Mit der Fussballromantik ist es beim FC Thun vorbei

Sportredaktor Dominic Wuillemin sieht im Engagement der ausländischen Geldgeber etliche Chancen, aber auch Gefahren für den FC Thun.

FC-Thun-Präsident Markus Lüthi zeigte sich bei der Präsentation der Geldgeber am Dienstag erfreut.

FC-Thun-Präsident Markus Lüthi zeigte sich bei der Präsentation der Geldgeber am Dienstag erfreut.

(Bild: Christian Pfander)

Dominic Wuillemin

Wo ist der Haken? 500'000 Franken sind am 11. November aufs Konto des FC Thun geflossen, weitere 2,5 Millionen sind für den Club jederzeit in zwei Tranchen abrufbar. Die Finanzspritze kommt von der Pacific Media Group (PMG), einem von Amerikanern geführten Unternehmen mit Sitzen in Hongkong, Peking und Shenzhen.

Die Firma ist Besitzer des englischen Zweitligisten Barnsley. Ihre Anteile am OSG Nizza veräusserte die PMG kürzlich an Ineos, den Eigentümer des FC Lausanne-Sport. Der kolportierte Verkaufspreis: ein tiefer neunstelliger Betrag. Dieses Beispiel allein zeigt: Der ewig klamme FC Thun hat fortan einen potenten Partner. Einen, für den drei Millionen Peanuts sind. Die Geldsorgen ist er fürs Erste los.

Zu welchem Preis? Die Oberländer glauben, ihnen sei die Quadratur des Kreises gelungen, dass sie also den Fünfer und das Weggli hätten. Jahrelang suchten sie einen Investor, hatten mal seriösere und dann wieder weniger seriöse Kontakte, verhandelten mit David Degen über einen Einstieg, standen mit einem griechischen Spielervermittler vor Geschäftsabschluss.

Nun glauben die Thuner, endlich den perfekten Partner gefunden zu haben. Weil dieser weder eine Mehrheitsbeteiligung anstrebte noch plant, sich ins Alltagsgeschäft einzumischen. Und der gleichzeitig sämtliche Prüfungen mit dem Prädikat seriös bestand. Die Thuner können plausibel darlegen, warum sich das Investment nicht als Luftschloss erweisen dürfte.

Klar ist aber auch: Mit der Romantik ist es beim FC Thun vorbei. Fortan regieren die Zahlen. Sportchef Andres Gerber pflegte Transfers über sein Beziehungsnetz abzuwickeln, vorzugsweise kamen jüngere Schweizer Spieler aus hiesigen unterklassigen Ligen. Die menschliche Komponente war wichtig. Sie dürfte vermehrt in den Hintergrund rücken.

PMG ist im Fussball nach Vorbild des Hollywoodfilms «Moneyball» tätig: nach einer wahren Geschichte, in der Brad Pitt den Manager des Baseballclubs Oakland Athletics darstellt, der seine Spieler einzig aufgrund von statistischen Werten auswählt und so mit einem kleinen Budget beinahe gegen die reiche Konkurrenz triumphiert. PMG hat in den letzten Jahren im Fussball ein weltweites Verzeichnis an Spielerstatistiken aufgebaut, ein riesiges Scouting-Netzwerk. Thun profitiert ab sofort davon.

Das wird dazu führen, dass vermehrt Spieler aus dem Ausland ihren Weg ins Oberland finden werden. Vielleicht auch solche aus Barnsley. Die Identifikation der Zuschauer mit dem Club könnte darunter leiden. Zudem hat sich PMG bei Ein- oder Verkäufen von Spielern ab einer Million Franken ein Mitspracherecht ausbedungen. Der FC Thun gibt Souveränität ab. Das ist ein Haken.

Es ist allerdings einer, den die Thuner in Kauf nehmen mussten. Denn davon, dass sie als sympathischer Vorzeigeclub gelten, konnten sie sich nichts kaufen. Im Gegenteil: Sie balancierten in den letzten Jahren am Abgrund, mussten zu Spenden aufrufen und immer wieder ihre besten Spieler abgeben, damit sie nicht abstürzten.

Die Clubverantwortlichen erachteten die Gratwanderung zuletzt gar als endlos, weil die Aufstockung der Super League auf zwölf Teams, die bald kommen dürfte, zu tieferen Einnahmen führen könnte. Zudem zeichnet sich ab, dass die Solidaritätszahlungen der Uefa sinken. Unter diesen Umständen, sagt Präsident Markus Lüthi, wäre er an der nächsten Generalversammlung im Frühjahr 2020 zurückgetreten.

Jetzt ist alles anders, ist dieser Überlebensdruck weg. Lüthi soll in den letzten Wochen fast schon durch die Gänge der Stockhorn-Arena geschwebt sein, so erleichtert war er. Nur: Der sportliche Druck bleibt bestehen. Thun liegt mit neun Punkten am Tabellenende, der Nicht-Barrageplatz ist schon sechs Zähler entfernt. Ein paar neue Spieler im Winter garantieren kein Happy End. Was dann? Vielleicht verliert der Investor beim Abstieg die Lust. Für diesen Fall will sich Thun aber abgesichert haben: Ein Ausstieg der PMG ist nur erlaubt, wenn er für den Club nicht existenzbedrohend ist.

Das klingt gut. Fast zu gut, um wahr zu sein.

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