«Ich wollte Yakin in keiner Weise angreifen»

Marco Streller und Basel können sich heute Abend auf Schalke in die Achtelfinals der Champions League spielen. Der Captain sagt, was er von der Kritik an Trainer Murat Yakin hält.

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Marco Streller, nach unserem Wissen fahren Sie Porsche.
Das ist richtig. Ich war Spieler beim VfB Stuttgart, da kommst du mit dieser Marke fast automatisch in Berührung. Daneben fahre ich allerdings auch VW.

Würden Sie den Porsche einsetzen, um aufs Weiterkommen gegen Schalke zu wetten?
Nein, weil ich grundsätzlich nicht wette. Das soll aber nicht bedeuten, dass ich nicht überzeugt bin, dass wir gegen Schalke gewinnen können. Wir bewegen uns auf Augenhöhe.

Schalke hat ein Grundbudget von rund 100 Millionen Franken, bei Basel sind es 45 Millionen. Warum glauben Sie, dass sich die Clubs auf Augenhöhe bewegen?
Wir sahen das beim Hinspiel. Die Schalker hatten sehr viel Respekt vor uns, traten defensiv auf und wären auch mit einem Punkt zufrieden gewesen. Leider haben sie gewonnen. Aber klar: Schalke hat ein Heimspiel und ist darum Favorit.

Wie gross wäre die Enttäuschung, sollten Sie doch noch scheitern?
So, wie die Konstellation jetzt ist, wäre sie gross (ein Remis würde reichen, die Red.). Es darf aber nie selbstverständlich werden, dass wir uns für den Champions-League-Achtelfinal qualifizieren.

Macht es die Ausgangslage noch spezieller, dass es gegen ein grosses deutsches Team geht?
In England haben wir mit den Siegen über Manchester United, Chelsea oder dem Weiterkommen gegen Tottenham unsere Visitenkarte deponiert. Gegen eine deutsche Mannschaft fehlt uns das. In der Bundesliga wird die Schweiz noch immer belächelt. Nun können wir uns bei einem Traditionsclub für den Achtelfinal qualifizieren. Das wäre grossartig.

Auch, weil Sie sich als Fussballer in Deutschland nicht durchsetzen konnten?
Ich habe auch schöne Erfolge gefeiert in der Bundesliga. Aber es stimmt schon, dass ich in Deutschland nicht den besten Marco Streller gezeigt habe. Deswegen habe ich aber keine Rachegelüste.

Wie schafft es der FCB im Gegensatz zu allen anderen Schweizer Clubs immer wieder, bereit zu sein, wenn es darauf ankommt?
Nach unserer ersten Champions-League-Kampagne mit Thorsten Fink, die nicht sehr erfolgreich war, sagte er: «Wir werden daraus lernen. Das bringt uns weiter.» Wir haben in der Vergangenheit gerade auch aus Niederlagen die richtigen Schlüsse gezogen und mit unseren Siegen Selbstvertrauen gewonnen. In der Schweiz haben wir schon länger bewiesen, dass wir in den wichtigen Spielen einfach da sind. Das ist inzwischen auch international der Fall. Der Glaube an unsere Stärke ist immens.

Die ständigen Erfolge lassen das Publikum fast erwarten, dass der FCB sich immer wieder übertrumpft.
Das ist eine gefährliche Erwartungshaltung, aber natürlich befassen wir uns mit diesen Fragen auch selbst. Wir spielen im Achtelfinal der Champions League gegen Bayern und werden Meister. Dann erreichen wir den Halbfinal in der Europa League und werden wieder Meister. Nach einem Achtelfinal käme der Viertelfinal. Dass dies möglich ist, daran glaube ich. Aber danach würden wir ja bald einmal vom Final reden. Das wäre vermessen.

Sind die Erwartungen zu gross geworden?
Es gibt unter unseren Fans einige, die noch die Zeiten in der Nationalliga B erlebt haben. Viele kennen den FCB aber nur aus den letzten zwölf Jahren, als sehr erfolgreichen Fussballclub. Um die Erwartungen wieder etwas zu dämpfen, rein emotional, müssten wir fünf Jahre lang nicht Meister werden. Aber das will von uns natürlich keiner. (lacht)

Eine Begleiterscheinung des Erfolgs ist, dass Spieler weggekauft werden und der FCB ständig neue Mannschaften aufbauen muss. Macht Sie die Entwicklung junger, aufstrebender Spieler glücklich oder unglücklich, weil Sie bereits den nächsten Abgang befürchten müssen?
Ich sehe das mit gemischten Gefühlen. Die Super League bleibt eine Ausbildungsliga. Wir müssen uns damit arrangieren, dass uns die besten Spieler weggekauft werden. Und unsere Vereinsführung kompensiert das hervorragend. Wir halten die Qualität, obschon uns laufend die besten Spieler verlassen, in den vergangenen Jahren etwa Huggel, Frei, Abraham, Shaqiri, Xhaka, Dragovic und Inkoom. Andere sind dazugekommen, Fabian Frei oder Stocker sind in die Führungsrollen hineingewachsen. Auch Salah, Diaz oder Schär haben sich nahtlos eingefügt. Und was alle Neuen eint: Sie waren noch nicht gesättigt, sie haben den Hunger nach Erfolg mitgebracht.

Die ständige Erneuerung als Grund für den fortwährenden Erfolg?
Ja. Ich erlebe die Rochaden als belebend.

Mohamed Salah wird wohl als Nächster gehen.
Dass ein Spieler wie er Begehrlichkeiten weckt, ist ganz klar. Aber dafür wird der FCB auch sehr gut bezahlt werden.

Wird Salah nach den 14 Millionen Franken von Bayern München für Xherdan Shaqiri der neue Rekordtransfer?
Davon gehe ich aus.

Kann es Basel helfen, dass Schalke nach enttäuschenden Bundesliga-Resultaten in der Kritik steht?
Schalkes-Trainer Keller stand in der Vergangenheit immer wieder in der Kritik – und hat sich immer wieder befreit. Uns geht die Trainerdiskussion auf Schalke nichts an, und wir dürfen nicht erwarten, dass die Mannschaft schwächelt. Schalke hat in der Offensive hervorragendes Personal, Schalke ist aber auch ein Team, das viele Gegentore zulässt, dem wir also Schmerzen zufügen können.

Der FC Basel hat sportlichen Erfolg auf allen Ebenen, doch auch bei ihm gibt es eine innere Unruhe, Trainer Murat Yakin steht seit Wochen in der Kritik. Weshalb?
Ich weiss es nicht. Vielleicht waren wir zu erfolgreich in der Vergangenheit. Die Probleme, die wir jetzt haben, sind hausgemacht. Sie werden aus dem Innern des Vereins, aus dem Innern der Mannschaft nach aussen getragen. Ich habe die Unruhe in den jüngsten Tagen allerdings nicht mehr als so gravierend empfunden wie in den Wochen davor.

Am Beginn der Unruhen standen Sie, weil Sie sich mit Murat Yakin nicht einig waren über Ihre Auswechslung beim dritten Gruppenmatch in Bukarest.
Ich habe es aber damals am Tag nach dem Spiel kommuniziert: Ich bin kein stolzer Pfau, der Probleme damit hat, wenn er ausgewechselt wird. Ich wollte nur nicht, dass es so aussieht, als ob ich mein Team im Stich gelassen hätte. Ich musste nicht ausgewechselt werden wegen einer angeblichen Verletzung (wie es Yakin behauptet hatte, die Red.). Dass daraus eine Unruhe entsteht, hätte Murat und mir bewusst sein müssen.

Seit diesem Vorfall tragen anonymisierte Spieler in regelmässigen Abständen via Medien Kritik vor gegen Yakin. Nervt Sie das?
Es gehört ein Stück weit zum Geschäft, doch es war mir zwischenzeitlich zu viel Unruhe. Es ist nicht förderlich, wenn Interna den Mannschaftskreis verlassen. Dagegen müssen wir aktiv werden.

Sie haben auch nicht den Ruf, grösster Fan von Murat Yakin zu sein.
Wie kommen Sie darauf?

Schon nach dem Heimspiel gegen Schalke haben Sie die taktische Ausrichtung kritisiert.
Es ist mir klar, dass in der aktuellen Situation sehr viel hineininterpretiert wird. Nach dem Schalke-Spiel wollte ich Yakin in keiner Weise angreifen. Wenn ich sage, dass wir zu vorsichtig waren, dass wir etwas forscher hätten in die Zweikämpfe gehen und etwas höher hätten stehen sollen, meine ich damit die Mannschaft. Es wäre an uns Spielern gelegen, korrigierend einzugreifen.

Die Bayern haben einen Maulwurf. Beim FC Basel haben wir das Gefühl, es seien mehrere Maulwürfe.
(lacht) Dieses Geschäft bringt es halt mit sich, dass es unzufriedene Spieler gibt – vor allem wenn es in einem Kader wie bei uns 16 Nationalspieler hat, die spielen möchten. Da ist es für Sie als Journalisten ein gefundenes Fressen, an diese Spieler ranzukommen. Aber: Aufgrund unserer sportlichen Erfolge dürfen diese Probleme nicht in den Vordergrund treten.

Die formulierten Vorwürfe gegen Yakin reichen von ungenügender Kommunikation über den Umgang mit den Degen-Zwillingen und seine kompromisslose Art bis zur taktischen Überforderung der Spieler. Welche Kritik ist gerechtfertigt?
Wenn wir den Erfolg anschauen, ist gar keine Kritik gerechtfertigt. Wir können uns alle supergern haben und Fünfter sein – davon hat nur niemand etwas. Ich habe beispielsweise die Kritik mitbekommen, dass Yakin ein zu strenger Trainer sein soll. Ich mache aber ganz andere Erfahrungen mit ihm. Ja, er stellt im taktischen Bereich hohe Ansprüche an uns. Ein Blick auf die Resultate zeigt aber: Er hat Erfolg damit.

Ist Yakin im Umgang mit Spielern zu kompromisslos, zu unnahbar?
Das finde ich nicht, überhaupt nicht. Mit ihm können wir Spieler sehr gut reden, seine Tür steht immer offen. Ich komme gut mit ihm aus, ich bin sein Captain und spüre sein Vertrauen.

Sind Sie sicher, dass er nach der Winterpause noch FCB-Trainer ist?
Da bin ich die falsche Ansprechperson.

Wäre die Clubleitung von Yakin überzeugt, hätte Sie einmal ein klares Statement abgegeben.
Ihr Statement war, dass sie sich mit Yakin in der Winterpause zusammensetzt. Das gilt es zu respektieren.

Bei der Beurteilung des Trainers wird es nicht anders sein als sonst: Ihr Wort hat Gewicht bei der Vereinsführung. Wie sehr?
Sicher nicht so sehr, um zu entscheiden, wer Trainer sein soll. Ich bin verantwortlich für meine Mitspieler, bin ihre Ansprechperson und versuche, Probleme irgendwelcher Art zu lösen, wenn das verlangt ist. Das tun Murat Yakin und ich auch. Ich habe zu ihm ein gutes Verhältnis, wie ich zu Bernhard Heusler (Präsident) und Georg Heitz (Sportdirektor) ein gutes Verhältnis habe. Es besteht auf allen Seiten grosses Vertrauen.

Tages-Anzeiger

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