Lehrgeld gezahlt

Die Schweizer Fussballerinnen haben in den vergangenen Jahren ihre Grenzen verschoben und neue Höhen erreicht. Das Aus im WM-Achtelfinal wird sie weiter antreiben.

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David Wiederkehr@DavidWiederkehr

Grosses haben sie sich vorgenommen, entsprechend flossen nun die Tränen. Verloren. Ausgeschieden. Gescheitert. Statt die Viertelfinals zu erreichen, fliegen die Schweizerinnen heute Montag heim. So haben sie das Minimalziel Achtelfinal erreicht, mehr jedoch lag nicht drin. Die Olympiaqualifikation, insgeheim angestrebt, lag für die WM-Debütantinnen erst recht in weiter Ferne.

Die Schweizerinnen haben Lehrgeld gezahlt in Kanada. Erkannt, dass sie an einem guten Tag selbst mit einem Spitzenteam wie Titelverteidiger Japan mithalten können. Dass sie sich deutlich abheben von Kleinen wie Ecuador. Dass aber ein Gegner wie Kamerun, die Nummer 53 der Welt, schon zu gross sein kann. Gerade in jener Vorrundenpartie, der abschliessenden, bekamen sie schmerzhaft aufgezeigt, wie viel ihnen tatsächlich noch fehlt.

Kanadas Routine hat entschieden

Wegen jener Niederlage trafen sie nun im Achtelfinal auf Kanada – die schliesslich zu hohe Hürde. Viel hatten sie sich vorgenommen, «das Heimteam zum Schwitzen bringen» wollten sie, wie Trainerin Martina Voss-Tecklenburg sich ausgedrückt hatte. Und je länger das Spiel dauerte, desto mehr hatten sie Kanada, wo sie es haben wollten. Die Gastgeberinnen wankten, aber fielen eben nicht. Sie haben dank ihrer Routine gesiegt.

Diese Routine ging dem WM-Neuling aus der Schweiz freilich ab. Aber er hat, vor 53'855 euphorisierten Zuschauern in Vancouver, am Duft der grossen, weiten Fussballwelt geschnuppert. Dieser Auftritt wird Lust auf mehr machen, Mut geben, noch mehr Selbstvertrauen, die Spielerinnen werden ihre Lehren aus dem Scheitern ziehen wie die Trainerin.

In den dreieinhalb Jahren seit dem Amtsantritt der ehrgeizigen Deutschen hat das Nationalteam wohl in spielerischer Hinsicht enorme Fortschritte gemacht – viel mehr noch aber hat sich die Mentalität verändert. Haben sich die Grenzen verschoben. Talentierte Fussballerinnen hatte die Schweiz stets in den vergangenen zehn Jahren. Allein: Es fehlte am Glauben an sich selbst.

Italien oder Dänemark überflügelt

Natürlich: Geholfen hat der Schweiz die Aufstockung des WM-Teilnehmerfeldes von 16 auf 24. Einem Italien, Dänemark oder Island wiederum hat es das aber nicht, einigen Teams also, die vor nicht langer Zeit vor den Schweizerinnen einzureihen waren. Sie waren in Kanada nicht dabei. Den Schweizerinnen ist es gelungen, grosse Teile des Rückstandes auf die Topnationen wettzumachen. Sie können jetzt Kanada oder Deutschland fordern und ein Team wie Schweden schlagen.

Künftig an jeder Endrunde dabei zu sein, das ist jetzt der Anspruch des Nationalteams. Dass es gegen Rückschläge noch nicht gefeit ist, hat die WM gezeigt. Für den ganz grossen Streich fehlte nicht zuletzt auch die Tiefe im Kader.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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