«Für mich gibt es wichtigere Dinge als mein Image»

Der FCZ-Präsident zieht zum Saisonschluss schonungslos Bilanz zur sportlichen Misere – und er spricht über das Vertrauen in Trainer Meier sowie seine eigene Zukunft an der Vereinsspitze.

Ancillo Canepa, FCZ-Präsident im Vollamt: «Man könnte ja auch froh sein, dass sich jemand von früh bis spät für den Club einsetzt.» Foto: Keystone

Ancillo Canepa, FCZ-Präsident im Vollamt: «Man könnte ja auch froh sein, dass sich jemand von früh bis spät für den Club einsetzt.» Foto: Keystone

Ancillo Canepa, der FCZ spielt eine schwache Rückrunde, er hat sich mit dem 1:0 in Luzern aber dennoch für die Europa League qualifiziert. Hat Trainer Urs Meier mit diesem Sieg seinen Kopf gerettet?
Ich habe es in jüngster Zeit immer und immer wieder betont: Wir haben beim FCZ miteinander Erfolg, und wir müssen miteinander auch die Misserfolge hinnehmen und verarbeiten. Wir werden nach Saisonende in Klausur gehen und Rückschau halten. Wir werden die Saison genau analysieren und dann festlegen, was wir verändern müssen, um die nächste erfolgreicher zu gestalten.

Ist es möglich, dass man bei dieser Klausur zum Schluss kommt, dass Urs Meier nicht mehr der richtige Trainer für den FCZ ist?
Urs Meier wird bei dieser Klausur dabei sein. Ich würde ihn ja nicht dazu ein­laden, wenn ich ihn infrage stellen würde.

Wer ist sonst noch dabei?
Meiers Assistent, Massimo Rizzo, Goalie-Trainer Christian Bösch, meine Frau ­Heliane und ich.

Der Konditionstrainer Tobias ­Powalla fehlt?
Ja, aber warum fragen Sie?

Weil immer wieder gesagt wird, die Mannschaft sei nicht fit genug.
Klar ist, dass die Spieler eine solide physische Verfassung haben müssen. Auch ein Techniker muss in der Lage sein, ein Spiel lang die Linie rauf und runter zu rennen.

Haben Sie im Verlauf der Rückrunde nie an Meier gezweifelt?
Zweifel kamen bei mir in den letzten zwei, drei Wochen auf, dass wir es nicht mehr in den Europacup schaffen würden. Und deshalb war dieser Sieg in ­Luzern für uns alle so extrem wichtig. Aber das hatte nichts mit personellen Über­legungen zu tun.

Aber es wird personelle Änderungen geben?
Ja, das ist so. Aber im Detail kann ich dazu noch nichts sagen.

Angenommen, der FCZ hat in der neuen Saison keinen guten Start: Dann gibt es sofort wieder Unruhe wegen der Person des Cheftrainers.
Der FCZ ist zum Erfolg verdammt, aus sportlichen wie aus wirtschaftlichen Gründen. Und der FCZ hat weiterhin Ambitionen. Aber ich gehe schon davon aus, dass wir mit dieser Rückrunde den Tiefpunkt nun erreicht haben und es wieder aufwärtsgeht.

Sie kennen doch die Mechanismen des Fussballs: Der Trainer hat ­wegen der schlechten Resultate viel Goodwill eingebüsst. Wenn Sie nun mit ihm in die neue Saison gehen, und er verliert die ersten Spiele, wird der Druck immer ­grösser, und Sie werden ihn doch noch entlassen müssen.
Ich beschäftige mich mit solchen Fragen erst dann, wenn es wirklich so kommen sollte. Für mich zählt im Moment nur die Analyse der vergangenen und die Planung der nächsten Saison.

Hätten Sie in den kritischen Momenten der Rückrunde eine Alternative zu Meier gehabt, wenn es mit ihm nicht mehr weitergegangen wäre?
Nein.

Sie haben also nicht mit dem ­Deutschen Bruno Labbadia, der sich dann für das Traineramt beim HSV entschied, verhandelt?
Nein, das habe ich nicht getan. Ich würde niemals mit einem neuen Trainer sprechen oder verhandeln, solange der bisherige noch im Amt ist. Natürlich bieten sich bei mir andauernd irgendwelche Trainer und Berater an, aber ich ­reagiere nicht darauf.

Was waren denn aus Ihrer Sicht die hauptsächlichen Probleme der Mannschaft in dieser Rückrunde?
Ich will wenn möglich nicht in Phrasen verfallen. Die Hauptprobleme waren das Verletzungspech in der Vorrunde, primär die – ich spreche in Anführungszeichen – «Hinrichtung» von Gilles Yapi, die suboptimale Vorbereitung auf die Rückrunde mit drei Spielern, Etoundi, Chi­kha­oui und Chermiti, die erschöpft und enttäuscht bis frustriert vom Afrika-Cup zurückkehrten. Wir haben nach der Winterpause einfach keine Stammformation gefunden und gerieten in eine Krise der Resultate und in eine negative Spirale. Es fehlte die Sicherheit, es fehlte die Leichtigkeit des Seins, es kam die Angst vor Fehlern dazu. Und genau dann passieren sie. Wir machten viele individuelle Fehler, wir verloren viele Punkte durch Gegentore in den letzten Minuten eines Spiels. In einer solchen Situation hat man nur eine Möglichkeit: im Training hart arbeiten und auf den Befreiungsschlag warten.

Der Spieler Davide Chiumiento hat nach dem Sieg in Luzern moniert, dass im Training nicht immer hart genug gearbeitet würde.
Er hat sich selbstkritisch und kritisch geäussert. Ich empfand das nicht als dramatisch. Er hat gesagt, dass sich beim FCZ alle hinterfragen müssten, die Spieler, der Trainer und die sportliche Leitung. Ich kann Ihnen versichern: Wir werden das machen.

Chiumiento hat auch noch gesagt, dass es in der Mannschaft des FCZ sehr viele unterschiedliche und auch spezielle Charaktere gebe. Ist dies eine Ursache der Probleme?
Nein, das ist eine Chance und zugleich natürlich auch ein gewisses Risiko. Wenn sich diese Charaktere gut ergänzen und diese Spieler in guter Form sind, dann läuft es so gut wie in der Vorrunde. Ich habe nun aber auch im Tief nie das Gefühl bekommen, dass sich die Mannschaft in einzelne Gruppen aufspalte oder dass von einzelnen Spielern intrigiert werde. Aber natürlich: Extrem enttäuscht von dieser Rückrunde sind alle …

… und erleichtert, dass wenigstens die Europa League erreicht ist. Weshalb ist Ihnen der Europacup so wichtig?
Aus sportlichen und wirtschaftlichen Gründen. Sportlich sind diese Spiele die Höhepunkte der Saison, und finanziell bringen sie sehr willkommene Zusatzeinnahmen.

Im letzten Jahr musste der FCZ als Cupsieger in der Europa League eine Qualifikationsrunde überstehen, um die Gruppenspiele zu erreichen – jetzt, falls er in der Super League Vierter bleibt, gleich mehrere …
… ja, es wird sportlich schwieriger. Es gibt auch in den Qualifikationsspielen keine leichten Gegner. Die rund 2,5 Millionen Franken, die wir diese Saison in den Gruppenspielen der Europa League eingenommen haben, können wir nicht fest einkalkulieren.

Können wir es so sagen: Das Geld, das der FCZ im Europacup ­einnimmt, müssen Sie als Präsident Ende Saison nicht selber ­einschiessen?
Es ist eine Milchmädchenrechnung, aber ja, sie stimmt.

Sie sind seit Dezember 2006 ­Präsident. Der FCZ ist ein Club, der in der Regel keinen Gewinn macht. Wir gehen davon aus, dass Sie in den bald neun Jahren an der ­Vereinsspitze an die 30 Millionen Franken eingeschossen haben.
(lacht) 30 Millionen? Das muss ich mal selber zusammenzählen. Die Zahl ist sicher zu hoch, aber es ist bestimmt ein beachtlicher zweistelliger Millionenbetrag.

Haben Sie sich noch nie überlegt, den Bettel hinzuschmeissen – nach schweren Niederlagen, Fan-Krawallen, heftiger Kritik an Ihrer Person …
Es gibt natürlich Momente, in denen ich sehr frustriert bin. Ich wollte in meinem Leben immer etwas bewegen und Erfolg haben. Der grösste Frust ist, dass man als Präsident eines Fussballclubs sehr vielen Dingen ausgesetzt ist, die man überhaupt nicht beeinflussen kann: Medien, Fans, Schiedsrichter, Stadion­infrastruktur …

Verblüffend in der laufenden ­Meisterschaft ist der Umstand, dass mit dem FC Thun ein Club auf Rang 3 und vor dem FCZ steht, der ein viel kleineres Budget hat …
(schmunzelt) … ja, ja, der Kunstrasen lässt grüssen. Ich finde, in der höchsten Schweizer Liga sollten Stadien mit Kunstrasen verboten sein – wie das in den anderen ernst zu nehmenden Ligen der Fall ist. Oder die Clubs, die auf Kunstrasen spielen, sollen von mir aus untereinander die Schweizer Kunstrasenmeisterschaft bestreiten. Thun, YB, Xamax und ein paar andere ermitteln dann den Schweizer Kunstrasenmeister. Aber trotz allem: Kompliment an den FC Thun, Chapeau!

Hat der FC Thun vielleicht den besseren Trainer als der FCZ. Oder passt Urs Fischer einfach besonders gut zu Thun? Sie kennen ihn ja bestens, schliesslich haben Sie ihn vor drei Jahren entlassen.
(lacht wieder) Das kann ich nicht beurteilen, weil ich die Verhältnisse in Thun zu wenig gut kenne.

Ist der FCZ ohne den Präsidenten Ancillo Canepa vorstellbar? Wie lange wollen Sie noch bleiben?
Ich habe keinen Zeitplan, aber ich werde meine FCZ-Aktien nicht mit ins Grab nehmen. Irgendwann wird es schon eine Lösung geben.

Bereiten Sie eine Nachfolgelösung aktiv vor?
Nein.

Sie bleiben dem Club also noch ein paar Jahre erhalten?
Aus heutiger Sicht geht die Tendenz in diese Richtung, ja.

Das Kleingeld geht der Familie Canepa also noch nicht aus?
Ich habe nicht die Absicht, gegen Ende meines Lebens um einen Cervelat betteln zu müssen. Ich will meine finanzielle Unabhängigkeit auf jeden Fall behalten. Ich weiss ja nicht, wie lange ich noch lebe.

Ziehen Sie denn in Betracht, den FCZ dereinst an einen Investor zu verkaufen? Etwa nach China, Indien oder Arabien?
Es gibt immer wieder Anfragen aus dem Ausland. Sie waren für mich nie ein Thema. Aber ich weiss ja nicht, was in 5, 10, 15 Jahren sein wird. Im Moment beschäftigt mich das nicht.

Sie und Ihre Frau Heliane halten 90 Prozent der Aktien. Sind diese eindeutigen Besitzverhältnisse gesund für einen Schweizer ­Fussballclub?
Was heisst «gesund»? Bieten Sie mir ­Alternativen! Ich bin froh um jeden, der sich am FCZ beteiligen möchte!

Weshalb müssen Ihre Frau und Sie jede Erhöhung des Aktienkapitals ausschliesslich selber bestreiten?
Jeder ist eingeladen, Aktien zu erwerben. Aber klar ist auch: Jeder, der sich namhaft beteiligt, will auch mitreden. Und dann haben wir bald den grössten Debattierclub.

Und das wollen Sie verhindern?
Nicht unbedingt. Wir haben einen Verwaltungsrat – und jemand, der im grossen Stil einsteigen will, würde auch in diesem Gremium in die Verantwortung mit einbezogen.

Sie kennen die Volksmeinung: Der FCZ gilt als FC Canepa – ein Verein, bei dem die Canepas alles allein entscheiden.
Es gibt immer wieder undifferenzierte Meinungen.

Arbeiten Sie daran, dieses Image zu korrigieren?
Nein, überhaupt nicht. Ich habe andere Probleme: Ich will sportlichen Erfolg, ich will den Verein vorwärtsbringen – das ist für mich der rote Faden in meiner Arbeit.

Ihr Image stört Sie also nicht?
Für mich gibt es einfach wichtigere Dinge als mein Image. Man könnte ja auch froh sein, dass sich jemand vollamtlich von früh bis spät für den Club einsetzt. Ich möchte das Gejammer ja nicht hören, falls es den FCZ einmal nicht mehr gibt!

Dann sind Sie schuld daran!
Ja, ja – auch wenn ich mir jahrelang für den FCZ den Hintern aufgerissen habe … Aber eines ist klar: Ich habe den Entscheid, vollamtlicher Präsident zu werden, nie bereut.

Wohl auch deshalb, weil sie mit dem Club Meister und Cupsieger geworden sind. Ist es realistisch, dass der FCZ wieder einmal Meister wird?
Ein Satz fürs Phrasenschwein: Im Fussball ist alles möglich. Es gibt ausserhalb von Basel weitere Vereine, welche die Ambition haben, Meister zu werden. Nicht immer gibt das höchste Budget den Ausschlag. Das haben wir 2006, 2007 und 2009 ja auch schon bewiesen.

Fällt der FCZ auf Dauer nicht immer weiter hinter Basel und YB zurück?
Wir müssen einfach optimal arbeiten. Es gibt eine Chance auf einen Titel, wenn es uns gelingt, eine gute Mannschaft zusammenzustellen.

Wie muss diese aussehen?
Wir brauchen eine starke Achse, einen Top-Torhüter, zwei gute Innenverteidiger, gute Nummern 6 und 10 und zwei gute Stürmer.

Hat der FCZ diese Achse bereits?
Teilweise.

Wo braucht der FCZ Verstärkungen? In der zentralen Abwehr?
Wir sind dort nicht schlecht besetzt. Nef hat eine sehr gute Saison gemacht, der junge Elvedi ist ein Versprechen für die Zukunft. Im defensiven Mittelfeld hängt viel davon ab, ob Yapi zurückkehren wird. Auf der 10 gibt es Chikhaoui, ­Chiumiento, und vorne haben wir mit Etoundi, Gavranovic, Chermiti und ­Sadiku eigentlich vier gute Stürmer.

Gavranovic und Chermiti zeigen gerne und offen ihre Verärgerung, wenn sie nicht nominiert oder ausgewechselt werden.
Sie wollen halt immer dabei sein, das ist eigentlich positiv. Aber ich würde mir von ihnen manchmal auch eine andere Körpersprache wünschen.

Vorrangig scheint der FCZ also eine Ergänzung im defensiven Mittelfeld zu brauchen, weil die Zukunft von Yapi ungewiss und auch Kukeli oft verletzt ist. Wer bestimmt, welcher Spieler geholt wird?
Meier, Rizzo, Heliane und ich.

Braucht es keinen Sportchef?
Ich stelle sehr hohe Anforderungen an das Profil eines Sportchefs. Ich denke, in der Schweiz findet sich kaum jemand, der sie erfüllen könnte. Also verzichten wir. Ich bin ja der einzige Präsident in der Super League, der vollamtlich und ausschliesslich für seinen Club arbeitet. Ich mache von morgens bis abends nichts anderes, als mich um Fussball und den FCZ zu kümmern. Und ich finde, die Zusammenarbeit mit Meier und Rizzo wie auch Geschäftsführer Thomas Schönberger funktioniert gut.

Welche Spieler verlassen den FCZ?
Die auslaufenden Verträge von Kajevic, Malloth, Raphael Koch und Maurice Brunner verlängern wir nicht.

Was geschieht mit Marco Schönbächler, der ebenfalls am Vertrags­ende steht und ablösefrei ist?
Wir haben ihm vor acht Monaten eine ­Offerte gemacht, sie ist pendent.

Es ist doch klar, dass er den FCZ verlässt.
Ich sitze nächste Woche noch einmal mit seinem Berater zusammen.

Wie sieht die Zukunft des degradierten Goalies David Da Costa aus?
Es wird eine einvernehmliche Lösung zwischen ihm und dem FCZ geben. Ich sehe da wenig Probleme.

Also wird er nicht mehr für den FCZ spielen?
So ist es. Und es geht ja auch darum, dass er seine Fussballerkarriere in ­einem anderen Verein fortsetzen kann.

In welchem Fall ist die kommende Saison für den FCZ eine ­erfolgreiche?
Es gibt sicherlich zwei übergeordnete Ziele: Wir wollen in der Super League vorne mitspielen, und wir wollen wieder in den Europacup.

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