FC Thun: Vier gewinnt

4 Minuten fehlen den Thunern zu Rang 3, der den Einzug in die Europa League und Einnahmen von mindestens 4 Millionen Franken bedeutet hätte. Dennoch sehen sich die Oberländer nach dem 1:0 in Sitten als Sieger – zu Recht.

<b>Grenzenloser Jubel:</b> Chris Kablan (auf den Knien) freut sich nach seinem Tor zum 1:0-Sieg bei Sion.

Grenzenloser Jubel: Chris Kablan (auf den Knien) freut sich nach seinem Tor zum 1:0-Sieg bei Sion.

(Bild: Pascal Müller/Freshfocus)

Dominic Wuillemin

Als der Schiedsrichter am Samstag in Sitten die Partie beendet und den Thuner Sieg besiegelt, umarmen sich Präsident Markus Lüthi, Sportchef Andres Gerber und Trainer Marc Schneider an der Seitenlinie sekundenlang. Das Bild erzählt, weshalb der kleine Club aus dem Oberland einmal mehr die Erwartungen übertroffen und die reichere Konkurrenz hinter sich gelassen hat: Er hat eine Führung, die zusammenhält. Und so alles zusammenhält.

Lange war das nicht schwer, in dieser Saison, die sich prächtig angelassen hatte – mit Platz 3 nach der Vorrunde. Doch nach nur drei gewonnenen Meisterschaftspartien 2019 und dem verlorenen Cupfinal vor Wochenfrist gegen Basel drohte am Samstag in Sitten ein unschönes Ende.

Wie sich die Stimmung veränderte, liess sich in Kommentarspalten ablesen. Statt Lob und Glückwünsche gab es nun Voten, die meinten, es wäre das Beste, Schneider zu entlassen. Gleichzeitig brachte ein Onlinemedium den Thuner Trainer beim FC Basel ins Gespräch – willkommen im Wahnsinn des World Wide Web.

Aber Schneider wird Thun nicht verlassen, zumindest nicht jetzt, aus dem Grund, der bei Schlusspfiff in Sitten ersichtlich wird. Er weiss über sich Personen, die gegen den in diesem Geschäft weitverbreiteten Virus des Aktionismus immun sind.

Der 38-Jährige ist schon der dienstälteste Trainer der Liga, Thun ist seine erste Station im Profigeschäft, die Ausbildung schloss er vor einem Jahr ab. Während dieser hatte er einmal ein längeres Gespräch mit seinem erfahrenen Kollegen René Weiler geführt, das ihn geprägt hat. Weiler sagte ihm, wenn er eine kompetente sportliche Führung habe, der er vertrauen könne und die loyal sei, dann stimme sehr viel, dann müsse er sich genau überlegen, ob es wert sei, dies aufzugeben.

Der Zusammenhalt in der Führung war wieder vermehrt gefragt in den letzten Wochen, die Kraft kosteten. Das ist im Gesicht von Präsident Lüthi erkennbar, als er nach Spielschluss durch die Katakomben läuft.

Nach den zwei Niederlagen gegen Basel innert vier Tagen, die bedeuteten, dass Thun nicht nur am ersten Titelgewinn der Vereinshistorie vorbeischrammte, sondern auch auf Rang 6 und damit aus dem europäischen Geschäft rutschte, habe er eine grosse Leere verspürt und keinerlei Erwartungen mehr gehabt, sagt Lüthi.

Während er spricht, läuft das Spiel St. Gallens beim FC Zürich noch. Doch wenig später ist klar, es bleibt beim 1:1. Weil Luzern gleichzeitig bei YB verliert, macht Thun am letzten Spieltag zwei Plätze gut und zieht als Vierter in die Qualifikation zur Europa League ein. Lüthi huscht ein Lächeln übers Gesicht. Es ist ein versöhnliches Ende.

Besser als Vierter waren die Thuner in insgesamt 17 Saisons in der höchsten Liga nur einmal, das war 2005 unter der Oberländer Ikone Hanspeter Latour im Prolog zum Champions-League-Märchen. 2015 wurden sie unter Urs Fischer, der mit Union Berlin am Tor zur Bundesliga steht, auch Vierter, standen jedoch nicht im Cupfinal. Insofern hat das Team von Schneider eine aussergewöhnliche und historische Saison absolviert.

Das kann leicht vergessen werden, weil Thun zuletzt gleich zwei annähernd einmalige Chancen vergeben hat: Im Cupfinal gegen einen Gegner, der passiv und alles andere als unwiderstehlich agierte. Und in der Liga, in der die Oberländer während eines halben Jahres in den Top 3 lagen, hinter ihnen Konkurrenten, die Punkte wegwarfen wie heisse Kartoffeln.

Rang 3 hätte den direkten Einzug in die Europa League garantiert und damit Fixeinnahmen von mindestens 4 Millionen Franken. Als Chris Kablan bei Sion nach 62 Minuten das 1:0 schiesst, ist dieser wieder zum Greifen nah.

Kurz darauf geht GC in Lugano gar in Führung, Thun ist tatsächlich auf Kurs zur Gruppenphase. Bis in die 86. Minute, dann gleicht Lugano aus und klettert auf Rang 3. Vier Minuten fehlen für vier Millionen. Am Ende sind die Oberländer nur deshalb nicht Dritter, weil ihr Torverhältnis um 2 Treffer schlechter ist als jenes der Tessiner.

Das sei schade, meint Lüthi und legt die Hand an seinen Hals, während er sagt: «Die Einnahmen aus der Europa League hätten dafür gesorgt, dass uns das Wasser nicht mehr bis hierhin steht.»

Zwar hat sich die finanzielle Lage des Vereins verbessert, das Eigenkapital aber ist mit 400'000 Franken bei einem Budget von 12 Millionen nach wie vor gefährlich dünn. Und dennoch ist bei Lüthi keine Enttäuschung spürbar, und schon gar nicht bei den Thun-Spielern, die den wertvollen Sieg in Sitten minutenlang gemeinsam mit den Fans feiern.

Die Thuner werden nun Anfang August die dritte Runde der Qualifikation zur Europa League bestreiten, sie sind nicht gesetzt, können auf Gegner wie Eintracht Frankfurt oder die Wolverhampton Wanderers treffen, aber auch auf solche, denen sie auf Augenhöhe begegnen würden. Sie werden dies mit einer veränderten Mannschaft tun, Nelson Ferreira hört auf, Moreno Costanzo, zuletzt mit Formanstieg, erhält keinen neuen Vertrag.

Mit dem Verkauf von Marvin Spielmann an YB steht auch der Abgang eines Leistungsträgers fest, allerdings nimmt dieser Transfer, der Einnahmen von 1,5 bis 2 Millionen Franken brachte, den Druck, weitere wichtige Akteure zu verkaufen. Zudem stehen schon vier durchaus vielversprechende Zuzüge fest.

So oder so werden die Thuner gerüstet sein. Das hängt mit der Szene zusammen, die sich beim Schlusspfiff in Sitten ereignet.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt