Thun wird von Servette gedemütigt

Der FC Thun geht gegen Servette 0:4 unter. Trainer Marc Schneider will alles hinterfragen.

  • loading indicator
Simon Scheidegger@theSimon_S

Marc Schneider hat vieles gesehen in seiner Karriere, über 300 Spiele als Profi absolviert. Vor sechs Jahren stiess der 39-Jährige als Trainer zum FC Thun, assistierte Urs Fischer, Ciriaco Sforza, Jeff Saibene und Mauro Lustrinelli während insgesamt 174 Partien, ehe er zum Chef befördert wurde.

Am Sonntag feiert Schneider so etwas wie ein Jubiläum, steht zum 90. Mal als Headcoach an der Seitenlinie des FC Thun, wobei «feiern» so gar nicht zur Einordnung passt, die Schneider für diese Partie gegen Servette liefert. «Das war der absolute Worst Case, das schlechteste Spiel seit ich beim FC Thun bin.» Bei diesen Worten bricht seine Stimme leicht, hinter ihm liegen intensive 90 Minuten, in denen er viel schrie, viel korrigierte, und am Ende doch leicht resigniert zur Kenntnis nehmen musste, dass seine Mannschaft gegen den Aufsteiger 0:4 verlor und absolut chancenlos war.

Das Thuner Unheil beginnt früh und nach einem Muster, das in den letzten Wochen öfters zu beobachten war. Guillaume Faivre spielt nach einer Viertelstunde einen Pass direkt in die Füsse von Miroslav Stevanovic, nachdem Nicola Sutter, der eigentliche Adressat des Zuspiels, ausgerutscht ist. Der Bosnier schlenzt den Ball gekonnt in die Ecke. Nur vier Minuten später stimmt bei einem Freistoss die Zuordnung in der Hintermannschaft der Oberländer überhaupt nicht. Steve Rouiller köpft ein.

Jubel für Stucki

«Nach 20 Minuten hätte ich etwa acht Spieler auswechseln können», sagt Schneider. Dies ist freilich reglementarisch nicht erlaubt, trotzdem versucht der Trainer von aussen Einfluss zu nehmen, bringt zur Pause Ridge Munsy und stellt auf zwei klassische Stürmer um. Und tatsächlich hat die Mehrheit der 6685 Zuschauer bald darauf Grund zum Jubeln. Das hat indes nichts mit dem Geschehen auf dem Rasen zu tun, sondern vielmehr mit demjenigen im Sägemehl. Als der Stadionspeaker durchgibt, dass Christian Stucki in Zug Schwingerkönig geworden ist, wird es erstmals laut in der Stockhorn-Arena.

Schwingen ist an diesem Nachmittag Trumpf, und geht es nach Stefan Glarner, dem Bruder von Schwingerkönig Matthias, hat zumindest seine Mannschaft nicht Fussball gespielt. «Ich weiss auch nicht, was wir gemacht haben. Wir sind nicht gelaufen, und haben keine Zweikämpfe gewonnen.» Der Captain steht am Ursprung der zwei besten Thuner Tormöglichkeiten, flankt in der ersten Halbzeit auf Simone Rapp und in der zweiten auf Munsy, wobei beide Stürmer ihre Kopfbälle neben das Tor und an den Pfosten fliegen sehen.

Es wären die zwei Chancen gewesen, welche den Thunern vielleicht den Weg zurück in die Partie hätten ebnen können. So folgt aber kurz vor dem Ende das, was Basil Stillhart in den Katakomben ohne Umschweife zum Schluss kommen lässt: «Wir haben uns demütigen lassen.» Erst prallt der Ball Nikki Havenaar im Strafraum an die Hand, Sébastien Wüthrich verwertet den Penalty im Nachschuss, wenig später steht der japanische Innenverteidiger zu weit weg von Stevanovic, dieser passt in die Mitte zu Alex Schalk, der Roy Gelmi und Faivre mittels Drehschuss aus kurzer Distanz düpiert. Es ist der letzte Stich ins Thuner Herz, gleich anschliessend erlöst Schiedsrichter Lukas Fähndrich die Protagonisten in Rot-Weiss und beendet die Partie, wobei dessen Pfiff fliessend in ein Pfeifkonzert der Zuschauer übergeht.

Entschuldigung für die Fans

«Ich muss mich bei allen entschuldigen, die ins Stadion gekommen sind», sagt Schneider. «Sie haben nicht den FC Thun gesehen, den sie sehen wollen.» Der Trainer spricht die vielen Fehler an, die zahlreichen technischen Unsauberkeiten, aber was ihn vor allem stört, ist das Auftreten seines Teams. «Wir dürfen 0:4 verlieren, aber nicht auf diese Art und Weise.»

Schneider spricht von fehlender Leidenschaft, fehlendem Willen. In seinen Worten erinnert vieles an jenen verhängnisvollen Tag im März 2018 als die Thuner in Sitten 2:7 untergingen. Diese Partie stand am Anfang eines grundsätzlichen Hinterfragens, das auch jetzt folgen wird. Denn für Schneider war dieses Jubiläumsspiel noch viel schlimmer.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt