GC und die Wahrheiten aus der Stadionbeiz

Präsident Anliker kritisiert den entlassenen Sportchef Thoma heftig und sagt, dass es der finanziell angeschlagene Club im Budgetprozess nicht immer so genau genommen habe mit den Zahlen.

Viele Sorgen: GC-Präsident Stephan Anliker äussert sich im Stadionrestaurant des FC Aarau zu den Problemen.

Viele Sorgen: GC-Präsident Stephan Anliker äussert sich im Stadionrestaurant des FC Aarau zu den Problemen.

(Bild: Keystone)

Ueli Kägi@ukaegi

Die Frau, die eben durch die Toilettentür kommt, wundert sich über den Andrang in der Stadionbeiz des FC Aarau. Gegen 20 Reporter sind hierhergekommen, um zu erfahren, wie es mit den Tumulten bei GC in die nächste Runde geht. Am frühen Abend wird sich GC mit einem 1:0 in Aarau den Ligaerhalt sichern. Aufregender ist, dass die Clubführung knapp eine Stunde vor Matchbeginn darüber informiert, weshalb sie am Freitag Sportchef Axel Thoma entlassen hat nach nur sieben Monaten gemeinsamer Arbeit.

Stephan Anliker formuliert heftige Vorwürfe: Thoma habe kein Konzept gehabt für die Mannschaft der kommenden Saison, er habe keine Vertragsverlängerungen zustande gebracht und keine neuen Spieler verpflichten können. Er habe keine Vorschläge Dritter angenommen, sei auf dem GC-Campus ein Einzelgänger geblieben und insgesamt an der Vielfältigkeit der Aufgabe gescheitert. Für die Challenge League – oder wie Anliker sagte: «Nationalliga B» – habe es Thoma als Sportchef gereicht. In der Super League, die mehr Qualitäten verlange, sei er hingegen nicht zurechtgekommen.

Die Notbremse wegen Axel Thomas Versagen

Im vergangenen Spätherbst hatte Anliker noch mit den schönsten Worten über Thoma geredet. Jetzt will er in Gesprächen im März und April das Gefühl bekommen haben, dass Thoma den Ansprüchen des Clubs nicht genügen könnte. Mit der sofortigen Freistellung habe der Club nun die «Notbremse gezogen». Das sei möglicherweise zu spät passiert, weil sich die Führung vielleicht habe blenden lassen von Thomas Leistungen beim FC Wil.

Es sind erstaunliche Worte gegen den 50-jährigen Deutschen, der sich in acht Jahren als Sportchef und Trainer in Wil einen ausgezeichneten Namen gemacht hat. Der in dieser Zeit immer wieder beweisen konnte, dass mit wenig Geld gute Spieler zu finden sind. Der mitverantwortlich war, dass Fabian Schär innert kürzester Zeit von der Challenge League bis in die Nationalmannschaft aufsteigen konnte. Der mehr als 20 Spieler von der zweithöchsten in die höchste Liga gebracht hat.

Bei GC geriet Thoma in die Kritik wegen des Transfers von Brown, der mit einem Dreijahresvertrag aus Wil gekommen ist und bei Trainer Pierluigi Tami nicht einmal mehr im Kader steht. Oder für den Kontrakt mit Aussenverteidiger Lüthi, der sich ohne Wissen von Verwaltungsrat und Tami automatisch um zwei Jahre verlängert hat. Offenbar war auch das Verhältnis zwischen Thoma und Tami schwer belastet, wobei der Tessiner Chefcoach die Freistellung seines direkten Vorgesetzten mit keinem Wort kommentieren will.

Es bleiben aber Zweifel, dass die Grasshoppers Thoma allein wegen «Vorwürfen gegen das Resultat und der Systematik seines Arbeitens» (Anliker) freigestellt haben. Viel schwerwiegender könnte sein, was Anliker nur anklingen lässt. Er ist zuversichtlich, dass GC den bis 2017 gültigen Vertrag vorzeitig auflösen kann und sich der finanzielle Schaden für den Verein in Grenzen hält. Möglich kann das nur sein, wenn sich Thoma gröbste Verfehlungen geleistet hat. Anliker sagt nicht mehr als das: «Wir gehen davon aus, gute Chancen zu haben, aus diesem Vertrag rauszukommen.»

Bei GC hat sich in Thomas Umfeld Giacomo Petralito bewegt, ein Spielervermittler von zweifelhaftem Ruf, der einst einen unliebsamen Fussballjournalisten tätlich angegriffen hat. Mindestens in einem Fall sass Petralito mit GCMandat am Verhandlungstisch, als Thoma für GC einen Spieler verpflichten wollte. Zur Rolle Petralitos befragt, antwortete Anliker gestern: «Er war Thomas Berater.» Und schiebt nach: «Aber Danke für Ihre Frage.» Was das heisst? Auch darauf wollte er nicht genauer eingehen. Und Thoma reagiert nicht auf Anfragen.

Im Februar stand GC vor dem Ruin: Es fehlten drei Millionen

Interimssportchef soll jetzt der ehemalige GC-Junior und bisherige Geschäftsführer Manuel Huber sein. Anliker ist sicher, dass der 27-Jährige der Aufgabe gewachsen ist, und sagt mit lauter Stimme: «Unterschätzt mir den Huber nicht.» Er schiebt auch nach, dass GC bald Spielermutationen bekannt geben werde. Und er ärgert sich über die ständigen Spekulationen – «es ist wahnsinnig» –, dass Erich Vogel wieder mitbestimme über den Kurs bei GC. Da sei überhaupt nichts dran, «jetzt hört endlich auf». Es fällt Szenekennern allerdings schwer, zu glauben, dass der 76-jährige ehemalige GC-Manager Vogel keinen Einfluss mehr hat. Die Frage ist höchstens, wie gross dieser Einfluss ist. Vogel will sich nicht äussern. Ende Februar soll der Rekordmeister kurz davor gewesen sein, bankrottzugehen, ihm fehlten drei Millionen Franken, so sagt das ein Insider, ein Gönner musste den Fehlbetrag einschiessen. Waghalsig ist, was Anliker im Brügglifeld zur finanziellen Situation einfällt. Er sagt, der Club habe in jüngerer Vergangenheit immer wieder ein «gefaktes» (Anliker) Budget gehabt. Dieses Mal aber sei alles korrekt gelaufen. Diese Aussage könnte ein Verfahren der Liga nach sich ziehen, das Budget ist im Lizenzierungsverfahren entscheidend.

Die Ausgaben will GC gemäss Anliker von 28 Millionen (Saison 2013/14) über 24 Millionen (laufende Spielzeit) auf 20 Millionen senken. Das erwartete Defizit betrage in der kommenden Saison noch immer drei Millionen. Es bürgen dafür Peter Stüber, Chef der Mercedes Benz Automobil AG. Sowie Gartenbauer Heinz Spross. So hat das der «Tages-Anzeiger» berichtet. Die zwei seien wichtige Geldgeber, bestätigt Anliker, doch es gebe noch andere Gönner.

Die Zahl der Owner sinkt: Es sind jetzt weniger als zehn

Spross und Stüber sind mit Vogel seit vielen Jahren befreundet. Nehmen die beiden keinen Einfluss auf Personalentscheide – trotz ihrem grossen finanziellen Einsatz? Spross schreibt auf Anfrage, dass die Entlassung von Thoma «vollumfänglich von der aktuellen Führung» gefällt worden sei, «so muss es übrigens auch sein». Ob das auch sonst gilt bei wichtigen Entschlüssen?

Gut informierte Kreise berichten, dass GC-Verantwortliche bei Personalentscheiden oder in Transferfragen Vogels Meinung oder Ratschlag einholen. Und sie glauben auch, dass der Aufstieg von Georges Perego in den GC-Verwaltungsrat auf den Einfluss von Stüber und Spross zurückgeht, die Perego als Vertrauensperson sehen. Perego war jahrelang in leitender Funktion bei den Grasshoppers und hat sich dabei einen guten Ruf erarbeitet.

Anliker erwartet vom GC der Zukunft einen Platz im vorderen Mittelfeld. Er erwartet auch, dass der Club in einem Jahr ohne Defizite wirtschaftet, weil es doch gelingen müsse, mit der Ausbildung und Förderung eigener Spieler jedes Jahr einen Transferüberschuss von 5 oder 6 Millionen Franken zu erwirtschaften. Ausser Dabbur sind im aktuellen Kader allerdings keine Spieler zu sehen, die sich dereinst mit Millionengewinn verkaufen lassen. Und bei den Ownern, den GC-Geldgebern, die jährlich je 250'000 Franken beisteuern, schrumpft die Unterstützung. Es sind nicht mehr 14, 15 Personen, die sich verpflichtet haben. Es sind jetzt nur noch 8 oder 9.

SonntagsZeitung

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