahrscheinlich etwa 300 Polizisten, um in einem Sektor mit 500 Fans für Ordnung zu sorgen, weil die Gefahr besteht, dass sich auch vernünftige Supporter plötzlich mit den Chaoten solidarisieren.

Müssten sich die Clubs deutlicher von Chaoten distanzieren?
Deutlicher als Ancillo Canepa (FCZ-Präsident) und Bernhard Heusler (FCB-Präsident) kann man sich nicht distanzieren. Nur soll auch niemand glauben, dass sich die Chaoten dadurch eines Besseren belehren lassen. An die kommt man nicht heran, unmöglich. Man muss sie zwingend aus dem Verkehr ziehen und mit dem Mittel der Meldepflicht dafür sorgen, dass sie sich am Spieltag auch nicht in der Nähe eines Bahnhofs aufhalten dürfen. Die gesetzlichen Mittel hätten wir dafür, sie werden aber von den Behörden nicht konsequent genug umgesetzt.

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