«Guardiola kannst du um 3 Uhr anrufen, um über Taktik zu reden»

Seit zwei Jahren spielt Arjen Robben bei Bayern München auf hohem Niveau, er führte Holland zu WM-Rang 3. Damit liess er die hartnäckigen Kritiker verstummen.

Er habe hart an sich gearbeitet und sei jetzt stärker und robuster als früher, sagt Arjen Robben. Foto: Getty Images

Er habe hart an sich gearbeitet und sei jetzt stärker und robuster als früher, sagt Arjen Robben. Foto: Getty Images

David Wiederkehr@DavidWiederkehr

Es ist ein ruhiger Tag in München, als ­Arjen Robben eine kleine Runde internationaler Journalisten empfängt – was auch immer «ruhig» in der Medienstadt München bedeutet. Es ist der Tag, an dem der FC Bayern die Verpflichtung von Verteidiger Mehdi Benatia bekannt gibt, für nicht weniger als 30 Millionen Euro hat er den Marokkaner von der AS Roma geholt. Und Robben spricht aus, was viele Fans ebenfalls dachten, als sie von diesem bemerkenswerten Transfer erfuhren: «Ich kenne Benatia nicht.»

Es ist zudem der Tag vor der Wahl von Europas Fussballer, bei der Cristiano Ronaldo Robben sowie dessen Teamkollege Manuel Neuer schlagen und nun auch diese Trophäe erstmals gewinnen wird. Für Robben bedeutet die Nominierung eine weitere Flugreise: von München nach Nizza und per Helikopter weiter nach Monaco – und am ­selben Abend wieder zurück.

Viel Zeit fürs Training bleibt da nicht, aber ein Problem scheint das nicht zu sein für den 30-jährigen Holländer. Er ist in der Form seines Lebens. Ins Startspiel der Bundesliga gegen Wolfsburg ging ­Robben, nachdem er in den Vorbereitungsspielen ganze 4 Minuten absolviert hatte. Trotzdem war er fast ganz der Alte: Er führte Bayern zu einem – ­allerdings harzigen – 2:1-Auftaktsieg.

Brauchen Sie ­überhaupt zu ­trainieren?
Anscheinend nicht (lacht). Ich war selber sehr überrascht, in welch guter Form ich gegen Wolfsburg schon war. Ich war sowohl physisch als auch spielerisch in der Lage, 90 Minuten zu spielen. Das hätte ich nicht erwartet.

Mit dem Auswärtsspiel auf Schalke steht am Samstag gleich früh in der Saison ein Klassiker an.
Auf dieses Spiel freue ich mich sehr. Es ist für uns als Mannschaft sehr wichtig, gut zu starten und in den Rhythmus zu kommen. Dass wir weiterhin siegen. Wir haben hohe Ziele auch in dieser Saison, es ist darum wichtig, von Anfang an ­regelmässig zu gewinnen.

Zumal die Champions League ein halbes Heimspiel bietet: Der Final findet im Mai in Berlin statt.
Ohne arrogant wirken zu wollen: Wenn man sich unsere Mannschaft anschaut, muss es das Ziel sein, wieder den Champions-League-Final zu erreichen. Mir ist bewusst, wie schwer das sein wird, aber wieso sollten wir uns den Viertelfinal zum Ziel setzen? Hohe Ziele sind wichtig. Ich will ­unbedingt noch einen Champions-­League-Titel anhängen.

Haben Sie je in einem stärkeren Team gespielt als momentan?
Nein. Seit ich hier bin (2009), ging es mit dem Club ständig aufwärts. Es ist grossartig, das mitzuerleben. Die letzten beiden Jahre waren grandios, und wenn ich das Team jetzt anschaue, sieht es gut aus für die Zukunft. Zumal wir keine ­Angewöhnungszeit an den neuen Trainer mehr brauchen. Wir kennen einander. Das war vor einem Jahr noch anders.

Hat der FC Bayern unter Pep ­Guardiola nochmals einen ­spürbaren Schritt vorwärts gemacht?
Natürlich, er ist einer der besten Trainer überhaupt.

Der beste, den Sie je hatten?
Einer der besten. Zusammen mit Louis van Gaal (bis diesen Sommer Hollands Nationaltrainer) hat er mich dahin ­gebracht, wo ich jetzt bin. Was Taktik angeht, ist Guardiola der Beste. Du kannst ihn morgens um 3 anrufen, um mit ihm über Taktik zu reden.

Haben Sie das schon versucht?
Um 3 Uhr morgens schlafe ich (lacht). Guardiola lebt und atmet Fussball, er denkt ständig darüber nach, wie er den Gegner überraschen könnte. Im Cup­final gegen Dortmund war ich zentraler Stürmer, man stelle sich das vor. Das war ich vorher noch nie.

Bayern hat auf diese Saison hin zwar Kroos und Mandzukic verloren, dafür Lewandowski und Benatia geholt und am Freitag auch noch Xabi Alonso. Die Ambitionen des Clubs scheinen überirdisch.
Es ist doch normal, dass ein Club wie Bayern die besten Spieler holen will. Andere Mannschaften versuchen das auch. Ich mag es, dass wir ein so breites Kader haben. Wir brauchen diese Qualität in unserer Mannschaft. Es stehen viele Partien an, wie viele das sein können, ­haben wir letzte Saison gesehen.

Einige Topstars werden so aber gar nicht jedes Mal mitspielen können und gar auf die Tribüne müssen.
Vielleicht ist es gar nicht schlecht, den ­einen oder anderen Spieltag auszuruhen. Konkurrenzkampf gehört dazu. Wer ­damit nicht umgehen kann, soll gehen.

Wo ist in dieser Fülle der Superstars der Platz für Xherdan Shaqiri?
Es ist noch jung und hat sich gut ent­wickelt. Er muss aber weiterarbeiten. Shaqiri ist ein talentierter Mittelfeldspieler, seine Zukunft sieht gut aus. Obwohl er nicht so oft gespielt hat, hat er bewiesen, dass er dem Team etwas bringen kann. Aber klar: Wenn er das Gefühl hat, an ­einem anderen Ort mehr spielen zu können, muss er eine Entscheidung treffen.

Fast zwei Monate sind seit der WM vergangen, seit dem gewonnenen Spiel um Platz 3 gegen Brasilien. Wie haben Sie die Zeit verbracht?
Mit meiner Frau und den Kindern ging ich in die Karibik. Wir haben aus­gespannt, und zwar komplett. Ich wollte so viel Zeit wie möglich mit der Familie verbringen und den Fussball vergessen. Es war eine sehr lange Saison gewesen.

Wie zufrieden waren Sie mit Ihrem Abschneiden in Brasilien?
Ich war sehr stolz auf das, was wir ­erreicht haben, und auch zufrieden mit meinen persönlichen Auftritten. Wir ­waren ein junges Team und hatten nicht zu den Topfavoriten gezählt. Es war an uns älteren, erfahrenen Spielern gelegen, Verantwortung zu übernehmen und die Mannschaft mitzuziehen. Das ist uns, finde ich, ganz gut gelungen. Wir hatten eine grossartige Atmosphäre, ­einen guten Teamspirit. Ich habe es ­genossen. Spielerisch fehlt uns aber noch etwas, um Deutschland zu fordern.

Mögen Sie die Rolle als Leader?
Ja. Und ich mag sie nicht, damit man mir nachher auf die Schultern klopft, wenn es gut gegangen ist. Ich mag die Rolle als Leader, weil ich den Jungs wirklich helfen möchte. Spielen sie dann dank meiner Tipps besser, macht mich das glücklich. Das sieht man ja jetzt. Vor der WM spielten viele der Jungen in Holland, nach der WM ging einer zu Porto (Bruno Martins Indi), einer nach Newcastle (Daryl Janmaat), einer zu Lazio (Stefan De Vrij). Das haben sie sich verdient.

Wie ausgeprägt ist Ihre Position bei den Bayern?
Im holländischen Nationalteam ist sie ausgeprägter. Bei Bayern hat es so viele gute Spieler, dass ich niemandem zu ­sagen brauche, wie er Fussball spielen soll (lacht). Ich bin einfach, wie ich bin, und wenn ich auf dem Feld bin, will ich gewinnen. Schön, wenn das meine Teamkollegen anspornt. Mag sein, dass ich auf diese natürliche Weise in die Leaderrolle hineingewachsen bin. Aber ich machte mir darüber keine spezielle Gedanken.

Waren Sie je stärker als in der ­vergangenen Saison?
Ich geniesse es, Fussball zu spielen, und fühle mich momentan wie im Himmel, was meine physische, mentale und auch spielerische Verfassung betrifft. Es ist perfekt, und ich habe beispielsweise keine Sekunde daran gedacht, meine Karriere im Nationalteam zu beenden.

Wenn Sie sich zurückerinnern, wie Sie vor fünf Jahren zu Bayern kamen: Wie würden Sie sich mit damals vergleichen?
Es war ein wichtiger Schritt in meiner Karriere, zu den Bayern zu gehen. Ich hatte vorher ja bei grossen Vereinen ­gespielt, bei Chelsea oder Real Madrid. Den letzten Schritt in die Weltspitze habe ich aber erst mit dem Wechsel nach München gemacht. Gleich im ersten Jahr gewannen wir in Deutschland das ­Double und erreichten den Champions-­League-Final, dazu habe ich meinen Teil beigetragen.

Und die Entwicklung als Spieler, als Person?
Ich habe mich weiterentwickelt, in beiderlei Hinsicht. Ganz besonders glücklich macht mich die Entwicklung in den vergangenen zwei Jahren. Ich hatte stets einige Probleme mit meinem Körper, war immer wieder verletzt. Das war auch bei den Bayern so, aber hier war es eher Pech als die Schuld eines schwachen Körpers. Ich bin stärker geworden und robuster. So konnte ich in den letzten eineinhalb, zwei Jahren auf einem konstanten Niveau spielen, ohne zweifeln oder Angst haben zu müssen. Mit Rhythmus wird man als Spieler automatisch besser.

Stieg damit auch die Anerkennung?
Ich finde, ja. Es wird wahrgenommen, dass ich seit einiger Zeit und über eine längere Zeitdauer auf meinem höchsten Level spiele. Früher war ich nach vier Monaten schon wieder verletzt.

Wie nehmen Sie den gestiegenen Respekt denn wahr?
Zum Beispiel mit der Nomination für die Wahl zum Fussballer Europas. Das war für mich die Bestätigung. Ich betrachtete dies als Kompliment, als Belohnung.

Haben Sie für diese Entwicklung etwas an Ihrem Lebensstil geändert, an Ihrer Lebensweise?
Nein, gar nicht. Ich denke, dass es viel mit dem Champions-League-Final 2013 zu tun hat. Es ist der Titel, den ich am meisten wollte. Ein Jahr zuvor habe ich beim Final in München einen Penalty verschossen, und am Ende verloren wir. Das wollte ich unbedingt wiedergutmachen. Und ich denke, es hat viel mit dem neuen Trainer zu tun. Er hat mir gesagt, dass ich mich bereits bewiesen und dass ich allen meine Qualitäten gezeigt habe. Dass ich jetzt den Fussball einfach geniessen solle. So einfach war es vielleicht.

Wie schwierig war es, nach den verschiedensten Enttäuschungen zurückzuschlagen? Der Fehlschuss im WM-Final 2010, die verlorene Meisterschaft und der Champions-­League-Final 2012, die Pfiffe der Bayern-Fans gegen Sie in einem Freundschaftsspiel gegen das ­holländische Nationalteam, die schlechte EM mit Holland . . .
Die sehr schlechte EM sogar . . . . . . das Aus nach 3 Niederlagen . . .

Es war eine harte Zeit, doch ich habe nicht aufgehört, an mich zu glauben, und mich schliesslich zurückgekämpft. Seit dem Sommer 2012 bin ich stärker, so ­gesehen war das wie ein Neuanfang. Ich habe trotz der Enttäuschungen an mich geglaubt, habe hart gearbeitet wie zuvor, und der Lohn dafür war der Final der Champions League 2013 gegen Dortmund. Das entscheidende Tor. Ich finde, das ist doch eine hübsche Geschichte.

War auch mentale Arbeit nötig, um die Enttäuschungen zu überwinden?
Im Sinne von professioneller Arbeit – nein. Ich kann das ganz gut selber oder in Gesprächen mit meiner Familie oder Freunden.

Mit Ihrer Spielweise polarisieren Sie. Werden Sie generell härter kritisiert als andere Spieler?
Nein, ich finde nicht.

Nun: Ihnen wurde in der Nachspielzeit des WM-Achtelfinals gegen Mexiko eine Schwalbe vorgeworfen, obschon Sie klar gefoult worden waren – der Penalty führte ­schliesslich zum späten Siegtor.
Vielleicht habe ich mich der Kritik ausgesetzt, weil ich zu ehrlich war. In der ersten Halbzeit hatte ich eine Schwalbe gemacht und mich nach dem Spiel dafür entschuldigt. Vielleicht hatten einige Leute das Gefühl, ich meine die Szene ganz am Schluss.

Sie wurden deswegen ­Schwalben­könig genannt.
Die Bilder sprechen ja für sich. Das erste war eine Schwalbe, die aber keinen Einfluss auf das Spiel hatte. Das zweite war ein Penalty. Darum bereue ich meine Entschuldigung auch nicht, obwohl mich einige wohl falsch verstanden haben. In Mexiko habe ich momentan vielleicht nicht so viele Freunde, aber was solls, das ist Teil des Fussballs. In den Ferien habe ich Mexikaner getroffen, sie waren sogar ganz freundlich zu mir.

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